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Ein Dittchen für ein Herz

 
     
 
Das waren Zeiten damals, als ich noch ein Knirps war! Das Christkind belieferte den Weih-nachtsmarkt und schwebte auf die Erde nieder, so leise, wie der Schnee fällt, und so unsichtbar wie der Wind, und die Englein, die es begleiteten, waren vollbepackt mit all den schönen Sachen, die uns am Heiligen Abend beglücken. Erst guckten sie durch die Fenster und in die Betten und Bettchen, ob auch alle schliefen, und dann ging s flugs zum Marktplatz. War das ein Werken und Wirken, Rücken und Bücken, Putzen und Schmücken! Eh man s gedacht, war aus der Budenstadt ein Märchenreich geworden.

Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, fällt mir ein: Die Großmutter war zu Besuch gekommen. Sie drückte mir heimlich zwei Geldstücke in die Hand und sagte, daß ich mir für den Fünfziger etwas kaufen dürfe, das Dittchen aber dem blinden Leierkastenmann unten auf der Straße geben solle.

In meiner Freude vergaß ich den Blinden, der allabendlich vor der Haustür auf einem Klappstuhl saß und die Drehorgel
leierte. Fröhlich lief ich die Straße hinunter, vor-über an prunkvollen Schaufenstern und dem großen Kaufhaus mit den elektrischen Rolltreppen. Einige Häuserreihen weiter war auf einem großen schönen Platz, eingerahmt von prächtigen Fachwerkhäusern, der Christkindlmarkt.

Gleich zu Anfang stand ein riesiger Tannenbaum mit elektrischen Kerzen und blitzendem Lametta, doch der Schnee hatte ihn am schönsten geziert. Auf breiten Theken war die ganze weihnachtliche Zauberwelt ausgebreitet, die sich ein Kinderherz erträumen konnte.

Bald kam ich zu einem Hexenhäuschen. Duftende Lebkuchen lockten die Vorübergehenden wie einst Hänsel und Gretel. Ich dachte an meinen Geldschatz und griff hastig in die Tasche, ob ich ihn auch nicht im Gedränge verloren hatte. Ein Lebkuchen mit einem bunten Nikolausbild lag vor mir, für vierzig Pfennig. Aber daneben lockte ein großes Lebkuchenherz mit einem Mandelkern. Er kostete sechzig. Das Wasser lief mir im Munde zusammen. Das Lebkuchenherz mit dem Mandelkern mußte ich haben! Doch gehörte das Dittchen nicht dem Leierkastenmann? Mir wurde ein wenig eng in der Brust. Aber wer würde es wissen, wenn ich das Dittchen vernaschte?

Als ich dann aber das Lebkuchenherz in meinen Händen hielt, war es mir plötzlich, als stünde der Blinde im Hexenhäuschen. Seine gläsernen Augen schienen sehen zu können. Es war ein trauriger, bittender, vorwurfsvoller Blick. Da schämte ich mich plötzlich so sehr, daß ich mich eilig davonmachte. Ich hatte das Gefühl, alle Leute müßten mir ansehen, daß ich den blinden Mann betrogen hatte.

Es dunkelte schon sehr. Kalter Wind blies von Osten, und der Schnee knirschte unter den raschen Schritten. Die Straßen waren hell erleuchtet, und die Menschen sahen so froh und erwartungsvoll aus. Meine Freude aber war dahin.

Vor der Haustür war der blinde Leierkastenmann gerade dabei, Klappstuhl und Drehorgel auf ein Wägelchen zu verladen. Mit erstaunlicher Sicherheit tat er jeden Handgriff. Verwirrt stand ich vor ihm und sah ihm eine Weile zu. Dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, drückte ich ihm das Lebkuchenherz in die Hand.

"Bitte, nehmen Sie es. Sie haben bestimmt Hunger", bat ich.

Der Blinde wandte mir erstaunt sein Gesicht zu, lächelte glücklich und sagte: "Vielen Dank, mein Junge, und sag auch deinen Eltern ,Vergelt s Gott "!

Da wurde mir mit einem Male wieder leicht ums Herz. Singend und pfeifend eilte ich die Treppe hinauf und war fröhlich und glücklich wie nie zuvor. Jetzt erst war für mich Weihnachten geworden!
 
     
     
 
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