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Das menschliche Verhalten wird überwiegend durch Lernvorgänge bestimmt. Die Überlagerung von instinktgesteuerten durch erlernte Verhaltensweisen ist schon in den phylogenetisch-taxonomischen Reihen der Tiere zu beobachten und insbesondere in der Primatenreihe von den Halbaffen zu den Menschenaffen weit vorangeschritten. Überall, wo Lernvorgänge eine Rolle spielen, wird das Verhalten plastischer und variabler. Eine allgemeine Grundlage menschlichen Verhaltens ist damit ein hohes L e r n -v e r m ö g e n. Wichtig dafür ist zunächst das Gedächtnis, das in der Primatenreihe zunehmend vervollkommnet wird: Die Zeit, in der eine einmal gezeigte Futterquelle in der Erinnerung behalten und bei einer zweiten Darbietung sofort aufgesucht wird, beträgt bei Halbaffen 5 Sekunden, bei Catarrhinen und Gibbon 15 Sekunden, bei Menschenaffen bis zu 2 Stunden und mehr; beim Menschen ist der Aufschub des Handelns praktisch unbegrenzt. Die Aufgliederung des Wahrnehmungsfeldes und die Fähigkeit, die Teilinhalte variabel zu kombinieren, ist eine weitere Grundlage der Intelligenz, »der Fähigkeit, unter Erfahrungseinsatz zu lernen« (Fische 1). Die Erfassung von Teilinhalten die Voraussetzung für jede Abstraktion und Begriffsbildung ist in Ansätzen schon für Wirbellose nachzuweisen, besonders eingehend für das Zählvermögen von Vögeln untersucht (0. K o e h l e r) und auch bei den höheren Primaten gut belegt. Es bleiben aber bei allen Tieren Schwierigkeiten, ein Ding als identisch zu erkennen, wenn sich die äußeren und inneren Umstände seiner Wahrnehmung ändern, wenn es also in der Umgebung anderer Dinge oder mit einem anderen Gefühlsakzent auftritt (Katz, S c h e l e r). Auch im Laufe der ontogenetischen Entwicklung reift erst die Fähigkeit zur Aufgliederung raumzeitlicher und emotionaler Gestalt e n, sie ist nicht nur in verschiedenen Altersklassen, sondern auch bei verschiedenen Konstitutionstypen unterschiedlich ausgebildet (Konstitution, psychophysische Korrelationen). In der analytischen Aufgliederung der Wahrnehmungen und der Erfassung der Dingkonstanz (Katz) übertrifft Homo in hohem Grade alle lebenden Tierprimaten; die Dingkonstanz ist eine wichtige Grundlage für die Symbolsprache mit ihrer fixierten Beziehung zwischen Lautgestalt und Bedeutung.
Erinnerungsspeicherung, Wahrnehmungsanalyse und Assoziationen sind in erster Linie eine Funktion der G r o 1310 i r n -r i n d e, die in der Primatenreihe eine fortschreitende Vergrößerung teils durch Vergrößerung der Schädelkapazität, teils durch Faltung des Hirnmantels erfährt. Der heutige Abstand zwischen Homo und Tierprimaten wird dabei durch die Fossilfunde überbrückt (Abstammung). Hand in Hand damit geht eine fortschreitende Differenzierung der histologisch unterscheidbaren R i n d e n f e l d e r. Die den Assoziationen dienenden sog. sekundären Rindenfelder werden dabei stärker vergrößert und vermehrt als die primären Rindenfelder für Sinneswahrnehmung und Motorik. So umfaßt das Stirnhirn, das für die höheren Denkleistungen besonders wichtig ist, bei Halbaffen 8 v. H. der Großhirnrinde, beim Schimpansen 17 v. H., beim Menschen durchschnittlich 29 v. H. Neu sind beim Menschen u. a. das Sprechzentrum in der 3. Schläfenlappenwindung (Brotasche Windung) und dicht daneben das Gnosien- und Praxienzentrum, das u. a. für die technischen Fertigkeiten von Bedeutung ist (K 1 ü v e r). Neben dem Gehirn ist die von der Fortbewegung befreite Arbeitshand das für den Kulturaufbau wichtigste Organ; es entwickelte sich mit der Aufrichtung, ist also phylogenetisch älter als die menschliche Hirnkapazität. Die freie Greifhand ist nicht nur für Gebrauch und Bearbeitung von Werkzeugen, und damit für die ganze technische Umgestaltung der Umwelt notwendig, sondern unterstützt auch die Erfassung der Dingkonstanz und damit Symboldenken und Symbolsprache; die haptische Komponente im Aufbau des geistigen Weltbildes tritt in der Sprache noch deutlich hervor (erfassen, begreifen, Begriff, aufnehmen u. a.).
Während also die allgemeine Kulturfähigkeit des Menschen in seinem gattungskennzeichnenden Bau begründet ist, sind Wachstum und Aufgliederung der Kulturen nicht mehr aus der Erbnatur des Menschen zu verstehen. Die Hirnkapazität erreicht bereits am Ausgang des älteren Paläolithikums die für Homo sapiens kennzeichnende Größe. Der Zivilisationsprozeß ist dagegen seitdem nicht nur erheblich fortgeschritten, sondern hat sich auch zunehmend beschleunigt. Kultur wächst durch Akkumu1ation (Anhäufung): Altes bleibt vielfach neben Neuem bestehen, und mit jeder Erfindung wächst die Zahl der Kombinations- und Variationsmöglichkeiten. Die Besonderheit der kulturellen Evolution, die mehr. additiv als substitutiv arbeitet (K r o e b e r), ermöglicht auch das Nebeneinander vieler Kulturen, das für den Menschen ebenso charakteristisch ist wie die allgemeine Kulturfähigkeit. Voraussetzung für den Akkumulationsprozeß ist die Tradition von Erfahrungen und Kenntnissen. Der lange und enge Zusammenhang zwischen älterer und jüngerer Generation durch die lange Jugendzeit ur cl das lange Senium des Menschen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Akkumulationskapazität wird durch die Sprache in hohem Grade gesteigert, die ihrerseits als reine Lernsprache durch Tradition weitergegeben werden muß, und sie wurde stark beschleunigt durch die Erfindung der Schrift. Bücher stellen »gewissermaßen extracerebrale Assoziationsketten von wachsender und letztlich fast unbegrenzter Komplikation dar, die beliebig an die physiologisch knüpfbaren Assoziationsketten des Gehirns selbst angeschaltet werden können« (R e n s c h).
Bei dem Wachstum der Kultur durch Akkumulation spielen auch Kopfzahl und Bevölkerungsdichte (-± Demographie) eine Rolle. Die Chancen für Neuerfindungen durch schöpferisch begabte Individuen steigen mit der Kopfzahl, die Chancen für die Diffusion (Ausbreitung) neuer Kulturgüter mit der Bevölkerungsdichte. Bei kleinen ethnischen Gemeinschaften niedriger Wirtschaftsstufe und geringer technischer Naturbeherrschung ist zudem die Arbeitsteilung gering; jeder einzelne ist in die Aufgabe der direkten Nahrungsbeschaffung gestellt, Muße ist kaum vorhanden. So haben Sonderbegabungen geringere Chancen sich zu manifestieren oder an spezialisierten Beschäftigungen zu üben, als in größeren, wirtschaftlich und kulturell schon stärker differenzierten Verbänden. Arbeitsteilung und Spezialisierung erhöhen die Leistungs- und Anpassungskapazität der Specie; das gilt sowohl für die Besetzung der verschiedensten Naturumwelten, die jeweils durch spezielle Kulturvarianten umgestaltet und damit für den Menschen bewohnbar werden, wie für die innere Differenzierung der ethnischen Lebensgemeinschaften, wo der Selektionsvorteil der Höherzivilisierten sich in den höheren Bevölkerungszahlen ausdrückt (Sozialanthropologie, interethnische Auslesevorgänge). Damit ist auch für die allgemeine Kulturfähigkeit des Menschen ein hoher Selektionsvorteil anzunehmen, der die fortschreitende Ausgestaltung der spezifisch menschlichen Lebensweise und den Aufstieg des Menschen zur dominanten Primatenform verständlich macht. |
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