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Unvergänglich und lebendig

 
     
 
Grita Schade schaut zu, wie die CD lautlos in die Stereoanlage gleitet. Gleich wird sie wieder ihre eigene Stimme hören, die ein wenig anders klingt, als sie es gewohnt ist. Das sei immer so, wenn man sich "von außen" hört, sagen alle. Doch vorher, wie zur Einstimmung, erklingt eine beschwingte barocke Streichermusik.

Grita Schade, 92 Jahre alt, hat ihre Lebensgeschichte erzählt und ein Hörbuch anfertigen lassen. In den 14 Kapiteln können ihre Kinder, Enkel und Urenkel von ihr selbst erfahren, wie die Weltgeschichte ihr Leben, Handeln und Denken geprägt hat. Und sie können hören, wie die Vorfahren im lettischen Lesten gesprochen haben. Denn so wie Grita, die dem R mehr Resonanz und den Vokalen eine andere Farbe schenkt, spricht kaum noch jemand. Dies alles bleibt der Familie nun erhalten. Schon immer haben die Töchter sich gewünscht, Grita möge ihre Lebensgeschichte aufschreiben, doch sie kam nie dazu. Als Hörbuch, mit den dramaturgischen Ansprüchen einer Radiosendung, werden Grita, ihre Vorfahren (darunter ein Hoffotograf
beim Zaren), die Vertreibung und mehrfacher Neubeginn im Gedächtnis der Nachkommen bleiben.

Gritas Vater, Walter Krüger, war Pastor und Landwirt in Lesten. Zweimal, so weiß sie es noch von ihren Eltern, wäre er beinahe umgebracht worden. 1919 fegte eine Terrorwelle über Lettland hinweg, und Rotarmisten machten Jagd auf Deutsche. Etwa 40 evangelische Pastoren sollen in dieser Zeit ermordet worden sein. Zu Gritas frühesten Erinnerungen gehört daher die Angst, die ihre Mutter um den Vater auszustehen hatte.

Grita lernte mit elf Jahren melken und wenig später das Pflügen. Ein Pferd ging bequem unten in der Furche, das andere stolperte oben, das mußte geführt werden, damit es nicht auswich. Unwillkürlich strafft sich Gritas Muskulatur in den Händen - jetzt noch, wenn sie daran denkt. Sie war Vaters Kind, ihm fühlte sie sich besonders nahe. Später, als er den Kliggenhof (bei Riga) übernahm, saß sie sommers gern neben ihm auf der Treppe vor dem Haus. Gemeinsam mit den vier jüngeren Geschwistern sangen sie Lieder, bis die Abendkühle unter die Haut kroch. Die Gedanken an die warme Schulter des Vaters, an die sie sich lehnen durfte, und seine kräftigen Arme, die er den von den Stufen hopsenden Töchtern entgegen streckte, konnte ihr in schweren Zeiten niemand nehmen.

Den Erinnerungen an die Kindheitsjahre folgt auf der CD der erste Tanz mit Walter Schade, mit dem sie sechs Jahrzehnte verheiratet war. Gern wäre Grita Landfrau in Lettland geworden. Doch es kam anders. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt mußte die Familie das Baltikum verlassen. Sie kam zunächst nach Posen, bevor sie sich in der Nähe von Breslau ansiedelte. Doch auch hier begann am 19. Januar 1945 die Vertreibung in Richtung Westen.

An Gritas Hände klammerten sich damals zwei kleine Töchter. Für ihren Säugling mußte sie den "Penaten"-Vorrat einteilen. Einen Teil des Weges sind sie "getreckt", streckenweise konnten sie einen Platz in den überfüllten Zügen ergattern, ehe Grita Wochen später ihren Mann in Bützow treffen konnte.

Gerade ist ihr 17. Urenkelkind geboren. Dankbar schließt sie den kleinen Jungen in die Arme und schmunzelnd nimmt sie wahr, daß es in all dem Überfluß an Pflegeartikeln immer noch "Penaten"-Creme gibt. Nein, sie wird jetzt nicht wieder von ihrer Angst, auf der Flucht die Kinder zu verlieren, erzählen. Dieser jüngste Sproß möge entspannt und friedlich aufwachsen und zu gegebener Zeit die Geschichte seiner Urgroßmutter hören. Als Gritas Tochter in der Zeitung von der Möglichkeit einer Hörbuch-Biographie las, suchte sie recht schnell den Kontakt zu Wolfgang Heidelk, dem Inhaber der kleinen Firma "hoere und staune" (Telefon 03 85 / 2 00 41 44, Internet www.hoereundstaune.de). Der erfahrene Hörfunk-Journalist mit dem feinen Gespür für Lebensgeschichten führte zwei Tage lang Gespräche mit Grita Schade. Die dabei entstandenen Aufnahmen wurden später im Studio bearbeitet und stellenweise mit zusammenfassenden Zwischentexten und passenden musikalischen Übergängen und Blenden versehen. Das Hörbuch wurde nur für die Porträtierte und ihre Familie produziert.

Die 92jährige Grita Schade wird ihrer Familie einst ein ganzes Leben, erzählt in wenig mehr als einer Stunde, hinterlassen und damit auf sehr persönliche Weise Erinnerungen an ein Schicksalsjahrhundert wachhalten.

Foto: Grita Schade: Die rüstige Dame
 
     
     
 
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