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Die Auseinan-dersetzungen um Peter Sloterdijk, der angesichts fortschreitender Gentechnik und der damit auch verbundenen Möglichkeit des geklonten Menschen mit einer sogenannten Anthropotechnik verbale Flirts veranstaltet, ist so umwerfend neu nicht. Längst wird kontrovers diskutiert, ob es für den Staat eine Möglichkeit geben dürfe, in den genetischen Code des Menschen einzugreifen. Unter jenen, die solches befürworten, sind Fragen nach Grenzen und nach Autoritäten aufgetaucht.
In Wahrheit bedeutet der "Fall Sloterdijk" nichts als ein Aufein-anderprallen zweier spezifisch "abendländische n" Denkweisen schlechthin. Es handelt sich zum einen um den auf Metaphysik gegründeten Idealismus, der dem Christentum und dem Liberalismus in gleicher Weise verbunden sein kann, und um den Materialismus, der spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert der Metaphysik vermeintlich den Rang abläuft. Dieser Materialismus wird immer mehr und weit über das "Abendländische" hinaus zum Richtmaß einer angeblich globalen Gesellschaft, ohne daß dabei das Metaphysische seine Gültigkeit verlöre.
Die Apologeten des materialistischen Denkens haben aus ihren Absichten nie einen Hehl gemacht. So hat beispielsweise einer der geistigen Väter des Marxismus-Leninismus, der Philosoph Ludwig Feuerbach, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unmißverständlich offenbart, daß sich der Mensch Gott, also den metaphysischen Urgrund, selbst geschaffen habe und Gott nicht etwa den Menschen. Selten war mit so deutlicher Offenheit der Weg aufgezeigt worden, der es letztendlich mit solcherlei Ethik ermöglichte, Menschen als Material zu betrachten, das ohne den geringsten "überweltlichen" Einfluß zu manipulieren sei.
Das materialistische Denken ist mit dem Zusammenbruch des Bolschewismus keineswegs verschwunden. Im Gegenteil, es treibt im Sinne etwa der US-amerikanischen Vorstellungen von der "Einen Welt", deren Ethik sich vorwiegend aus ökonomischen Zusammenhängen ergibt, fröhliche Urstände. Insbesondere aber die Wissenschaft, ein globaler Faktor per se, ist seit den Tagen der Aufklärung mit wenigen Ausnahmen in zunehmenden Maße dem metaphysischen Urgrund aller Dinge entfernter denn je. Der US-Physiker Steven Weinberg brachte es anläßlich eines Symposiums in Potsdam zur Suche nach einer Weltformel auf den Punkt: sie werde "uns die Welt kalt und unpersönlich erscheinen lassen".
Wer sich in seiner Denkweise von der Metaphysik verabschiedet und die Gottlosigkeit vorzieht, der kann Gedankenspiele über Anthropotechniken sich zu eigen machen. Allerdings: angesichts des materialistischen Bootes, in dem die Wissenschaft heute mehrheitlich sitzt, gerät die Kritik an Sloterdijks Äußerungen nachgerade zur Farce: der eine Materialist nörgelt am anderen herum, aber sie singen eigentlich ein Lied. Daß Sloterdijks Vorstellungen vom "neuen Humanismus" bei der möglichen Gen-Reproduktion von dem linken Guru Jürgen Habermas vor allem mit dem Vorwurf der "Faschismusnähe" quittiert werden, macht diese Mummenschanzerei nur noch deutlicher.
In einem französischen Magazin schrieb Sloterdijk, die metaphysische Unterscheidung zwischen dem Geborenen und dem Gemachten, zwischen Organismus und Maschine sei bedroht und könne dem Gedanken eines "postmetaphysischen Kontinuums" nicht mehr lange standhalten. Hier spricht die "objektive Wissenschaft", die nach den Worten des Schriftstellers Dieter Duhm nur das Außen der Welt sieht, aber sich von "elementaren Lebensenergien und Lebenszusammenhängen abgenabelt hat".
Sloterdijk gehört zu jenen, für die alles meßbar sein muß. Innerhalb der kleinen Strecke zwischen Geburt und Tod maßt er sich "Machbarkeit" an, die sich über die Unergründlichkeit dieser beiden Faktoren hinwegsetzt. Nur weil er nicht weiß, was vor und nach dem Leben geschieht, läßt er nichts gelten. Daraus den Anspruch über das Leben zu reklamieren erscheint vermessen.
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