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Dürer und der Nimbus des Superdeutschen

 
     
 
Manchmal entbehren traurige Begebenheiten nicht einer gewissen Komik. So kann man die Überschrift der Wiener Tageszeitung Die Presse über ihren Bericht zur Eröffnung der Dürer-Ausstellung in der "Albertina" getrost als komisch bezeichnen: "Fischer würdigt Albrecht Dürer, indem er ihn vom Nimbus des Superdeutschen befreit."

Nun ist man es gewohnt, daß Politiker auch dort das Wort ergreifen (und gelegentlich mißbrauchen), wo sie in des Wortes wahrster Bedeutung "nichts zu sagen haben". Allein die Tatsache, daß der Schulabbrecher und spätere Pflasterstrand-Gewalttäter Joseph Fischer über Albrecht Dürer Bewertungen oder Urteile abgibt, kann unter normal empfindenden Menschen wenn schon nicht Empörung (über so viel Unverfrorenheit), dann allenfalls Heiterkeit hervorrufen.

Daß sich führende bürgerliche Politiker wie Bundeskanzler Wolfgang Schüssel oder Außenministerin Benita Ferrero-Waldner nicht zu schade sind, für den ehemaligen Putztruppenkommandanten
die repräsentative Fassade herzugeben, mag noch mit der Staatsräson zu erklären sein, die einen in diesem Metier dazu zwingt, Leuten die Hand zu geben, die man im Privatleben niemals in die eigenen vier Wände lassen würde.

Daß aber die erwähnte Wiener "Qualitätszeitung", dereinst bekannt als Blatt des Bürgertums, sich als Bettvorleger (um nicht zu sagen: Jubelperser) für den "Dürer-Spezialisten" aus Berlin hergibt und ihn sogar als "Stargast" der Eröffnung feiert, zeigt, bis in welche Niederungen der einstige Qualitätsjournalismus herabzusteigen bereit ist.

Fischers Ausführungen über Dürer bestätigen, daß dem jetzigen Chef der deutschen Außenpolitik grundlegende geschichtliche und kulturhistorische Maßstäbe fehlen - etwa wenn er es für geboten hält, den Meister aus Nürnberg vom "Nimbus des Superdeutschen" zu befreien und statt dessen als "Entdecker Europas" zu präsentieren. Daß Dürer vom NS-Regime ebenso "vereinnahmt" wurde wie von den SED-Kommunisten, ist eine Binsenweisheit. Nun mißbraucht auch Fischer den Meister für eigene politische Zwecke, indem er ihn vor den Karren einer Politik spannt, die den Deutschen ewige Schuld vorschreiben will - im Namen der Machterhaltung für Fischer und seinesgleichen.

"Si tacuisses - philosophus mansisses." Vielleicht findet sich im Auswärtigen Amt jemand, der dem Nicht-Lateiner Fischer diesen Satz verdeutscht: "Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben." Daß Dürer ein Deutscher war, ist wohl nicht zu bezweifeln. Daß er im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lebte und aus der freien Reichsstadt Nürnberg stammte, ist wohl auch allgemein bekannt. Außenminister Fischer aber überträgt in seiner Rede die Begriffe der Französischen Revolution, zum Beispiel was Nationalität betrifft, auf die Dürer-Zeit, in der man einerseits universal, andererseits territorial dachte: je nach dem Landesherren, dem man untertan war. Geschichtliche Gestalten durch die Brille simplifizierender Ideologie zu beurteilen, wie Fischer das tut, kann nur zur allgemeinen Verwirrung beitragen. War das vielleicht die Absicht des Berliner Gastes?

Leider trug auch Österreichs Außenministerin Ferrero-Waldner nicht zur Klärung bei, als sie - in Anspielung auf die neulich entstandene Frage, ob Mozart Deutscher oder Österreicher sei - erklärte, Wien werde jeden Versuch unterlassen, Albrecht Dürer zum Österreicher zu machen.

Wieder einmal bleibt einem angesichts zu kurzer ministerieller Würfe nichts, als den alten Bruno Kreisky zu zitieren, der einmal verärgert ausrief: "Gehen s, lernen s erst einmal Geschichte, Herr Redakteur!" Heutzutage würde er diese Forderung wohl auch auf einige Politiker ausdehnen. C.G.S.
 
     
     
 
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