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Die Botschaft der Fotos

 
     
 
Wir sitzen beisammen, die Schwester und ich, und blättern in einem Fotoalbum, dessen Seiten durch spinnwebverziertes Papier voneinander getrennt sind. Wir sehen uns die wenigen erhaltenen, bereits etwas verblichenen und vergilbten Fotografien mit den ausgezack-ten Rändern an. Nur wenige der abgelichteten Menschen, die so ernsthaft und mit starrem Blick in die Kamera schauen, kennen wir.

Eines der Bilder zeigt eine Gesellschaft, die an der Hochzeitsfeier von Tante Hannchen und Onkel Ernst teilnahm. Alle Personen sind dunkel gekleidet, selbst die Braut, die einen weit in die Stirn reichenden gekrausten weißen Schleier trägt. Neben dem Brautpaar sitzt unsere Großmutter mütterlicherseits, die wir noch kannten und die von ihren Enkelkindern liebevoll „Omama“ genannt wurde.

Hinter ihr steht ihr Mann, unser Großvater, der früh verstarb. Über der hohen Stirn wellt sich dichtes graues Haar, einen Bart hat er, dessen Spitzen leicht nach oben zeigen. Der Großvater auf dem Bild blickt streng drein, hätten wir ihn wohl „Opapa“ gerufen?

Eine andere Fotografie zeigt ebenfalls eine Hochzeitsgesell-schaft. Auch auf dieser blicken die Menschen starr, gespannt und fast erwartungsvoll drein. Ernste Mienen, kein Lächeln auf den Gesichtern, obgleich doch eine Hochzeit eigentlich ein froher Anlaß zum Feiern ist. Ob sie wohl alle auf das sprichwörtliche Vögelchen warteten, das angeblich unter dem schwarzen Tuch des hinter der Kamera verborgene
n Fotografen hervor flattern würde? Damals vor etwa 70, 80 Jahren hatte man noch still zu stehen, wollte man sich knipsen oder ablichten lassen, wie es hieß.

Wir forschen in den Gesichtern nach bekannten Zügen und Ähnlichkeiten, raten und versuchen zu deuten, stellen Vermutungen an und können Antworten nicht finden.

Es gibt auch niemanden mehr, den wir nach den abgebildeten Menschen und ihren Lebensumständen fragen könnten. Was hatten die Eltern, die Tanten und Onkel uns damals beim gemeinsamen Betrachten der Bilder noch erzählt? Wir hatten nicht recht zugehört, wir vergaßen es, wir waren jung, hatten andere Interessen. Was wir jetzt gern wissen möchten, wird uns für immer verborgen bleiben. Annemarie Meier-Behrendt
 
     
     
 
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