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Königsberger in Potsdam zu Gast

 
     
 
Passend zum Preußenjahr fand das Treffen der Stadtgemeinschaft Königsberg Pr. heuer erstmals in Potsdam statt. Damit sollte die historische Verbindung zwischen Brandenburg und der Krönungsstadt Königsberg öffentlich herausgestellt werden. Der Veranstaltungsort, die Mensa der dortigen Fachhochschule, vermittelte durch den ostdeutschen Raumschmuck eine gemütliche Atmosphäre und bot für die rund 350 anwesenden Königsberger genügend Platz.

Die Veranstalt
ung hatte viele Höhepunkte - war doch die Möglichkeit, im Herzen Preußens auf dem Boden der ehemaligen DDR ein Treffen der Ostdeutschland zu veranstalten, schon ein Erlebnis für die Königsberger, das sie vor mehr als zehn Jahren für unerfüllbar gehalten hätten. Nun verlieh die Stadtgemeinschaft Königsberg an diesem geschichtsträchtigen Ort zum dritten Mal den Ernst-Wiechert-Preis.

Der Ernst-Wiechert-Preis wurde anläßlich des 100. Geburtstages des Dichters 1987 von der Stadtgemeinschaft Königsberg gestiftet, soll alle drei Jahre vergeben werden und ist mit 3.000 DM dotiert. Der große Dichter aus Kleinort im Kreise Sensburg hat einen großen Teil seines Lebens in Königsberg verbracht: seine Schulzeit, seine Studienjahre, die Jahre seiner Lehrtätigkeit am Fried-richskolleg und am Hufengymnasium. 1930 siedelte er nach Berlin über.

Pater Dr. Guido Reiner war 1990 der erste Preisträger. Er hat mit seiner vierbändigen Wiechert-Bibliographie ein Standardwerk der Wiechert-Forschung vorgelegt und war mehrere Jahre 1. Vorsitzender der 1989 gegründeten Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG). Der IEWG, die mit etwa 150 Mitgliedern in der ganzen Welt inzwischen eine gute, dauerhafte Position unter den zirka 250 existierenden literarischen Gemeinschaften besitzt, wurde 1993 der Ernst-Wiechert-Preis verliehen, da sie in den wenigen Jahren bereits beachtliche Beiträge zur Bekanntmachung und Erforschung des Wiechert-Werkes vorgelegt hatte. Dann ruhte der Preis und wurde nun zwei russischen Persönlichkeiten aus Königsberg zugesprochen, dem Lyriker Sem Simkin und der Germanistin Lidia Natjagan. Beide setzen sich seit Jahren dafür ein, den Dichter, der für sie „zum geistigen Nachlaß Königsbergs gehört“, in der Stadt wieder heimisch zu machen und ihn den russischen Bewohnern nahezubringen.

Sem Simkin, geboren am 9. Dezember 1937 in Orenburg im Ural, lebt seit 1969 in Königsberg. Er studierte an der Moskauer Literaturhochschule „Maxim Gorki“ im Fernstudium und hat fünfzehn Gedichtbände veröffentlicht. 1988 erhielt er den renommierten Preis „Anerkennung“, die höchste Auszeichnung für angewandte Kunst. Seit Beginn der 90er Jahre übersetzt er ostdeutsche Dichter ins Russische, unterstützt von Lidia Natjagan. Zuerst erschien die Anthologie „Du mein einzig Licht“, die schon zwei Auflagen erlebt hat (1993 und 1996), dann die Agnes-Miegel-Bände „Heimkehr“ und „Mein Bernsteinland“, beide 1996, und 1999 der Ernst-Wiechert-Band „Noch tönt mein Lied“. Alle Bücher sind zweisprachig und im „Jantarnyi Skas“-Verlag („Bernstein-Verlag“) in Königsberg erschienen. Auf In- itiative von Sem Simkin wurde der Wiechert-Gedenkstein vor dem Hufengymnasium aufgestellt, wo Wiechert bis 1929 tätig war. Am 18. Mai 1995 fand die Einweihung des Steins zum 90. Jubiläum des Hufengymnasiums statt. Ebenso geht die Schaffung einer Wiechert-Büste durch den Bildhauer Israel Herschberg auf Sem Simkins Anregung zurück.

Lidia Natjagan, geboren am 4. Mai 1944 in Mendelejewsk an der Kamer, einem Nebenfluß der Wolga, kam 1947 nach Königsberg. Die Stadt trug noch ihr deutsches Gesicht, wenn auch in Trümmern. Dom und Schloß, Kirchenruinen und Brachert-Plastiken beeindruckten die Heranwachsende und veranlaßten sie zu einem intensiven Studium der deutschen Sprache. Zudem war ihr Elternhaus von Büchern geprägt. Ihr vielbelesener Vater führte sie in die russischen und deutschen Klassiker ein. Nach dem Germanistik-Studium in Minsk arbeitete sie als Deutschlehrerin im Gebiet und später in Königsberg an der Schule 31. Diese Schule, das ist ihr nächstes Ziel, soll „Ernst-Wiechert-Schule“ genannt werden und in einem Klassenraum ein Wiechert-Museum erhalten.

Lidia Natjagans Begegnung mit dem Dichter begann, als ihre Tochter, Germanistin wie die Mutter, Wiechert als Thema für ihre Diplom-Arbeit wählte. Inzwischen hat Lidia Natjagan den „Ernst-Wiechert-Freundeskreis“ in Königsberg aufgebaut, der rund 50 Mitglieder umfaßt und sich einmal im Monat zu Lesungen und Vorträgen trifft, die von Lidia Natjagan gestaltet werden. 1999 fand eine Ausstellung im Gebietsmuseum statt, und im Mai 2000 besuchten 300 Menschen einen musikalisch-literarischen Abend über Ernst Wiechert im Dom. Auch als Übersetzerin ist Lidia Natjagan in Erscheinung getreten. Das Kapitel „Feste und Spiele“ erschien in dem Almanach „Feuerstein“, und weitere Pläne beziehen sich auf „Das einfache Leben“ und „Missa sine nomine“.

In ihrer Laudatio zitierte die Vorsitzende der IEWG, Dr. P. Lautner, die Dichterin Agnes Miegel, die zu ihrem Zeitgenossen Ernst Wiechert in einem tragischen Widerspruch stand. Es sei Aufgabe von uns Heutigen, die gleiche Botschaft beider aufzuzeigen. So fordert Agnes Miegel in ihrem Gedicht „Am Gartenzaun“ die „Nahwersche“ (Nachbarin) auf, „ans Zaunche“ zu kommen, nachdem ihrer beider Söhne sich blutig bekämpft haben. Dabei habe das Land „zwischen Weichsel und Wolga“ so viele Ähnlichkeiten auf beiden Seiten des Zauns. „Sem Simkin und Lidia Natjagan sind ans Zaunche getreten“, sagte P. Lautner, ein Schritt im Sinne Wiecherts, der nach Unrecht und Leid zu Versöhnung und Liebe aufgerufen habe. Das nördliche Ostdeutschland sei zu einem „Land am Zaun“ geworden, in dem sich Deutsche und Russen treffen und in den letzten zehn Jahren eine enge Verbindung eingegangen sind. Auch Sem Simkin bezog sich in seinen Dankesworten auf die sieben Königsberger Brücken, die er als Analogie zu den sieben von ihm herausgebrachten Büchern sah. Ein achtes Buch soll die achte Brücke symbolisieren: die Brücke der Freundschaft zwischen russischen und deutschen Wiechert-Freunden. .

Die Preisverleihung wurde von einem abwechslungsreichen Programm umrahmt. Für die Musikeinlagen sorgte die Musikschule Fröhlich mit mehreren Akkordeonspielern. Am späten Nachmittag stattete ein historischer Gast zur Überraschung der Anwesenden einen Besuch ab: ein „Langer Kerl“ aus dem Roten Bataillon von Friedrich Wilhelm I. - in historischer Montur - erzählte aus seinem Leben. Daß die Königsberger herzlich lachen können, bewiesen sie während der Mundarteinlagen von Hildegard Rauschenbach. Zwischendurch wendete man sich etwas ernsthafteren Themen zu, wie einem zusammengefaßten Jahresbericht des Stadtvorsitzenden Klaus Weigelt.

Einen zweiten großen Höhepunkt stellte am zweiten Veranstaltungstag, dem 23. September, die Festrede des brandenburgischen Innenministers und Landtagsabgeordneten Jörg Schönbohm dar. Unter den Ehrengästen befanden sich nicht nur drei Wolfskinder aus Litauen und ein Gast aus New York, sondern auch der überraschend eingetroffene Sprecher der Freundeskreis Ostdeutschland, Erika Steinbach.

In den Worten der Begrüßung durch Klaus Weigelt, die der Rede des Ministers vorausging, berichtete der Kreisvertreter von der erfolgreichen Arbeit der Königsberger in den letzten zehn Jahren seit der Öffnung des nördlichen Ostdeutschland und bewies, daß die Stadtgemeinschaft zukunftsorientiert arbeitet. Schon jetzt werden die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Botanischen Gartens der Stadt Königsberg und die Gestaltung des 200. Todestages von Immanuel Kant im Jahre 2004 vorbereitet. Die 750-Jahrfeier der Stadt Königsberg (2005) ist nicht nur fester Termin der Stadtgemeinschaft, sondern auch der russischen Administration vor Ort.

Minister Schönbohm begrüßte in seinen Einleitungssätzen ganz besonders das anwesende Flötenduo. Sie spielten eben nicht nur gut, sondern sie waren auch gleichzeitig die einzigen Vertreter der Stadt Potsdam. Im Laufe seiner Rede führte er dies auf den Geschichtsunterricht zu DDR-Zeiten zurück. „Diese geistige Verwirrung muß noch aufgearbeitet werden.“ Als Bestandteil unserer Kultur müßten nicht nur die ostdeutsche Geschichte, sondern auch literarische Werke wie der „Abschied von Königsberg“ von Agnes Miegel verpflichtend im Schulunterricht behandelt werden. „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“, diese Aufforderung Immanuel Kants und der vollendeten Aufklärung seien aktueller denn je.

Als preußische Tugenden stellte er besonders das Pflichtbewußtsein, die Unbestechlichkeit, die Sparsamkeit und die Pflicht gegenüber dem Staat in den Vordergrund. Alle großen Reformer waren keine Brandenburger. „Die Gesäßbiographie muß ein Ende haben“, betonte er. Der preußische Staat sei zwar tot, aber seine Ideen würden leben. So ist für Schönbohm die einzige Erklärung der Deutsche Einheit: „Der Glaube an den Gedanken der Nation.“

Er dankte den Königsbergern für ihr Engagement und appellierte an die Anwesenden nicht aufzugeben, „… auch wenn sie ihre Heimat noch nicht wieder gewonnen haben“ - im Gegensatz zu ihm, der als gebürtiger Brandenburger nach der Wiedervereinigung, an die eben auch keiner geglaubt hat, wieder in seine Heimat zurückkehren durfte. Sinngemäß führte er aus, daß man ein größeres Glück, als in die Heimat zurückzukehren, nicht erleben könne. Die Heimat präge einen Menschen, verleihe ihm enorme Kraft und sei ein Ort der Begegnung. Auch trotz Globalisierung muß eben doch jeder wissen, wo er herkommt.

 
     
     
 
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