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Ohne Liebe kann man nichts malen

 
     
 
Mein Liebermann, war das schön! - Man meint diesen wonnevollen Seufzer geradezu hören zu können, dabei ist er nur als Kommentar im Gästebuch des Hubertus-Wald-Forums in der Hamburger Kunsthalle zu lesen. Das sinnige Wortspiel läßt schmunzeln, doch trifft es den Nagel auf den Kopf. Die Ausstellung mit Bildern des deutschen Impressionisten Max Liebermann ist tatsächlich schön - die

Werke wie gleichermaßen die Präsentation. Gezeigt werden noch bis zum 26. September (täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr) über 80 Ölgemälde
und Pastelle, die Liebermann von seinem Garten in Berlin-Wannsee schuf.

Lag es am Hamburger Schmuddelwetter, das selbst vor dem Sommer nicht halt macht, oder an der allgemeinen Lage, die die meisten Menschen nicht gerade zu Frohsinn verurteilt? Derartig viele Besucher an einem ganz gewöhnlichen Wochentag, wohlgemerkt ohne Preisermäßigung (schließlich kostet eine Karte 8,50 Euro), in der Hamburger Kunsthalle sind selten, abgesehen von den Schulklassen, die dazu verdonnert werden, Kunst zu konsumieren. Ganz sicher aber waren es die "einzigartigen Augenblicke voller Licht", eingefangen von Max Liebermann vor weitaus mehr als einem halben Jahrhundert, die Kunstliebhaber jeden Alters in das Museum haben strömen lassen. Den Sommer "in die Seele holen" wollten sie, Abstand vom Alltag gewinnen und Kunst genießen (was allerdings bei der zwangsläufigen Unruhe nicht immer leicht war).

Nie zuvor waren diese Bilder in einer Ausstellung vereint, nie zuvor war dem Thema Garten im Werk Liebermanns eine solche Ausstellung gewidmet. Auf die Idee kam Jenns Eric Howoldt, Kurator der Kunsthalle und Projektleiter der Ausstellung, als er von der Restaurierung des seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegten Gartens in Berlin-Wannsee erfuhr. Diese Restaurierung soll bis zum Herbst kommenden Jahres abgeschlossen sein, ebenso wird das Haus dann vollends der Öffentlichkeit übergeben werden. Kein Wunder also, wenn Berlin Interesse an der Hamburger Ausstellung zeigte. Und so wird die Präsentation "Im Garten von Max Liebermann", zu der auch ein umfangreicher Katalog mit ausführlichen Textbeiträgen im Nicolai Verlag erschien (208 Seiten, gebunden, 29,90 Euro; brosch., im Museum 23 Euro), vom 12. Oktober 2004 bis 9. Januar 2005 auch in der Alten Nationalgalerie zu sehen sein.

Berlin und Hamburg - schon zu Lebzeiten Liebermanns gab es zwischen Elbe und Havel eine enge Zusammenarbeit, hatte doch der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, 1902 den Berliner Maler gebeten, in die Hansestadt zu kommen und dort einen Sommer zu arbeiten, um die Sammlung von Bildern aus Hamburg zu erweitern. Aus dieser ersten Begegnung wurde eine Freundschaft, die erst mit dem Tod Lichtwarks 1914 endete und die von gegenseitiger künstlerischer Befruchtung geprägt war.

Bereits 1903 schrieb Liebermann an Lichtwark: "Wissen Sie vielleicht ein Häuschen mit großem Garten für uns in der Umgebung von Hamburg? Es brauchte ja nicht ganz so groß wie der Jänisch sche Park zu sein, aber mit alten Bäumen, in deren Schatten ich meine Modelle posieren lassen könnte." Aus dieser Idee wurde nichts, den Garten aber und das Haus schuf sich Liebermann schließlich in Berlin. In der Villenkolonie Alsen, einem ab 1869 im Südwesten von Berlin geschaffenen "stadtfernen Wohnort inmitten einer idealisierten Natur und als großer, vom Wannsee umspülter Landschaftspark gesehen" (Reinald Eckert), erwarb er 1909 für 145.000 Reichsmark ein 6.730 Quadratmeter großes Doppelgrundstück am Großen Wannsee 42, Ecke Colomierstraße 3 mit Zugang zum See. Der Architekt Paul Baumgarten (1873-1953) schuf nach der Vorstellung von Liebermann, der von den Hamburger Kaufmannsvillen Godefroy und Wesselhoeft angetan war, eine geräumige Villa. An der Konzeption des Gartens war schließlich Alfred Lichtwark, ein Anhänger der Gartenreformbewegung und Mitgestalter des Hamburger Stadtparks, maßgeblich mit beteiligt, die Ausführung lag bei Albert Brodersen.

Schnurgerade Promenadenwege, Sichtachsen, Lindenhecken, Umrahmungen der Beete von niedrigem Buchsbaum, ein zauberhafter Weg durch einen Birkenhain, ein großer Rasen, der bis ans Wasser führt, wo ein Anleger auf Boote wartet, sind in diesem Areal zu finden, immer wieder aber Blumenbeete, ein Rosengarten, eine Blumenterrasse. Motive, die ein Malerherz entzücken müßten. Anders Liebermann. Erst ab 1915 sind erste Wannsee-Bilder nachzuweisen, statt dessen arbeitete der Künstler in seinem neuen Atelier, das es natürlich auch dort draußen gab, an seinem "Uhlenhorster Fährhaus" für die Hamburger Kunsthalle. "Dafür ließ er am Ufer seines Grundstücks und auf dem Wasser seine Frau, seine Tochter und ihre Freundinnen immer wieder Modell sitzen, als Ersatz für die Hamburgerinnen auf dem Fährhaus-Bild" (Jenns Eric Howoldt).

Als Liebermann im Zug des Ersten Weltkriegs dann nicht mehr nach Holland reisen konnte, um dort zu malen, verbrachte er die Sommer fortan mit seiner Familie in der Wannsee-Villa. Über 200 Gemälde und Studien entstanden dort, ein Höhepunkt in seinem Spätwerk. Lichtwark hatte dieses schon vorausgeahnt; er schilderte ein Schlüsselerlebnis, das der Maler in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts bei einem Besuch eines norddeutschen Bauerngartens hatte: "Bald stand er vor der Haustür und beobachtete die Wirkung des Gartens, bald vor der Laube und genoß den Anblick des Hauses, das mit seiner Tür im weichen Schatten der geschorenen Lindenreihe lag ... Mein Freund machte mit den Händen einen Rahmen vor die Augen und probierte Bildermotive, wie die Maler tun. Hundert Bilder könnte man hier malen, meinte er, eins schöner als das andere ..."

Und wahrlich: ein Bild ist schöner als das andere. Aus immer wieder neuen Perspektiven hat er den Nutzgarten, wo er im Krieg sogar Kohl anbauen ließ, die Blumenterrasse mit dem Fischotterbrunnen von August Gaul, die Gartenbänke und Heckengärten, den Birkenhain gemalt. Nur sehr selten sind Menschen auf den Bildern zu finden, meist als Rückenansicht oder als Schemen dargestellt, eimal abgesehen von seiner Enkelin Maria, die er abgöttisch liebte und begeistert malte. Wichtig sind ihm, dem großen Porträtisten, in dieser Zeit vor allem die Blumen: "Mir ist das ganze Gezänk so gleichgültig geworden. Das Treiben der Menschen - was geht mich das noch an? ... Die Liebe ist alles in der Kunst. Ohne Liebe kann man nichts malen. Man kann keinen Grashalm malen, wenn man ihn nicht liebt."

Max Liebermann: Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten (Öl, 1918; im Besitz Gregor Nusser Kunsthandel, München) Foto: Katalog

 
     
     
 
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