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Törichtes Ninive

 
     
 
Entsetzen und Panik ergriffen Stadt und Land, sobald assyrische Soldaten heranrückten. Allen, die sich den Assyrern nicht bedingungslos beugten, drohte Tod oder Deportation. Mittels grausamster Gewalt errichteten die Assyrer in Vorderasien ein machtvolles Reich.

Um 600 v. Chr., nach mehr als 1.000 Jahren, verschwanden die Assyrer fast blitzartig von der Bühne der Geschichte und waren bald vergessen. Eva Cancik-Kirschbaum, Altorientalistin der Freien Universität Berlin
, resümiert knapp und informativ assyrische Geschichte, die uns sehr fremdartig erscheint, worin aber gerade ihr Reiz verborgen liegt.

Erst seit dem 19. Jahrhundert, erläutert die Autorin, entdeckten europäische Forscher Assyrien neu. Archäologen fanden die Ruinen der Städte Ninive, Nimrud und Assur; britische und deutsche Wissenschaftler entzifferten die assyrische Keilschrift. Dennoch sei die Quellenbasis, die den Historikern zur Verfügung steht, immer noch sehr lückenhaft und dürr.

Im frühen 2. Jahrtausend konzentrierte sich um die Stadt Assur am Tigris ein Herrschaftsgebiet. Assyrische Kaufleute trieben Handel mit weit entfernten Regionen, etwa Kleinasien. Schamschi-Adad I. eroberte fremde Städte, bis das Reich nach kurzer Zeit zerfiel und Assur unter die Dominanz von Mittani geriet. König Tukulti-Ninurta I. forcierte im 13. Jahrhundert den zweiten Aufstieg Assyriens, aber wieder folgte eine Phase des Zerfalls. Aramäische Nomaden bedrohten das assyrische Kernland in Nordmesopotamien. Während des 9. und 8. Jahrhunderts stellten Könige wie Assurnasirpal II. und Tiglatpilesar III. den assyrischen Staat wieder her, der nun massiv expandierte.

Assyrische Könige regierten autokratisch; man betrachtete sie als Stellvertreter des Stadtgottes Assur. In seinem Auftrag führten sie Krieg. Die Provinzen des Reiches regierten oftmals Mitglieder der Königssippe, die sich bisweilen verselbständigten. Assur eroberte Territorien, um sie wirtschaftlich auszuplündern. Dies ermöglichte es, in den Residenzstädten der Assyrer große Bauten zu errichten wie Zikkurate und Königsgräber. Berühmtheit erlangte auch die Tontafel-Bibliothek des Assur- banipal in Ninive. Staatliche Palast und Tempelgüter prägten die ökonomische Struktur des Imperiums.

Akzeptierte ein besetztes Land die Hoheit der Herrscher vom Tigris, mußte es nur Tribute entrichten und behielt eine gewisse Selbstverwaltung. Wer sich jedoch widersetzte, dem erging es wie dem Reich von Urartu im 9. Jahrhundert. Der Assyrer Sargon II. berichtete hierüber: "Ihr Blut ließ ich die Spalten und Terrassen herabfließen, schlachtete sie wie Schafe." Die massenhafte Deportation von Menschen gilt als besondere "Spezialität" der Assyrer, doch sollte man nicht verkennen, daß andere altorientalische Reiche ähnliche Praktiken anwandten.

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts beherrschten die Assyrer fast ganz Vorderasien - vom östlichen Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Damit überschätzten sie allerdings ihre Kräfte, ein Fehler, den viele Imperien begingen. Gewalt und Terror hatten das Reich der Assyrer geschaffen und richteten es nun zugrunde. Es gelang den Assyrern nicht, die unterworfenen Gebiete zu integrieren. Das geknechtete Babylon verbündete sich mit dem Volk der Meder, und Assyrien wurde binnen weniger Jahre restlos vernichtet. Den Assyrern verdanken wir die zeitlos gültige Erkenntnis des Phokylides von Milet: "Eine Stadt, auf einer Anhöhe gelegen, wohlgeordnet, klein, ist besser als das törichte Ninive." R. Helfert

Eva Cancik-Kirschbaum: "Die Assyrer. Geschichte, Gesellschaft, Kultur", Verlag C. H. Beck, München 2003, 128 Seiten, 7,90 Euro
 
     
     
 
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