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Kinderleer leitbildleer identitätsleer

 
     
 
Wie aktuell sein Tagungsthema war, haben dem Jahreskongreß des Studienzentrums Weikersheim gleich zwei Ereignisse bescheinigt: Wenige Tage zuvor hatten erst die Franzosen und dann die Niederländer den Verfassungsvertrag der EU abgelehnt. Doch hatten die Weikersheimer Organisatoren ihr Thema schon viele Monate vorher formuliert: "Welches Europa wollen wir? National
e Interessen im Europa der Vaterländer." Die beiden Ereignisse kamen also wie bestellt - das Glück der Tüchtigen. Ganz besonders traf dies auf das Vortragsthema von Heinz-Klaus Mertes zu: "In welcher Verfassung ist Europa?" Die Antwort bot sich wie von selbst an: In keiner guten.

Der Publizist Mertes kam denn auch gleich auf den Punkt: "Nie wurde das Jahrhundertwerk Europa von seinen Bürgern so skeptisch gesehen wie derzeit. Die politisch Verantwortlichen sind mit ihrem Handeln der Aufgabe nicht gewachsen - aus welchen Gründen auch immer. Europas Regierungschefs halten sich nur mit Mühe an der Macht. Auch in Brüssel wackelt es nach allen Seiten. In welcher Verfassung ist Europa? In keiner."

Mertes sieht "das Gespenst des Nihilismus" in Europa umgehen. Nihilismus - das Verneinen aller Normen und Werte, aus dem sich zerstörerische Kräfte entwickeln - bestimme in Brüssel und den nationalen Hauptstädten das politische Klima. Erbärmlich sei die Reaktion der Politiker auf die beiden Ablehnungen mit dem vorgestanzten Politvokabular: "Wir haben die Menschen nicht mitgenommen, haben zuviel auf einmal gemacht." Mertes zu dieser Haltung: "Sie können doch nicht Schuld eingestehen und dann einfach so weitermachen wollen wie bisher."

Die Bürger fühlten sich ohnmächtig. Solche Ohnmacht lechze nach Vergeltung. Franzosen und Niederländer hätten sie geübt. Doch sieht Mertes in dieser Vergeltung keine Ablehnung des Europa-Gedankens, sondern nur einen Protest gegen dessen Sinnentleerung. Er vermißt "den Geist der Freiheit" und wirft der politischen Kaste "Geschichtslosigkeit" vor. Diese sei gleichzusetzen mit Verantwortungslosigkeit. Daher könne man nur sagen: "Stopp, Vollbremsung gegen noch mehr Erweiterung der Europäischen Union." Die schleichende Selbstermächtigung in Brüssel sei zu stoppen. Und weiter: "500 Seiten Text können doch keine Verfassung sein, die kommunizierbar ist."

Mit Werten und Leitbildern befaßte sich Italiens Kulturminister Rocco Buttiglione, der für die neue EU-Kommission vorgesehen war, gegen den aber die Linke im EU-Parlament derart polemisierte, daß er sich zurückzog. Buttiglione ist Professor für Philosophie und hat, wie er präzisierte, phänomenologische Philosophie gelehrt, "um den Menschen klares Denken beizubringen". Was er dann auch demonstrierte. Kernsätze aus seinem Vortrag "Welches geistig-kulturelles Leitbild haben die europäischen Institutionen?" waren - in makellosem Deutsch und frei gesprochen - unter anderem:

Die jugendliche Generation hat keine Leitbilder mehr. Die Rolle der Lehrer, der Professoren ist entwertet, deren Autorität erschüttert worden. Autorität hat die Aufgabe, der Jugend aufwachsen zu helfen, sie auf die Arbeitsfähigkeit vorzubereiten und diese zu stärken. Die Tugenden sind als "Tugenden von gestern" abgestempelt worden; jetzt fehlen sie. Man kann nicht erziehen ohne Werte. Man braucht Leitbilder, damit die Jugend sieht, daß es sich lohnt zu arbeiten. Wir haben das Leitbild Familie verloren; dieses wichtigste Leitbild wurde zerstört. Ebenso das Leitbild des Arbeitens. Allmählich schwinden auch die Leitbilder von Vater und Mutter dahin. Es fehlt die tägliche Unterstützung durch die Großeltern, die nicht mehr mit in der Familie ihrer Kinder leben.

Buttiglione weiter: Wir liefern dem Islamismus ein leeres Europa aus - ein kinderleeres, ein leitbildleeres, ein identitätsleeres. Wir brauchen eine kulturelle, eine religiöse Erneuerung.

Der Ostblock-Kommunismus, so der Italiener weiter, sei durch die Kraft von Werten, von Tugenden, von Kultur und Religion untergegangen, nicht durch einen dritten Weltkrieg mit Zerstörung und Blutopfern. Nun habe die Linke Europa übernommen, könne es aber nicht führen. Sie habe keine Idee dafür; "wir müssen Europa wieder eine Idee, eine Identität, ein Leitbild geben". Wir haben viele Gründe, besorgt zu sein, aber - so fügte er sogleich tröstend hinzu, auch viel zu hoffen. Dankbarer Beifall des liberal-konservativen Publikums, wie ihn auch schon Mertes bekommen hatte.

Die Zuhörer - unter ihnen auffallend viele Jugendliche - geradezu in Bann schlug Rainer Glagow, Leiter der Berliner Vertretung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung und ausgewiesener Islam-Kenner. Er sprach darüber, ob die Tatsache, daß die Türkei "ad portas" stehe, ein Wiedererstarken christlich-abendländischer Werte bewirken könne. Er änderte in seinem Vortragsthema das Wort "Türkei" um in das Wort "Islam" und sagte einleitend: "Der Islam steht nicht erst vor den Pforten, er hat sie längst überschritten und befindet sich schon innerhalb der Pforten."

Glagow sieht Deutschland innerhalb der EU von der türkischen und islamischen Einwanderung am stärksten betroffen, es sei ihr gegenüber aber auch das schwächste Land. Ein Wiedererstarken christlich-abendländischer Werte als Bollwerk dagegen bezweifelt er und verweist auf die Kulturrevolution, die diese Werte zerstört habe und weiter zerstöre. Damit setze Rot-Grün das Zerstörungswerk Hitlers an Deutschland in Form der Selbstzerstörung fort. Deutschland - so Glagows Ergebnis - werde schließlich nur noch "ein Wohnterritorium für eine islamisch dominierte Gesellschaft" sein.

Heinz Klaus Mertes
 
     
     
 
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