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Geschichte zum Anfassen

 
     
 
Sie haben im Juni den Westpreußischen Förderpreis für Geschichtsforschungen zu Kreis Berent erhalten.

Borchers: Vor allem für mein erstes, 1998 entstandenes Buch. Es umfaßt 250 Seiten un gliedert sich in zwei Teile: einen geschichtlichen zur allgemeinen Entwicklung diese westpreußischen Kreises, den meine Mutter verfaßt hat, und einen zu den verschiedene Ortschaften.

Diesen zweiten Teil habe ich zusammengestellt und dabei Material ausgewertet, das un vertriebene Westpreußen auf Anfrage zukommen ließen. Sofern keine alten Bilder vorhande waren, habe ich eigene aktuelle Fotos eingefügt.

Sie sprechen von Ihrem "ersten Buch". Sagen Sie bloß, Sie haben neben de Schule schon mehrere Bücher geschrieben?

Borchers: Nein, nicht ganz, aber mitgewirkt habe ich bereits an drei Büchern. Mein Mutter vollendete im Dezember 1998 einen zweiten Band, in dem auch ein Beitrag von mi enthalten ist. Der Inhalt ist noch spezieller und behandelt das frühere Besitztum eine Klosters im Kreis Berent. Aus dem Hauptort des Klosterbezirks stammt ursprünglich die Familie meiner Mutter.

Das dritte Werk geht gerade in den Druck. Es ist kein Sachbuch, sondern besteht au Erinnerungen von sieben Autoren aus dem Kreis Berent. Ich habe mir von ihnen bzw. ihre Erben die Veröffentlichung
srechte eingeholt und Fotos ausgesucht. Für mich war die Darstellung aus der Erlebnisperspektive der Menschen besonders reizvoll.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv mit der alten Heimat Ihrer Familie zu beschäftigen?

Borchers: Das erste Mal bin ich 1994 ohne größeres Vorwissen zusammen mit meine Mutter und ihren Geschwistern nach Westpreußen gereist. Dort haben wir uns angesehen, w ihre Familie herkam, und ich habe mein Interesse für die Familiengeschichte entdeckt.

Meinen Großeltern gehörte im Landkreis Berent das 300 ha große Gut Decka. Das habe wir aufgesucht, sind dort herumgewandert, haben frühere Bekannte und Arbeiter gesprochen in dem See auf dem Gutsgelände gebadet. – Echte Geschichte zum Anfassen war das!

Gab es Schlüsselerlebnisse?

Borchers: Wir haben damals auch das Grab des Zwillings-bruders meiner Großmutte gefunden. Dieser starb Weihnachten 1944 und wurde auf dem Gutsland mitten im Wal beerdigt. Die Suche nach dem Grab war sehr abenteuerlich und ist mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben.

Ähnliches gilt für die Landschaft bei Berent. Als damals 13jähriger kannte ich j nur das platte Land bei Oldenburg und genoß die hügelige Gegend in diesem Tei Westpreußens. Nicht zuletzt haben mich Danzig und die Marienburg stark beeindruckt.

Aber wie kam es dazu, daß Sie zum Hobbyforscher wurden?

Borchers: AmAnfang stand wie gesagt das Interesse für die Familiengeschichte. Ic begann damit, Stammbäume aufzuzeichnen. Als in diesem Bereich alle verfügbare Informationen verarbeitet waren, entstand 1996 die Idee, ein Buch über den Landkreis zu schreiben.

Auslöser waren der Tod meiner Großmutter, die mir immer viel aus ihrer Heima erzählt hatte, sowie kurz danach des ehemaligen Heimatkreisvertreters. Dieser hatt bereits ein Buch über den Kreis Berent herausgebracht, das jedoch hauptsächlich Bilde enthielt. Mir wurde schlagartig klar, wie rapide das noch vorhandene Wissen über dies Gebiete mit dem Tod der vertriebenen Generationen verlorengeht.

Und Sie wollten das noch verfügbare Wissen dokumentieren?

Borchers: Ja, denn gerade weite Teile Westpreußens sind infolge des Sonderwegs de "Korridors" von der deutschen Geschichtsschreibung häufig ausgeklammert worden Obendrein ist der Landkreis Berent besonders dünn besiedelt gewesen und hat deshalb woh noch weniger Interesse auf sich gezogen als andere Landstriche. Aus diesem Jahrhunder gibt es bisher nur das besagte Werk des Heimatkreisvertreters sowie einige kleiner Erinnerungen. Von polnischer Seite existiert beispielsweise ein Buch über Schöneck, die zweite Kleinstadt des Gebiets.

Wie viele Deutsche gab es früher in dem Kreis, und wie viele sind es heute?

Borchers: In Schöneck lebten prozentual etwas mehr Deutsche als in Berent. Insgesam waren es vor 1920 ca. 45 Prozent gegenüber 55 Prozent Polen. Heute sind es nur noc wenige. In Berent selbst soll angeblich bloß noch ein einzi- ger Deutscher wohnen, de wir auch einmal aufgesucht haben.

Ansonsten waren wir 1997 im Büro der Minderheit in Danzig. Man konnte es nich übersehen, da es als einziges in der Straße Brandflecke und Farbbeutelspuren aufwies Das war schon schockierend.

Haben Sie noch mehr solche schlechten Erfahrungen gemacht?

Borchers: Es wird ja viel von in Polen gestohlenen Autos berichtet, aber uns ist nicht dergleichen passiert. Im Gegenteil: Die Polen verhielten sich immer sehr freundlich.

Wie oft waren Sie bisher in Berent?

Borchers: Bereits sieben Mal. Die letzten Reisen waren aber nur noch Studienfahrten Wir mieteten uns ein Ferienhaus und steuerten von dort aus vor allem verschiedene Güte an, mit deren früheren Bewohnern meine Großeltern Kontakte pflegten. Erholen tue ic mich, wenn ich wieder zu Hause bin.

In welchem Zustand ist das Gut Ihrer Familie?

Borchers: Es wurde 1945 mit anderen Gütern zu einer staatlichen Kolchos zusammengelegt. Der Verwalter wohnte zuerst selbst auf dem Hof, später kam die Zentral woanders hin, und der etwas abseits gelegene Hof verfiel immer mehr. Seit der Wende wir nun das Land nur noch sehr spärlich bestellt. Die noch immer im Staatsbesitz befindlich Kolchose baut kein Getreide mehr an, sondern – wie uns dort gesagt wurde – nu noch Gras, das ab und an gemäht wird. Das Gutshaus steht noch, aber es regnet rein. De Ort macht einen verlassenen Eindruck, da es praktisch keine Arbeit mehr gibt. Und mehrer der früheren Stallungen existieren nicht mehr. – Man muß schon sagen: Es sieh trostlos aus.

Andere Güter wie etwa die Ordensburg Schloß Kischau gingen dagegen in den Besitz vo Privatunternehmern über und wurden restauriert.

Wie gestaltet sich Ihre Forschung?

Borchers: Bis vor kurzem stand sozusagen die praktische Geschichtsforschung in Mittelpunkt. Wir sind herumgefahren, haben polnische Bekannte nach alten Gegebenheiten un Neuigkeiten gefragt und sehr viel fotografiert. Der heutige Zustand soll dokumentiert un das frühere Aussehen mit Hilfe von Zeitzeugen so genau wie möglich rekonstruiert werden

Mittlerweile kommt auch immer mehr Archivarbeit hinzu. Dieses Jahr sind wir zu Oster und im Sommer mit einer Genehmigung aus Warschau im Staatsarchiv in Danzig gewesen. Es is allerdings mühsam, dort die riesigen Aktenberge zu sichten. Die Lektüre der alte deutschen Handschriften fällt mir noch immer schwer und dauert sehr lange. Ich mu ehrlich sagen, daß mich die praktische Geschichtsforschung mehr reizt als die Arbeit in den Archiven.

Kennen Ihre Mitschüler Ihre ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung?

Borchers: Viele von ihnen schon. Da ich Journalist werden will, habe ich mich bei de hiesigen Oldenburger "Nordwest-Zeitung" beworben und dort auch von meine Freizeitwissenschaft erzählt. Im Sommerloch hat eine Redakteurin dann einen große Artikel über mich gemacht, der einiges Aufsehen erregte.

Ab und zu fragt an meinem Gymnasium mal jemand nach, aber ein tieferes Interess besteht kaum. Die meisten kennen sich mit der Thematik überhaupt nicht aus. Da gibt e die komischsten Bemerkungen. Manche vermuten Westpreußen in Westfalen, weil e "westlich von Preußen" liegen müsse.

Gibt es neben dem fast beendeten dritten Buch schon wieder neue Pläne?

Borchers: Am vierten Buch habe ich bereits angefangen. Thema ist natürlich wieder de Kreis Berent. Diesmal sind die Gutsbetriebe dran. Ich beschäftige mich mit jene Betrieben, die sich vor dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 in deutschem Besitz befanden. Da sind 17 Güter. Von fast jedem habe ich die alten Besitzer bzw. deren Nachkommen ausfindi gemacht.

Können Sie sich vorstellen, über die Lokalgeschichte hinauszugehen?

Borchers: Auf jeden Fall. Aber in bezug auf die west- oder ostdeutschen Geschicht fehlt mir noch einiges Detailwissen. Auch meine eigenen Reiseerfahrungen möchte ic irgendwann mal verarbeiten. Sicher ist aber nur, daß mein Interesse an Westpreuße bestehen bleibt
 
     
     
 
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