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Ärger vor dem Museum

 
     
 
Das Land Nordrhein-Westfalen hat durch seine finanzielle Förderung einen Studentenaustausch zwischen russischen Studenten der Königsberge Universität und Studenten der Münsteraner Universität möglich gemacht, der alle Teilnehmern zufolge äußerst erfolgreich verlaufen ist. Veranstalter dieser Maßnahme wa der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Bundes der Vertriebenen (BdV). Die studierende Teilnehmer gehörten keiner Organisation an, sondern hatten sich auf entsprechende Aufruf an den Universitäten gemeldet. Bei den Studenten vom Pregel handelte es sich fas ausschließlich um angehende Germanisten, um das Sprachenproblem zu vermeiden. Die nordrhein-westfälischen
Studierenden kamen aus juristischen, politikwissenschaftliche oder historischen Fachbereichen.

Sonntag

Zehn mehr oder weniger übermüdete Studenten aus Nordrhein-Westfalen steigen in Königsberg Hauptbahnhof aus dem Zug. Viele haben am Abend zuvor mit gemischten Gefühle in Berlin den Nachtzug nach Königsberg bestiegen. Sie fahren erstmalig so weit "nac Osten", um die Hauptstadt Ostdeutschlands und das sie umgebende Gebiet kennenzulernen Empfangen werden sie nicht nur vom herrlichen ostdeutschen Herbstwetter, sondern auc von zehn Germanistikstudenten und -studentinnen der seit 1967 wieder bestehende Königsberger Universität, die die Ankömmlinge mit Blumen begrüßen. Dabei sind auc die Lehrstuhlinhaberin für Germanistik, Professor Sarkowa, und die Vertreterin de Stiftung Königsberg in der Stadt, Lilian Mayerhoff, ohne die die umfangreich Organisation, schon wegen der fehlenden Sprachkenntnisse, nicht zu bewältigen gewese wäre.

Im Frühjahr 2000 sollen die russischen Studierenden nach Deutschland kommen. Ziel de Austausches ist das gegenseitige Kennenlernen, das bessere Verständnis füreinander. Die gemeinsame Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur Ostdeutschlands und das Erleben vo Ort sollen das Bewußtsein dafür schaffen, daß das Königsberger Gebiet von heute ein besondere Geschichte hat und eben auch zu Mitteleuropa gehört.

Die russischen Studenten werden den Deutschen diesen nördlichen Teil Ostdeutschlands mi ihren Augen zeigen und vorführen. Den Anfang macht nach dem Mittagessen in gemeinschaftlich bezogenen Hotel ein gemeinsamer Stadtrundgang.

Mit Bus und Straßenbahn wird Königsberg in deutsch-russisch gemischten Einzelgruppe erkundet. Dabei werden ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Universität Zentralmarkt oder Cafés sind erste Anlaufpunkte. Eine geführte Standrundfahrt soll a nächsten Nachmittag folgen. Dieser Tag soll zunächst der Standortbestimmung dienen: W bin ich eigentlich? Nach dem ersten Kulturschock beim Anblick der Wohnblocks an de Langgasse (Moskowskij Prospekt) reift bei den aus verschiedenen Fakultäte zusammengewürfelten deutschen Studenten die Erkenntnis: Man kann hier leben, es gib sogar Kaffee.

Beim ersten gemeinsamen Abend ist von Müdigkeit bereits nichts mehr zu spüren. Ma versucht, sich besser kennenzulernen, sich die Namen aus der anderen Gruppe zu merken Erste gemeinsame Pläne für zukünftige Abende werden geschmiedet. Die Beschränkung au Studenten der germanistischen Fakultät in Königsberg erweist sich rasch als große Vorteil. Sprachschwierigkeiten sind ausgeschlossen.

Montag

Das Semester in Königsberg hat bereits wieder begonnen. Die Gruppe besucht die Universität. Zwei Vorträge über die russischen Autoren Platonow und Puschkin stehen au dem Programm. Das Fazit der deutschen Studenten: Seminarräume an Universitäten sehe wohl auf der ganzen Welt gleich aus und vermitteln immer die gleiche Atmosphäre. Nur ei einziger Unterschied wird festgestellt. Die Bestuhlung in Königsberg ist moderner als a der Universität in Münster.

Nach dem Mittagessen im rustikalen "Raskule" steht nun die Stadtrundfahrt au dem Programm. Unter der sach- und fachkundigen Führung von Oxana werden die wichtigste Punkte der Stadt angefahren. Oxana hat sich intensiv vorbereitet und gibt eine umfassenden Überblick über Geschichte und Gegenwart der Stadt. Neue Universität un Kantdenkmal, Dom und das neue Evangelische Gemeindezentrum, die Juditter Kirche und da Deutsch-Russische Haus werden angefahren Im  Gemeindezentrum  berichtet Propst Wolfram über die Arbeit der 3 Gemeinden im Gebiet und stellt sich den Fragen der Gruppen. Im Deutsch-Russischen Hau erläutert die Ehefrau des Direktors Höcker Aufgaben und Arbeitsweise der Einrichtung die mittlerweile zusätzliche Räume anmieten mußte. Kulturveranstaltungen, Sprachkurs und Ausstellungen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vielfältigen Programm Eingebettet in die Stadtrundfahrt ist eine Stadtrallye, die zahlreiche Fragen zu verschiedenen Punkten in Königsberg stellt und nicht allzu ernst genommen werden sollte Die Preisverleihung findet nach dem Abendessen statt.

Dienstag

Der Tag steht im Zeichen des landschaftlich überaus reizvollen Samlandes. Die Tour a der Küste beginnt in Rauschen mit der Besichtigung des Brachert-Museums. In Deutschlan kaum bekannt, ist es den russischen Studenten nichts Neues, daß Brachert eine Büste de ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss schuf und mit dem Bundesverdienstkreu ausgezeichnet wurde. Staunen bei den deutschen Studenten: In der Bundesrepublik is Brachert fast vergessen. Eine ausgiebige Besichtigung Rauschens rundet den Vormittag ab Nachmittags geht die Fahrt nach Palmnicken weiter. Der Bernstein-Tagebau und da Bernsteinmuseum sollen besichtigt werden. Die russischen Studenten sind gut vorbereite und berichten über die wirtschaftliche Bedeutung des Bernsteins.

Ärger kommt vor dem Museum auf. Während die russischen Studenten zehn Rubel Eintrit zahlen sollen, wird für die deutschen Studenten das fünffache verlangt. Man verzichte auf den Besuch und weicht auf eine private Bernsteinmanufaktur aus, die die Verarbeitun des "Ostseegoldes" eindrucksvoll vorführt. Der Tageabbau wird im Anschlu erkundet.

Besonderes Interesse weckt das Referat über die ökologischen Probleme des Gebietes Natalja und Nadja zeigen anhand eines Bachlaufes die gravierenden Umweltverschmutzungen 131 Firmen haben bis vor kurzem ihre Abwässer ungeklärt in das Gewässer geleitet mittlerweile sind es nur noch 97 Betriebe. Die anderen Unternehmen haben die Wirtschaftskrise nicht überlebt. Der Geruch ist jedoch fast unerträglich geblieben. Ei deutscher Student schlägt eine "Emscher-Lösung" vor: Einbetonieren. Die Problematik ist plötzlich allen bewußt. Das Bild der unberührten Natur trügt häufig Die Verschmutzung ist stärker als vermutet. Das es sich dabei nicht nur um ein auf da Königsberger Gebiet begrenztes Problem handelt, ist offensichtlich.

Mittwoch

Das heutige Programm ist der einmaligen Kulturlandschaft Nord-Ostdeutschlands gewidmet die in den zahlreichen erhöht liegenden Kirchbauten ihren stärksten Ausdruck findet Anatolij Bachtin, Autor des Buches "Vergessene Kultur – Kirchen in Nord-Ostdeutschland" und der gleichnamigen Ausstellung führt die Gruppe in einem weite Bogen um Königsberg herum und zeigt und erläutert Kirchenbauten aus den verschiedene Epochen des Landes.

Er führt den Verfall, aber auch neue Perspektiven für Ordenskirchen Einwandererkirchen und Jubiläumskirchen der Jahrhundertwende vor Augen. Bei jedem Bauwer gibt er ausführliche Erläuterungen zu Geschichte und Gegenwart. Von den ehemals 22 evangelischen und katholischen Kirchen des Gebietes sind 91 völlig zerstört, von 6 Kirchen existieren nur noch minimale Bestandteile. 66 Gebäude sind mehr oder weniger gu erhalten und bedürfen dringender Sicherungsmaßnahmen. Für alle ist dies ei eindrucksvoller Tag, die Besichtigung der Kirchen ist eingebettet in Referate und Bericht über die Geschichte des Deutschen Ordens. Einer der Höhepunkte ist die Besteigung de Turms der Friedländer Kirche, der einen weiten Blick in die ostdeutsche Landschaf zuläßt. Das Mittagessen wird in Form eines Picknicks an der Allee eingenommen.

Donnerstag

Der Tag gehört einem Ausflug in das Königsberger Gebiet. Auf der frühere Reichsstraße 1 geht es über Tapiau, Insterburg und Gumbinnen nach Süden, Richtun Trakehnen. In Tapiau wird das Geburtshaus von Lovis Corinth, dem bekanntesten deutsche Maler des Impressionismus, besucht. Das Metallschild, das darauf hinweist, ist vo "Metallisten" entfernt worden. Professor Sarkowa kennt das Haus auch ohn Hinweisschild. Ein Referat über die Bedeutung Corinths für die deutsche und europäisch Malerei rundet den Besuch ab.

In Trakehnen steht natürlich das ehemalige Gestüt im Mittelpunkt des Interesses; ei Teil der Gruppe besucht die deutsche Schule Trakehnen. In Groß Rominten wird ein Tischlerei besichtigt, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für den ganzen Ort. Nur kurz wir die evangelische Salzburger Kirche in Gumbinnen besucht. Der Nachmittag wird in Insterbur verbracht. Die Besichtigung eines holzverarbeitenden Betriebes unter deutscher Leitun steht im Mittelpunkt. Ausführlich werden Wirtschaftsfragen diskutiert. "Eine Millio kleiner Schwierigkeiten, aber man kann hier arbeiten", ist das positive Fazit de Unternehmers, das die Hoffnung auf eine zukünftig bessere wirtschaftliche Entwicklun zuläßt.

Freitag

Die Literaturwissenschaft hat an diesem Tag das Sagen. Thomas Mann und Herman Sudermann stehen im Mittelpunkt des Tages. Die Fahrt geht über die Kurische Nehrung nac Nidden zum Thomas-Mann-Haus, nicht ohne den landschaftlichen Reizen der Nehrung die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Im Thomas-Mann-Haus referiert Professor Sarkow eindrucksvoll und anschaulich über Leben und Werk Manns. Weiter über die Nehrung geht e nach Memel, auf den Spuren Sudermanns. Auch der von der Kritik geschmähte Sudermann wir auf deutschen Bühnen kaum noch gespielt, ist in der Bundesrepublik ebenfalls fas vergessen, unter deutschen Studenten kaum bekannt. Bei den Russen erlebt er ebenso wie be den Litauern eine Renaissance. Das Dramentheater in Tilsit spielt Sudermann-Stücke, in germanistischen Fachbereich der Universität ist Sudermann präsent. Eine Doktorandi referiert über Sudermann, macht mit seinen Stücken bekannt. Für viele ein weitere Aha-Erlebnis. Natalja hat Sudermann bei zehn deutschen Studenten populär gemacht. Ma möchte Sudermann lesen.

Sonnabend

Der Samstag gehört dem Abschied und der Abschlußdiskussion. Ein deutsch-russische Studentenaustausch ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Um so bemerkenswerter is der Erfolg dieser Begegnung, die nicht einmalig bleiben soll und im Frühjahr in Münste fortgesetzt wird. Beide Gruppen haben viel gelernt, voneinander erfahren und sind sic persönlich näher gekommen. Ein Ziel dieser Begegnung ist auf jeden Fall erreicht: Die Deutschen haben festgestellt, daß nicht nur der Westen interessant ist, sondern daß auc das östliche Europa etwas zu bieten hat. Die russischen Studierenden sehen das Gebie jetzt vielleicht mit etwas anderen Augen, einem etwas sensibleren Blick. Der Gegenbesuc wird jedenfalls mit Spannung erwartet, und der Abschied war fast noch herzlicher als de Empfang. Markus Patzk
 
     
     
 
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