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… das Herz in meinen Händen: Werner Maser über seine neue Heinrich-George-Biographie

 
     
 
Herr Prof. Maser, Sie gelten als hochgeschätzter Biograph von so unterschiedlichen Personen aus der Politik wie Hitler, Hindenburg, Ebert oder Kohl. Warum nun eine Persönlichkeit wie Heinrich George, die scheinbar ausschließlich in der Sphäre des Künstlerischen angesiedelt war?

Es war das Bedürfnis, Heinrich George endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! Wären seine Vita und sein Engagement lediglich "im Künstlerischen angesiedelt" gewesen, hätte ich gewiß keine politische Biographie geschrieben.

Läßt man zunächst die politischen Begleitumstände im Lebensgang Georges außer acht und fragt nach der künstlerischen Rangordnung des Schauspielers. Wo läge dann sein Stellenwert?

An der Spitze aller Theater- und Filmschauspieler, die es bislang gegeben hat. Er war und ist nach wie vor der erratische Block unter Kieselsteinen.

Beruht Georges Ruhm eher auf seinen Darstellungen im Bereich Film oder Bühne?

Sowohl als auch!

Nun ist die Biographie Georges verknüpft mit dramatischen politischen Vorgängen unserer National
geschichte, er war beruflich verbunden mit namhaften Persönlichkeiten der NS-Zeit und er kam in einem stalinistischen Konzentrationslager zu Tode. Ein ungewöhnliches deutsches Schicksal oder ein vergleichbares?

Angesichts seiner Berufung und seines Berufes eher ein singuläres "Schicksal", vor allem auch wegen der schier unglaublichen Denunziationen und Lügen, deren Behauptungen zum Teil noch heute als "objektive" Tatsachenschilderungen gesehen wurden und werden.

Sie haben Ihr Buch nach einem gleichnamigen Bühnenstück mit dem Untertitel versehen "Mensch aus Erde gemacht". Wie sehr war George das?

Das Drama "Mensch aus Erde gemacht" von Friedrich Griese war von Griese ausdrücklich auf "Georges Leib geschrieben". George, um den letzten Teil Ihrer Frage zu beantworten, war jedoch ein total anderer Mensch als die Hauptfigur Grieses, der in George den genialen Schauspieler erblickte, der fähig erschien, sein Drama, das den NS-Vorgaben extrem widersprach, angemessen zur Geltung zu bringen, was denn auch geschah. George spielte den Hauptpart so unübertrefflich – und der "Weltanschauung" des NS-Regimes widersprechend, daß die SS-Führung den energischen Versuch unternahm, das Stück unter allen Umständen zu verbieten. Georges mutiger Erklärung, daß er dann eben gar nicht mehr spielen würde, war es schließlich zu verdanken, daß die SS klein beigab – und George in "seinem" Stück rund zwanzigmal spielen konnte.

Es gibt eine umfangreiche deutsche Film- und Bühnengeschichte, aber auch eine umfassende Memoirenliteratur über die zwanziger und dreißiger Jahre. Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie bei Ihren Studien gewinnen? Muß in diesem Bereich umgeschrieben werden?

Sowohl aus der politischen als auch aus der historischen Perspektive mußte ich – auf Dokumente gestützt – nahezu alles neu bewerten. Nahezu ausnahmslos gehören Darstellungen Georges, die fast immer die historischen Hintergründe und ihren Zusammenhang mit George total verkennen oder gar voreingenommen bösartig verfälschen, ins Reich der Märchen- und Legendenliteratur. Es ist unmöglich, "die neuen Erkenntnisse", nach denen Sie fragen, hier aufzuzählen. Die Antworten finden Sie nahezu auf jeder Seite der politischen Biographie, die sich ausschließlich auf unbestreitbare Dokumente stützt.

Wodurch unterschied sich der Lebensgang eines Heinrich George von dem eines vergleichbaren Mimen aus Übersee und worin lag in Friedenszeiten der Unterschied zwischen Ufa und Hollywood?

Die US-Schauspieler, um hier nur ein wesentliches Kriterium anzuführen, wurden nicht politisch gegängelt, überwacht und seitens des Staates gezwungen, bestimmte Rollen zu spielen, wie es bei George seit 1933 der Fall war. Hollywood, wo George vor 1933 ebenfalls spielte und beispielsweise von Albert Einstein geradezu wie ein Weltwunder bestaunt wurde, war ein kommerziell orientiertes Künstlerparadies, oft auch für mittelmäßige Mimen. Die Ufa dagegen war ein Kind der deutschen Obersten Heeresleitung und wurde auf Ludendorffs Weisung vor dem Ende des Ersten Weltkrieges gegründet, zu einer Zeit also, als an einen Sieg der Mittelmächte nicht mehr ernsthaft zu denken war. Ihre Aufgabe lag damit – außerhalb der dann folgenden Weimarer Republik – auf der Hand.

Wir kennen das Schicksal Tassos, des Dichters am Hofe von Ferrara. Ist die Kluft zwischen Machtpolitik und Kunst am Beispiele Georges unüberbrückbar, muß sie stets zu Anpassung oder zu totaler Verweigerung führen?

Die Frage ist nur mit "Ja" zu beantworten. Daß zwischen 1933 und 1945 gelegentlich geringfügige Abweichungen möglich waren, beweisen konkrete Beispiele.

Bei Künstlern, Schauspielern zumal, treten häufig Brüche zwischen künstlerischem Sein und privater Sphäre auf. Welche sind Ihnen bei George besonders aufgefallen?

Da gibt es einen ganzen Katalog von Diskrepanzen, die das Buch ausführlich darlegt. Um diese Antwort mit einer Feststellung Hermann Hesses abzuschließen, möchte ich ihn zitieren: "Ich wollte sein, was ich nicht war", schrieb er und folgerte: "Ich wollte zwar ein Dichter sein, aber damit auch ein Bürger ... Lange hat es gedauert, bis ich es wußte, daß man nicht beides sein kann." Diese Definition gilt natürlich zwangsläufig um so mehr für den Schauspieler. Was George nicht zuletzt besonders auszeichnete, war die Tatsache, daß er sein eigenes Leben für andere aufs Spiel setzte. Als Intendant und Generalintendant des Berliner Schiller-Theaters, an dem er bis zum Ende des NS-Regimes rund ein Dutzend jüdische und "jüdisch versippte" Schauspieler spielen ließ, wobei er Kopf und Kragen riskierte, verzichtete er darauf, wenn immer es nur möglich war, Stücke von NS-Autoren aufzuführen. Goethe, Schiller, Shakespeare, Hauptmann, Kleist, Grabbe und Puschkin, um nur einige Namen anzuführen, standen vor allem auf seinen Programmen. Günter Weisenborn, der Mitglied der Roten Kapelle war, holte er als Dramaturg an sein Theater, das Goebbels meist verächtlich als "Judenstall" bezeichnete. Niemals war er Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Organisationen ... Rassisch verfolgte Kollegen und deren Familien bewahrte er vor dem Tod in Konzentrationslagern und sorgte dafür, daß sie normal leben und arbeiten konnten. Einer von ihnen wurde dank Georges Engagement von Hitler sogar zum Nichtjuden erklärt.

Welche Darstellung Georges hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Sie meinen, welche Biographie oder biographische Skizze? Keine! Die meisten von ihnen, ich sagte es schon, gleichen Märchenbüchern, Legendensammlungen – oder puren politischen Instrumentalisierungen.

Sie haben eine geradezu sensationell zu nennende Zahl von zeitgeschichtlichen Dokumenten aufgetan, die dem Leben Heinrich Georges gerechter werden als viele politisch zeitgeistig bestimmte Beiträge. Sieht ein Historiker hier schärfer als manche Feuilletonisten?

Was weiß der gewöhnliche Feuilletonist beispielsweise über historische Hilfswissenschaften, und was kann er mit spezifischen historischen Dokumenten beginnen, zumal dann, wenn sie auch noch, wie es im Falle George zum Teil der Fall ist, auch noch in russischer Sprache abgefaßt sind? Ein seriöser Historiker redet nicht nach, was andere vor ihm "meinten", ohne seine fachlichen Hilfsmittel "befragt" zu haben. Sein Amt geht von gänzlich anderen Vorgaben aus. Er hat weder darzustellen, was jeweils gerade vom Zeitgeist – oder gar von besonders betroffenen Personen wie zum Beispiel von Familienangehörigen oder Verwandten – gewünscht wird, sondern zu untersuchen und nachzuvollziehen, wie es wirklich gewesen ist. Daß ich diese Kriterien um einen ganzen Katalog erweitern könnte, wissen Sie als erfahrener Journalist.

Gibt es noch etwas, was George einmalig erscheinen läßt?

Er hat den ungezählt oft zitierten Satz zur Makulatur und puren Platitüde werden lassen, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht.

Als Mithäftling Georges in Sachsenhausen können Sie vielleicht beurteilen, wie George sich selbst, sein Leben und seinen Platz in der Geschichte einschätzte.

Heinrich George, und dies weiß ich – Sie sprechen es in Ihrer Frage an – aus persönlicher Erfahrung, war bis zuletzt fest überzeugt, daß er dereinst nicht wie ein welkes Blatt aus der Geschichte geweht werden würde.

Sein Ende war, wie Sie es ja auch als Überschrift für das letzte Kapitel gewählt haben, tragisch.

George starb nicht, wie er es sich in einem Gedicht wünschte, das er im Lager Sachsenhausen geschrieben hatte. "Meinem Leben", so hieß es da, "erscheint oft das Ende gesetzt, doch das Schicksal muß mich wohl lieben. Ich wurde wie der Reiter über den See gehetzt und bin doch heil geblieben. In Freiheit will ich sterben in himmlischer Luft, den König Lear noch einmal spielen, dann, wenn mein Klingelzeichen ruft, auf den Brettern verenden, den Sielen. Ein ,Grüß Gott die Kunst‘ aus mir klingen, der einsame Vorhang gefallen sein. Irgendeiner wird irgendwo die Mondnacht singen, und ich fahr in die Versenkung ein. Dann schließ ich beide Augen dicht, das Herz in meinen Händen, erlösch ich wie das Rampenlicht. So, Schicksal, will ich enden." – Die Gerechtigkeit war auf der Strecke geblieben!

Eine letzte Frage: Wer wird demnächst unter die Lupe genommen?

Wilhelm Keitel und Hermann Göring.

Herr Prof. Maser, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 
     
     
 
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