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Die Gratulationstour

 
     
 
Von Bullen hörte ich nichts Gutes. Was von ihnen erzählt wurde, ließ mich glauben, daß ihr ganzes Sein und Trachten sich darauf beschränkte, Menschen auf die Hörner zu nehmen. Trotz dieser Mutmaßung blieb mir eines Nachmittags nichts anderes übrig, als an einem solchen gehörnten Tier vorbeizugehen. Und zum erstenmal mußte ich es allein tun. Ich wurde von Großmutter, die wegen einer Erkrankung nicht selber konnte, zu einer ihrer Bekannten geschickt, um jener Frau einen Gladiolenstrauß zum Geburtstag zu bringen.

Der Strauß betrug ungefähr vier Fünftel meiner damaligen Gesamtlänge und war für mich eine ziemliche Bürde. Dennoch trug ich ihn freudig davon, denn ich ging nur allzugern zum Geburtstag. Viel mehr als die gewichtigen Blume
n belastete mich jedoch die Frage, was mit dem Bullen war, an dem ich vorbei mußte. Er graste immer in demselben Weidegarten, war innerhalb der Stacheldrahtumzäunung zusätzlich noch angepflockt, also doppelt gesichert, doch sah man ihn manchmal weit vom Weg entfernt, dann wieder ganz nah am Zaun.

Schon aus geraumer Entfernung hielt ich nach ihm Ausschau und entdeckte ihn genau dort, wo ich ihn nicht haben wollte, am Zaun. Wenn der sich losriß und über den Zaun sprang! Noch blickte der Bulle zwar in die entgegengesetzte Richtung, was mich hoffen ließ, daß er mich vielleicht nicht bemerkte, wenn ich an ihm vorbeiging, doch er entdeckte mich sehr bald und kam mir, soweit seine Kette es zuließ, in rasantem Lauf entgegen. Ich blieb stehen. Er gezwungenermaßen auch. Ich sah ihn an. Er guckte mich an. Dann machte ich mutig ein paar Schritte vorwärts. Er rannte sofort in dieselbe Richtung mit. Als ich erneut stehenblieb, tat er es ebenfalls. Wieder standen wir Auge in Auge da. Aber nicht lange. Weg! Nur weg, dachte ich und lief erneut los. Ich rannte, so schnell ich konnte. Dabei rutschten mir ein paar Gladiolen aus dem Arm, aber darum kümmerte ich mich nicht. Ich lief und lief.

Der Weg führte bergauf. Als ich die halbe Höhe erklommen hatte, mußte ich verschnaufen. Ich blickte zurück und sah, daß der Bulle mir immer noch nachstarrte. Wütend streckte ich ihm die Zunge heraus. Dann ging ich weiter.

Auf dem Hof, zu dem ich ge-schickt worden war, empfing mich der dazugehörige Hund mit freudigem Gewinsel und übermäßigen Sprüngen. Die erfreuliche Begrüßung und das, was mich im Haus erwartete, ließen mich den Bullen bald vergessen. Die hohe, dick garnierte Buttercremtorte half dabei.

Nach einem riesigen Stück Torte und nachdem ich eine Weile "Anstand" abgesessen hatte, ging ich auf den Hof hinaus, um ein bißchen mit dem Hund zu spielen. Gleich nachdem ich aus der Haustür getreten war, rief ich ihn. Aber er kümmerte sich jetzt nicht um mich. Er war gerade dabei, seinen Futternapf zu leeren.

Da er nicht zu mir kam, ging ich zu ihm. Ich wollte ihm, wie meistens, den wuscheligen Hals tätscheln. Das aber verstand er in dieser Situation wohl falsch. Ohne irgendwelche Vorzeichen riß er den Kopf hoch und biß mir in den Arm. Ich schrie erbärmlich. Und er verkroch sich in seiner Bude.

Gleich darauf umringte mich fast die gesamte Geburtstagsgesellschaft. Man nahm mich ins Haus, legte mich auf die Ofenbank, und was ich dann hörte war: "Gut ausbluten lassen, Jod, Verband und ein Weilchen liegen bleiben." Doch wie gut das im einzelnen auch gemeint war, ich fühlte mich zu fremd für alles, was hier mit mir gemacht und zu mir gesagt wurde. Ich hatte nur einen Wunsch: so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Nachdem der Arm verbunden war und nach einem Schluck Limonade machte ich mich auf den Weg. Als ich den Berg hinunterlief, kollerten die Tränen in Strömen. Tief erschüttert kümmerte ich mich nicht einmal mehr um den Bullen, der direkt am Zaun des Weidegartens stand und mir entgegenblickte. Ich eilte an ihm vorbei, als gäbe es ihn gar nich
 
     
     
 
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