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Gründung des Königreichs Preußen

 
     
 
Preußen, das stellt für im gegenwärtigen Zeitgeist verhaftete Deutsche ein Reizwort dar, verbunden mit Attributen wie Militarismus, Kadavergehorsam oder auch Autoritätshörigkeit. Für andere hingegen ist Preußen gleichbedeutend mit Tugenden wie Pflichtbewußtsein, Toleranz und Sparsamkeit.

Dreihundert Jahre nach der Gründung des Königreiches Preußen
und mehr als ein halbes Jahrhundert nach der offiziellen Auflösung des zu jenem Zeitpunkt schon gar nicht mehr existierenden Staates scheiden sich noch immer die Geister an diesem geschichtlichen Phänomen, wird weiter darum gestritten, wie jenes Gebilde, das nach den Worten Hermann Rauschnings, des Präsidenten des Senats der Freien Stadt Danzig, nicht nur ein Staat, sondern eine Idee war, historisch einzuordnen ist.

Am 25. Februar 1947 erließ der Alliierte Kontrollrat, der sich damals aus den Generalen Lucius Clay (USA), Sir Brian Robertson (Großbritannien) und Joseph Pierre Koenig (Frankreich) sowie dem Marschall Wassili Sokolowski (Sowjetunion) zusammensetzte und der die oberste Regierungsgewalt auf dem Territorium des besetzten Deutschland ausübte, das Gesetz Nr. 46, in dem es hieß: "Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erläßt der Kontrollrat das folgende Gesetz:

Artikel I

Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst." In der Realität war der frühere Bundesstaat Preußen zu diesem Zeitpunkt längst "tot". Seine Landesteile im Osten (Pommern, Ostdeutschland, Schlesien) waren von Polen und Russen annektiert, die dort lebende deutsche Bevölkerung zum Teil geflohen, zum Teil vertrieben worden, während sich die übrigen Landesteile nach und nach zu neuen politischen Gebilden ("Ländern") formiert hatten, im Westen etwa Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, in Mitteldeutschland (bis 1952) Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Und weil durch die Errichtung dieser Nachfolgeländer aus den ehemaligen preußischen Provinzen in allen vier Besatzungszonen "nicht mehr rückgängig zu machende Tatsachen geschaffen" worden waren, stellte das Dekret eigentlich nur "ein nachgezogenes ,Stück Potsdam‘" dar, "einen späten juristischen Akt, der der geschichtlichen Entwicklung hinterherzuhinken schien" und eigentlich keiner Notwendigkeit bedurft hätte. Gleichwohl geschah dies "Nicht mehr im Affekt des ersten Siegerrausches, sondern in planmäßigem Vollzug Stalinscher Forderungen" – auf Antrag Großbritanniens! Dabei war eine einheitliche Besatzungspolitik der Alliierten 1947 kaum noch erkennbar, und so wollte man durch die Einigung über die offizielle Auflösung Preußens "wenigstens" ein Stück Gemeinsamkeit demonstrieren, bewies damit allerdings nur einmal mehr, "daß Übereinstimmungen lediglich für destruktive Maßnahmen zu erreichen waren."

Das Ende Preußens, das 1947 von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs nur noch formaljuristisch besiegelt wurde, hatte sich bereits vorher in Etappen vollzogen. Die meisten Historiker nennen in diesem Zusammenhang den 20. Juli 1932, als die sozialdemokratische Regierung Preußens unter Ministerpräsident Braun durch einen Staatsstreich des Reichskanzlers von Papen gestürzt wurde, der sich dann selbst zum Reichskommissar für Preußen ernennen ließ. Braun stellte damals fest, daß damit die "Mission des neuen Preußens, die Demokratie in Deutschland zu sichern und zu vertiefen", zu Ende gegangen sei, und Preußen-Forscher Hans-Joachim Schoeps bezeichnet jenen Tag als das Datum, "an dem Preußen de facto zu bestehen aufgehört hat ... Pikanterweise war es dann erneut ein 20. Juli", der des Jahres 1944, "an dem das alte Preußen zum letzten Male sichtbar wurde": Die Liste der Männer nämlich, die nach dem Attentat auf Hitler hingerichtet wurden, "liest sich wie ein Auszug aus dem preußisch-deutschen Adelsregister".

Andere Geschichtswissenschaftler sehen das Ende Preußens, jenes Staates, der mit der Krönung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. zum "König in Preußen" am 18. Januar 1701 im Schloß zu Königsberg geboren wurde, schon früher, nämlich entweder 1871, als es in dem neu gegründeten Zweiten Deutschen Kaiserreich aufging, oder aber 1918, als die Herrschaft der Hohenzollern, die untrennbar mit Preußen verbunden war, ihr Ende fand; denn Preußentum und Monarchie bedingen einander.

Schließlich wird in Historikerkreisen sogar die Ansicht vertreten, daß der Zerfall Preußens eigentlich schon 1806 einsetzte, als es in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen die Truppen Napoleons die wohl bitterste militärische Niederlage seiner Geschichte hinnehmen mußte.

Wie dem auch sei – von Preußen ging für Freund und Feind stets eine eigenartige Faszination

aus. "Was es seinen Nachbarn lange Zeit unheimlich und manchmal gefährlich machte", so urteilte ein anderer Preußen-Forscher, Sebastian Haffner, "war viel weniger sein Militarismus als die Qualität seiner Staatlichkeit: seine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung." Preußen war immer ein Rechtsstaat, und der Wahlspruch "suum cuique" ("Jedem das Seine") stellte das "Bekenntnis zu einer gerechten sozialen Staatsordnung" dar, denn "Recht war Recht, und Unrecht war Unrecht, und dazwischen lag nichts als das sittliche Gesetz im Menschen und das Gesetz des Staates über dem Menschen". Für den britischen Historiker Feuchtwanger schien deshalb Preußen "einzigartig in seiner Fähigkeit, ein Gefühl gegenseitigen Vertrauens zwischen Bürgern und Staat zu schaffen", und Oswald Spengler sinnierte ergänzend: "Demokratie bedeutet in England die Möglichkeit für jedermann reich zu werden, in Preußen die Möglichkeit, jeden vorhandenen Rang zu erreichen."

In der Tat waren es die klassischen preußischen Tugenden, die den Staat im 18. Jahrhundert zum modernsten Europas werden ließen: neben der Rechtsstaatlichkeit die Sparsamkeit, religiöse und weltanschauliche Toleranz, Pflichterfüllung und Dienst am Gemeinwesen. Preußen nahm die Hugenotten und die Salzburger Protestanten auf, ja es war überhaupt das erste Land der Erde, das absolute Religionsfreiheit gewährte. Als erstes Land der Erde führte es auch die Schulpflicht ein, schaffte die Pressezensur ab und schuf durch sein "Allgemeines Landrecht" die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Als eines der ersten Länder dieser Welt gab es auch den Juden volle Bürgerrechte, nicht zuletzt entstand die moderne, der übrigen Welt später als Vorbild dienende Sozialgesetzgebung Bismarcks unter der Führung Preußens.

Für den preußischen Staat und seine Verwaltung waren alle Einwohner "zunächst einmal preußische Untertanen. Und alsdann auch noch evangelische und katholische Christen oder Juden, und zuletzt waren sie auch noch Deutsche oder Polen." Preuße war man, wie zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten aus seiner Geschichte zeigen – Freiherr vom Stein, Scharnhorst, Gneisenau, Fichte, Hegel und andere –, "nicht von Geblüt, sondern man wurde es durch Bekenntnis", oder, um noch einmal Oswald Spengler zu zitieren: "Preußentum ist ein Lebensgefühl, ein Instinkt, ein Nichtanderskönnen ... Das Offizierskorps, das Beamtentum, die Arbeiterschaft Bebels, endlich ,das‘ Volk von 1813, 1870, 1914 fühlen, wollen, handeln als überpersönliche Einheit. Das ist nicht Herdengefühl; es ist etwas unendlich Starkes, Freies darin, das kein Nichtdazugehöriger versteht. Das Preußentum ist exklusiv."

Preußisch zu sein und zu handeln, das war im Laufe der letzten drei Jahrhunderte immer gleichbedeutend mit sauber, unbestechlich, anständig, gerecht, sparsam und pflichttreu. Preußentum galt als "Maßstab eines Wertes, nämlich des Wertes einer Lebensordnung ... in der ganzen Welt seit dem Tage, da dieser Begriff wissentlich geprägt wurde. Wollte man in der Vergangenheit einem Volke das höchste Prädikat für eine Lebensordnung geben, so fand man nichts höheres als das Adjektiv ,preußisch‘." So wurden etwa die Japaner als Preußen Ostasiens, die Bulgaren als die Preußen des Balkans und die Chilenen als Preußen Südamerikas bezeichnet, "wobei vermerkt werden muß, daß diese Werteinstufungen weder von Preußen noch überhaupt von deutschen Menschen vorgenommen wurden, sondern daß fremde Völker ihren Nachbarn, Freunden oder Feinden dieses anerkennende Zeugnis ausstellten."

Manche Historiker sind in den letzten Jahren nicht müde geworden, den Nationalsozialismus als die Fortsetzung des Preußentums darzustellen. Sie bedienten sich dabei – hoffentlich unbewußt – der NS-Propaganda, denn Hitler kündigte in seinen Reden häufig die "Wiederherstellung deutscher Größe in der Tradition Friedrichs des Großen und Bismarcks" an, und Reichsminister Dr. Goebbels beschwor seinen "Führer" als "die letzte Verkörperung einer langen preußischen Tradition". In Wirklichkeit aber waren es, wie schon erwähnt, gerade die Nationalsozialisten, die Preußen den Todesstoß versetzten.

Der nicht mehr existente Staat Preußen befindet sich dreihundert Jahre nach seiner Errichtung in einer ähnlichen Lage wie Polen zwischen 1795 und 1918, das letztlich wiedererstand, "weil seine Staatsidee über ein Jahrhundert hin am Leben blieb ... Es könnte sein", so Preußen-Verehrer Schoeps, "daß Europa an Preußen ähnliches erleben wird, da sich eine historische Wirklichkeit nicht verbieten und nicht auflösen läßt. Das Fehlen Preußens bedeutet, daß ... dieser Staat seine europäische Funktion nicht mehr erfüllen kann, die in der Klammer- und Brückenbildung zwischen Ost und West bestanden hat." Denn Preußen war "immer gleichzeitig Schutzwehr gegen den Osten und Brücke zwischen Ost und West". Und die "Zeit"-Herausgeberin Gräfin Dönhoff fügt ergänzend hinzu: "... ohne die staatsbildende Kraft Preußens und seiner Menschen kann ich mir auch die Bundesrepublik auf Dauer nicht gut vorstellen. In Bayern mag es eine ältere Tradition, im Rheinland weit früher Kultur gegeben haben; aber einen Staat zu bauen, verschiedene Gebiete und Stämme zu integrieren, das hat nur Preußen zuwege gebracht."

De jure wurde Preußen 1947 von der Landkarte getilgt, aber die Werte und Tugenden, die sich im Preußentum manifestieren, werden fortbestehen, denn "solange es ... Men-schen geben wird, die der Verantwortlichkeit das persönliche Wohlergehen freudig opfern, solange wird es Preußen geben"! Anläßlich des 30. Jahrestages der Auflösung Preußens 1977 schrieb Helmut Damerau, der Herausgeber des Deutschen Soldatenjahrbuches: "Preußen kann in Licht und Schatten vor Geschichte und Nachwelt in Ehren bestehen! Sein großes geistig-ethisches und historisches Erbe aber gehört der ganzen deutschen Nation." Diesen Worten ist an Deutlichkeit kaum etwas hinzuzufügen.

Wohl am treffendsten aber kommen Preußentum und preußische Geisteshaltung zum Ausdruck in einem Gedicht, das der zum Tode verurteilte, später zu lebenslanger Haft begnadigte und dann vorzeitig entlassene Generaloberst Eberhard von Mackensen, Sohn des legendären Feldmarschalls, am 13. März 1947 in seiner Gefängniszelle in Italien verfaßte, nachdem er vom offiziellen Ende Preußens erfahren hatte:

"Mögt ihr den preußischen Staat zerschlagen, Preußen wird hoch aus den Trümmern ragen. Einer schon wollte uns Preußen stehlen, doch Preußen lebt zu tief in den Seelen. Preußen ist weder Volkstum noch Rasse, Preußen ist Haltung und niemals Masse. Preußen
 
     
     
 
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