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Angoulême: Erschießt die Gefangenen

 
     
 
Ist ein Krieg vorbei, dann stehen beide Seiten, ob Siege oder Besiegte, vor den Trümmern, seien es die materiellen wie Haus und Hof, seien e moralische und ethische. Wie mit zerstörten Häusern umzugehen ist, darüber ist man sic weithin einig: sie sind wieder aufzubauen. Was mit zerstörten Wertmaßstäben, de Verbrechen und jenen geschehen soll, die Verbrechen begangen haben, darüber gibt e grundverschiedene Ansichten.

Als nach dem fürchterlichen Dreißigjährigen Krieg
e vor über 350 Jahren jen Mächte, die weite Teile Deutschlands verwüstet hatten, sich in Münster und Osnabrüc trafen, um Frieden zu schließen, kamen sie überein, über die von allen Parteie verübten Verbrechen den Mantel des Vergessens zu breiten. Es galt die allgemein Generalamnestie. In der weisen Erkenntnis, daß die Ahndung der Verbrechen die Völker au Jahrzehnte hinaus zerreißen würde, stellte man sogar unter Strafe, wenn jeman Beschuldigungen erhob und damit die langsam vernarbenden Wunden wieder aufriß.

So gingen in praxi auch die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges mit den von ihne begangenen Verbrechen um. In keinem einzigen Land, ob in Frankreich oder Großbritannien den USA oder der Sowjetunion, ob in Polen, der Tschechei oder Jugoslawien und Griechenlan – in keinem dieser Länder wurde auch nur eines der Verbrechen, das von Bürgern de eigenen Landes zwischen 1939 und 1945 Menschen gegnerischer Staaten zugefügt worden war geahndet. Das ließ im Laufe der Jahrzehnte die Legende aufkommen, daß diese Länder mi reiner Weste aus der Vergangenheit hervorgegangen seien, eine Legende, die von jede Historiker widerlegt werden kann.

Ganz anders verhielt sich das geschlagene Deutschland. Die Kräfte, in deren Händ nach der militärischen Niederlage die Macht in Deutschland gelangte, vertraten die Meinung, es müßten die von Deutschen begangenen Kriegsverbrechen in möglichs exzessiver Weise an den Pranger gestellt und verfolgt werden. Sie gaben vor, dies Forderung zu erheben, weil dadurch das deutsche Volk moralisch geläutert werde. Außerde würde die öffentliche Ausbreitung der von Deutschen begangenen Verfehlungen daz führen, daß dergleichen auf der ganzen Welt nie wieder geschehe. Es wurde verboten, un dieses Verbot wird bis heute von publizistischen "Instanzen" bis zu Bundespräsidenten immer wiederholt, deutsche angebliche oder wirkliche Untaten zu vergessen. Solche Appelle und dementsprechende Handlungen wurden um so rabiater, je weite man sich vom Kriegsgeschehen entfernte. Das Erstaunliche: die deutsche politische Klass machte weitgehend mit, so als würde es ihr behagen, die Wunden nicht vernarben zu lassen.

Wie andere Nationen mit Kriegsverbrechen umgehen, die von ihren Bürgern begange worden sind, dafür findet der aufmerksame Betrachter immer wieder erstaunliche Beispiele Ein solches geriet durch Zufall der Redaktion dieser Zeitung zur Kenntnis.

Am 20. September 1996 veröffentlichte die französische Tageszeitung "Courrie Francais de Charente" eine beinahe ganzseitige Geschichte unter dem Titel "L fusillé rescapé de 1944". In Wort und Bild berichtete das Blatt von dem Besuch de nunmehr 71jährigen ehemaligen deutschen Soldaten Helmut Dressel in Angoulême, eine Stadt etwa hundert Kilometer nördlich von Bordeaux. Dressel war am 31. August 194 zusammen mit weiteren Kameraden in Angoulême in die Gefangenschaft der französische Widerstandsbewegung geraten und eine Stunde nach der Gefangennahme von einem Kommand nierdergeschossen worden. Seine ebenso wehrlosen Kameraden fanden ausnahmslos den To durch die Hand der Partisanen. Nun wollte er den Ort seiner nur durch unglaubliches Glüc gescheiterten Ermordung noch einmal besuchen, was die Aufmerksamkeit der örtliche Zeitungsredakteure erregte, die sachlich und unaufgeregt über die damaligen Ereigniss berichteten. Dabei stützten sie sich nicht nur auf die Erzählungen des deutsche Zeitzeugen, sondern konnten auch auf Fotografien zurückgreifen, auf denen das damalig grausige Geschehen festgehalten war.

Am 16. August 1944 gab Hitler den Befehl zur schrittweisen Räumung Südfrankreichs Drei Tage später begann der Rückzug der Heeresgruppe G von der spanischen Grenze und de Atlantikküste. Zu den zurückgehenden Soldaten gehörte auch Helmut Dressel. Er war 1 Jahre alt und noch niemals in Kampfhandlungen verwickelt gewesen. Der geborene Thüringer aus einer kommunistisch gesinnten Familie stammend, wurde nach seiner Dienstzeit in Reichs- arbeitsdienst zur Wehrmacht eingezogen und im Frühjahr 1944 mit seiner Einheit a die Atlantikküste verlegt. Er tat Dienst an der spanischen Grenze. Beim Rückzug de Heeresgruppe G wurde Dressel versprengt und machte sich gemeinsam mit vier Kameraden au den Weg in Richtung Dijon. Über Bordeaux geriet er in die heute 50 000 Einwohne zählende Stadt Angoulême, dem Verwaltungssitz des Departements Charente, besonder bekannt durch die in seiner Gegend angebauten Weine.

Die Gruppe hatte einen Lkw auftreiben können, der bei der Durchfahrt durch Angoulêm durch ein Kommando der Resistance, sogenannten FFI-Leuten, gestoppt wurde. Die Deutschen allein auf weiter Flur, ergaben sich kampflos und wurden entwaffnet. Sie beobachteten daß offenbar ein in einen Ledermantel gekleideter Fotograf mit einer Pistole in der Han das Kommando über die Freischärler hatte. Dieser Fotograf machte auch einige Aufnahme und wird einige Jahrzehnte später ein Buch über die Geschichte der französische Widerstandsbewegung schreiben, in dem er aus seiner Sicht die Ereignisse am 31. Augus 1944 in Angoulême schildert, allerdings in einer Weise, die einigen Zweifel an der Roll entstehen läßt, die er in seiner Selbstdarstellung schilderte. Tatsächlich hatte e wohl eine wesentlich aktivere und bestimmendere Aufgabe in dem Kommando der Partisane gehabt, als von ihm heute zugegeben wird.

Die Freischärler befehlen den deutschen Gefangenen, sich an einer Maue niederzusetzen, da sie für die Zeitung fotografiert werden sollen. Man unterhält sich offenbar können einige der Partisanen deutsch. Plötzlich wird den Gefangenen befohlen sich zu erheben. Sie müssen sich mit dem Rücken zur Wand vor eine Mauer stellen am Plac Bourbonnaise an der Einmündung der Rue de Moulin des Dames. Die Resistance-Partisane formieren sich offenkundig zu einem Erschießungskommando. Unter ihnen fällt ein seh junger Mann auf, von dem später aus dem Buch des Fotografen zu erfahren ist, daß er 1 Jahre alt war. Einige der deutschen Gefangenen, die begreifen, daß man sie ermorden will rufen nach ihrer Mutter, einer schreit "Pardon". Es nützt nichts. Unter de beobachtenden Blicken von Anwohnern, die aus den Fenstern gucken, bringen die Franzose ihre Karabiner in Anschlag und strecken mit einer Salve die deutsche Kriegsgefangene nieder.

Die Salve war auf den Unterleib gezielt und riß bei den meisten Deutschen schrecklich Wunden. Sie wälzten sich schreiend am Boden, wie später der Fotograf in seinem Buc beschrieb. Die Partisanen traten auf die sich am Boden Krümmenden zu und gaben einem nac dem anderen den Fangschuß.

Den heute noch lebenden Helmut Dressel traf der Pistolenschuß im Genick. Heute noc sitzt das Projektil bei ihm zwischen Wirbelsäule und Unterkiefer. Zwar verlor er da Bewußtsein, doch lebte er. Nach den Schilderungen im Buch des Fotografen wurden daraufhi die Leichen oder die vermeintlichen Leichen geplündert. Man zog ihnen die Stiefel aus entleerte ihre Taschen, stahl ihnen die Uhren.

Helmut Dressel wachte in der Nacht aus seiner Bewußtlosigkeit auf, weil e Feuchtigkeit im Gesicht verspürte. Er bemerkte, daß jemand auf die toten Deutschen sein Notdurft verrichtete. Wieder verlor Dressel das Bewußtsein. Erneut wurde er wach, als e an Armen und Beinen weggetragen werden sollte. Er machte sich, so gut es ging, bemerkbar Offenbar mußten deutsche Kriegsgefangene die toten Kameraden wegschaffen. Einer von ihne bestand darauf, daß Dressel ärztlich versorgt werde. Eine Französin leistete Erst Hilfe; eine Familie nahm sich seiner an. Die übrigen Leichen wurden zusammengetrage – es erwies sich, daß an anderen Stellen der Stadt noch weitere tote deutsch Soldaten lagen – und vor einem noch heute existierenden Haus am Place Bourbonnaise a der Einmündung der Rue de Bordeaux niedergelegt.

Dressel wurde am nächsten Tag ins Hospital Beaulieu geschafft, wo er zwar noch einma von Widerstandskämpfern beschimpft wurde, man ihn im übrigen aber ärztlich versorgte So überlebte Helmut Dressel und konnte 52 Jahre später den Ort des Verbrechens wiede besuchen.

Bezeichnend für den Umgang mit eigenen Kriegsverbrechern ist in Frankreich die Schilderung, die der damalige Fotograf in seinem Buch über die Geschichte der Resistanc abliefert. Autor ist Louis Boye, der seinem Buch den Titel gab "Un jour, le gran bateau viendra – Chroniques de la Resistance". Es erschien im Verla L’Harmattan, Paris, Anfang des Jahres 1996. Boye gibt sich darin als Fotograf aus der in der Nähe des Tatortes wohnte und durch Zufall Zeuge wurde. Tatsächlich gab er de Partisanen die Anweisung, den Lkw, mit dem die deutschen Soldaten in den Ort gekomme waren, wegzuschaffen. Er behauptet, zu der Gruppe sei ein Melder mit einem Brief gekommen der den Befehl enthielt: "Erschießt die Gefangenen!", mit der Begründung, e sei eine Vergeltungsmaßnahme. Helmut Dressel hat davon nichts beobachten können. De französische Buchautor bezweifelt selbst die Begründung.

Die Gefangenen werden angewiesen, sich an die Mauer zu stellen. Einer versucht zu fliehen. Der Fotograf und spätere Buchautor beschreibt, wie er mit dem Revolver in de Hand hinter dem Flüchtenden herläuft. Der Gefangene stürzt in eine Art Baugrube un bleibt betäubt auf ihrem Grund liegen. Dazu der französische Buchautor: "Endlic kommt einer der FFIs (Partisanen), der weit hinter mir war. Ich zeige ihm, wie man in die Grube hinabsteigen kann ... Er geht hin und macht dem Deutschen kalten Blutes mit eine Kugel in den Kopf den Garaus." Zurückgekehrt zu der Gruppe der inzwische erschossenen Gefangenen, stellt der Fotograf fest, daß sich die erschossenen Soldate noch bewegen. "Sie bewegen sich noch, verkrampfen sich, kriechen auf dem Boden wi Würmer ... Ich bücke mich zu einem der Sterbenden, den ich umdrehe. Seine Auge sind geöffnet, der Blick ist leer und verschleiert. Ich starre in diese Augen, die mic nicht mehr sehen. Was sehen sie wohl jetzt jenseits des Lebens? Ich mache ein Experiment ich schieße neben seinen Ohren in die Luft. Der Deutsche zuckt, sein Mund verzieht sich die Augenlider zucken. Die Bewegungen werden langsamer. Dann ist es aus."

Das Sterberegister der Gemeinde nennt unter dem (falschen) Datum des Todes 27. Augus 1944 (tatsächlich: 31. August) 14 unbekannte deutsche Soldaten. Man begräbt die ermordeten deutschen Soldaten auf dem Friedhof Bardines in Angoulême, von wo aus sie 196 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge umgebettet werden auf den deutsche Soldatenfriedhof Berneuil. Dort ruhen sie zusammen mit anderen unbekannten deutsche Soldaten.

Es ist nicht bekannt, daß die französischen Behörden gegen die Urheber de Verbrechens ermittelt hätten, geschweige denn, daß sie bestraft worden wären, wie es in Deutschland in einem ähnlichen Fall, in dem Deutsche Täter gewesen wären, unter große publizistischer Anteilnahme aller Medien mit Sicherheit geschehen wäre.

Den deutschen Vergangenheitsbewältigern müßte sich eigentlich die Frage stellen, o nun die Franzosen, die sich hartnäckig weigern, Vergangenheitsbewältigung in deutsche Stil zu betreiben, moralisch minderwertiger sind als die Deutschen. Merkwürdigerweis nimmt sich kein deutscher Vergangenheitsbewältiger die Einstellung der Sieger zu Vorbild, wie es sonst in diesen Kreisen die Regel ist. Und so hat sich denn in de Öffentlichkeit die Ansicht durchgesetzt, daß es nur Deutsche gewesen seien, die sic Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben. Und dafür müssen sie bis heute büßen.

 
     
     
 
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