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Alte Augen voller Leben

 
     
 
Die große Uhr in der Halle des Seniorenheims zeigt Elf. Am Ende des dunklen Ganges das Schild mit dem Namen meiner Mutter. Ich klingle dreimal. Das verabredete Zeichen.

Für halb Zwölf habe ich einen Termin beim Augenarzt verabredet. Mutter sieht in letzter Zeit immer schlechter. Hoffentlich ist sie fertig! Ihre Füße gehen langsam und die Parkplatzsuche erfordert immer viel Zeit. Vor einer Stunde habe ich sie telefonisch daran erinnert, was wir vorhaben.

„Morgen, Kind!“ Dieses Aufstrahlen ihrer Augen. „Du kommst ja heute schon so früh.“ Mutter in Pantoffeln, das Haar noch wirr. Die Zeitung liegt aufgeschlagen da. „Ist was los?“ Sie hat mal wieder alles vergessen. Meine Nerven sind wie aufgeschreckte Vögel, sie flattern. Jetzt schnell die Ausgehschuhe an, das Hauskleid ausgezogen. Wir schaffen es in zehn Minuten. Hübsch sieht sie aus in dem neuen Pullover mit der passenden Kette. Noch schnell durch das schüttere Haar gekämmt. Für die Rasur des Damenbärtchens ist es zu spät.

„Nein, Mutter, dein Bett kannst du später machen!“ Wir zuckeln im Schneckengang zurück zur Glastür. Ein paar Heimbewohner begegnen uns. Mutter will zu einem Schwätzchen stehen bleiben, aber ich schiebe sie ungnädig voran. Ich kann ihre Gedanken förmlich vom Gesicht ablesen: „Schaut her, meine Tochter holt mich heute wieder aus dem Gefängnis!“

Zwei, drei der Heimbewohner nicken freundlich, andere reagieren nicht. Erloschene Augen in müden Gesichtern. Ausweglosigkeit. Die Haltung der alten Menschen drückt sie so sprechend aus, die gestorbene Hoffnung auf noch eine winzige Spur Glück.

Das Sitzen im Wartezimmer. Mutter beginnt zu flüstern, laut genug, daß ihre Worte für jeden verständlich sind: „Stell dir vor, der Herr Winter, mein Tischherr, hat sich verliebt. Nein, nicht in mich, in eine Frau im Rollstuhl. Er hat die Frau sogar mit in sein Zimmer genommen. Ph, in dem Alter! Na ja, ich kümmere mich nicht darum! – Guck mal, die alte Frau da ist noch viiiieeel älter als ich!“ Die Leute im Wartezimmer schmunzeln.

Endlich kann ich Mutter ins Sprechzimmer führen. Gerade jetzt meldet sich ihre Blase. Schnell, schnell, ehe der Doktor hereinkommt! Nach der Untersuchung teilt uns der junge Arzt die Diagnose mit. Mutter ist enttäuscht. Keine neue Brille
? Auch keine Tropfen? Nicht mal Tabletten? Wieder lese ich ihre Gedanken. Ein Doktor, der nichts verschreibt, ist kein guter Doktor.

Der zwinkert ihr zu. „Wenn die Krokusse blühn, Frau Brock-mann, sehen wir uns wieder.“ „Wann?“ Sie guckt mißtrauisch. „Im März, Mutter.“ Ich nehme ihren Arm. „Ach so, im Frühjahr. Na dann kann ich längst tot sein!“

Zurück im Seniorenheim. „Danke schön, Kind, für alles. Wie hieß noch dieser komische Vogel in meinen Augen?“ Sie nickt. „Aha, Grauer Star. Da muß ich ja dran operiert werden, nicht wahr?“

Sie reicht mir einen Brief. „Hier, vom Sozialamt. Den Wortsalat verstehe ich doch nicht. Laß das mal deinen Mann lesen. Der kennt sich da besser aus als du.“ Ich schlucke. Mutter ist eben eine vom alten Schlag, kommt aus der Zeit, in der Männer alles besser konnten als Frauen. Sie drückt mir die Hand. „Komm bald wieder, Kind, ich hab ja nur noch dich. Und daß du dich zu Hause nicht übernimmst!“

Im Gehen drehe ich mich mehrmals um. Leicht gebeugt steht sie im Türrahmen. Weiß bauschen sich ihre Löckchen, Engelshaar über großen dunklen Augen, die viel Leid gesehen haben, aber immer noch voller Leben sind. Sie wirft mir eine Kußhand zu und winkt, als sei dies ihr letzter Gruß.

Es war ihr letzter.
 
     
     
 
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