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In Armut und Elend

 
     
 
Schon das schöne, scheinbar idyllische Titelbild von "Kindheit in alter Zeit" macht neugierig. Es zeigt eine alte Bäuerin im Türrahmen eines schäbigen Bauernhauses, in ihrer Hand ein Laib Brot und ein Messer. Vor ihr steht ein blonder Knirps, der wohl hofft, ein Stückchen vom Frischgebackenen abzubekommen. Auch die Fotos im Buch zeigen Motive aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die ansprechenden, meist ganzseitigen Schwarzweißaufnahmen von niedlichen Kindern vor der Kulisse des Landlebens stehen allerdings im absoluten Gegensatz zu den abgedruckten Kindheitserinnerungen.

So wurde die 1904 geborene Leopoldine Hammel nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Vater bei Pflegeeltern untergebracht. Da er aber nicht immer dafür zahlte, wechselte das Kind regelmäßig die Familie. Daß ihr einer Pflegevater sich nachts beinahe an ihr vergangen hätte, sie aus Rache aufgrund ihres Widerstandes bei dem nächstbesten kleinen Vergehen wie einen Hund ans Tischbein band und verprügelte, interessierte niemanden, denn das Mädchen wurde sich allein überlassen.

Das Buch berichtet von Kindern, die entweder aufgrund des frühen Todes der Mutter oder aufgrund der vielen Geschwister irgendwo in Pflege gegeben wurden oder als Neunjährige schon zum Arbeiten beim Bauern abgestellt wurden, wo sie sich dann häufig bis zum Ende ihres Berufsleben
s als Tagelöhner ihren Unterhalt verdienten. Die geschilderte Armut, in der die Kinder lebten, läßt einen heute erschauern. So erzählt die 1909 geborene Aloisia Gruber, wie sie und ihre Schwester in einer Schublade daheim noch eine Scheibe Brot fanden, die Mutter ihnen das Essen jedoch verbat, da diese letzte Scheibe für ihre kränkliche, jüngere Schwester Sepha gedacht war.

Auch die Geschichte der in Kärnten geborenen Ludmilla Misotic erschüttert. 1925 kam sie als ungewolltes Kind auf die Welt und überlebte nur, weil ihr Onkel das fast verhungerte Kind an sich nahm und zu Pflegeeltern gab. "Und, der Bankert soll sterben, ich hab ihn sowieso nicht haben wollen", soll alles gewesen sein, was ihre Mutter dem Bruder entgegnet haben soll.

Lieblose Eltern, Armut, böse Pflegeeltern, Kinderarbeit, Einsamkeit, Hunger, Krankheit und geringe Schulbildung prägten das Leben vieler damals auf dem Lande geborener Kinder. "Kindheit in alter Zeit" veranschaulicht, daß die sogenannte "gute, alte Zeit" für viele alles andere als gut war.

Traude und Wolfgang Fath (Hrsg.): "Kindheit in alter Zeit", Böhlau, Wien 2006, geb., 189 Seiten, 19
 
     
     
 
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