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Versuche einer von dreien zu sein

 
     
 
Der Erste Weltkrieg, diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, unter deren Folgen wir noch heute leiden, läßt sich zumindest vordergründig auf die Rivalität zwischen Rußland und Österreich-Ungarn um Einfluß auf dem Balkan zurückführen. Daß diese Rivalität nach dem Terroranschlag vom 28. Juni 1914, der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Ehefrau Sophie Herzogin von Hohenberg innerhalb weniger Wochen zum Weltenbrand unter Einschluß aller Mächte der Pentarchie eskalierte, lag nicht zuletzt daran, daß das Deutsche Reich
damals ebenso wie die Westmächte Frankreich und Großbritannien mit einem und zwar nur einem der Rivalen verbündet war.

Dabei hat es in der Geschichte des Deutschen Reiches vor dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. eine Zeit gegeben, in der das Reich nicht nur mit den beiden Rivalen verbündet war, sondern sie sogar zu einem gemeinsamen Dreierbündnis hatte bewegen können. Es war dies die Zeit des Dreikaiservertrages. Mit diesem Bündnis der drei Ostmächte erreichte Reichskanzler Otto von Bismarck für ein paar Jahre sein erklärtes außenpolitisches Ideal: "Versuche, einer von dreien zu sein, solange die Welt durch das unsichere Gleichgewicht von fünf Großmächten regiert wird."

 

Die Situation nach den Einigungskriegen ähnelt in mancher Beziehung jener nach den Befreiungskriegen. Wie die Befreiung Preußens wäre auch die Einigung Deutschlands ohne Rußlands Wohlwollen nicht möglich gewesen. Wie weiland Preußens König Friedrich Wilhelm III. war auch der Deutsche Kaiser Wilhelm I. deshalb von tiefer Dankbarkeit gegenüber dem russischen Zaren erfüllt. Und Rußland hatte Deutschland nach dessen Einigung die Rolle zugedacht, die Preußen nach seiner Befreiung tatsächlich gespielt hatte, die eines russischen Juniorpartners.

Eine derartige Juniorpartnerschaft wollte Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck jedoch unbedingt verhindern. Seine außenpolitische Devise lautete: "Versuche, einer von dreien zu sein, solange die Welt durch das unsichere Gleichgewicht von fünf Großmächten regiert wird." Das war im außenpolitischen Fahrwasser Rußlands jedoch unmöglich, denn dafür stieß dessen offensive, um nicht zu sagen: aggressive, Politik gegenüber dem Osmanischen Reich bei Großbritannien und Österreich-Ungarn auf viel zu starke Ablehnung. Sollte jedoch das Deutsche Reich an der Seite Rußlands in einen Konflikt mit Großbritannien und Österreich-Ungarn gezogen werden, galt es angesichts des französischen Revanchismus als ausgemacht, daß Frankreich sich auf die Seiten von Deutschlands Gegnern schlagen würde. Dann wäre das Deutsche Reich nur zu zweit im Europa der Fünf gewesen.

Bismarck wollte deshalb unbedingt verhindern, sich die Freundschaft St. Petersburgs mit der Feindschaft Wiens zu erkaufen. Als von russischer Seite eine bilaterale Militärkonvention vorgeschlagen wurde, die zum gegenseitigen militärischen Beistand im Falle des Angriffs einer dritten europäischen Macht verpflichtete, versuchte er deshalb diese vom Beitritt Österreich-Ungarns abhängig zu machen. Die Differenzen zwischen der Doppelmonarchie und dem Zarenreich waren allerdings zu groß für ein derart festes Dreierbündnis. Bismarck erreichte jedoch, daß der österreichische Kaiser Franz Joseph und der russische Zar Alexander II. wenigstens ein vergleichsweise unverbindliches politisches Abkommen abschlossen, daß durch den Beitritt Kaiser Wilhelms I. 1873 zum Dreikaiserabkommen wurde.

Das Bündnis zerbrach, als wenige Jahre später Rußland in der 1875 beginnenden Balkankrise das zu verwirklichen trachtete, woran Österreich und Großbritannien mit Frankreich es im Krimkrieg (vgl.vom 25. März) gehindert hatten. Diesmal führte der Konflikt jedoch nicht zum Krieg, sondern konnte 1878 auf dem Berliner Kongreß einer friedlichen Lösung zugeführt werden. Doch auch diesmal war Rußland mit dem Ergebnis unzufrieden. Hatte es Rußland jedoch Preußen nach dem Krimkrieg zugute gehalten, daß dieses als einzige Großmacht neutral geblieben war, so machte es nun das Reich als Präsidialmacht für das Kongreßergebnis verantwortlich.

In dieser Situation suchte Bismarck Rückhalt gegenüber Rußland. Frankreich hatte die Niederlage von 1870/71 (vgl.vom 29. Mai 2004) noch nicht verwunden und fiel als potentieller Verbündeter aus. Die Briten auf ihrer Insel hielten noch immer an ihrer Politik der "splendid isolation" (großartigen Isolation) fest. Es blieb als fünfte Großmacht Österreich-Ungarn. Die Österreich-Ungarn waren durchaus willig. Das lag zum einen daran, daß Bismarck im Deutschen Krieg von 1866 (vgl.vom 22. Mai 2004) dem Verlierer einen großzügigen Frieden gewährt hatte und auf Demütigungen wie einen Einzug in Wien verzichtet hatte. Es lag aber auch an der Entwicklung in der Habsburgermonarchie nach dem verlorenen Krieg. Nach dem kriegsbedingten Verlust der Vorherrschaft in Deutschland war die Stellung der Deutschösterreicher in der Donaumonarchie derart geschwächt, daß sie auch dort die Vorherrschaft nicht mehr aufrechterhalten konnten. Sie mußten im sogenannten Ausgleich den Ungarn die Gleichberechtigung gewähren. Im Gegensatz zur deutschösterreichischen hatte die ungarische Führungselite jedoch kein Problem damit, den Preußen die Vorherrschaft in Deutschland zu lassen. Für sie war der nördliche Nachbar weniger ein Rivale um die Vorherrschaft in Deutschland als ein wünschenswerter Verbündeter im Machtkampf mit dem russischen Rivalen auf dem Balkan. So kam es 1879 zum Abschluß des Zweibundes zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn.

Bismarck versuchte nun als weitere Großmacht trotz deren "splendid isolation" Großbritannien ins Boot zu holen, doch in dieser Situation unternahm nun wieder St. Petersburg einen Annäherungsversuch. Darauf hatte Bismarck gehofft. Denn noch waren die deutsch-russischen Beziehungen nicht so schlecht, daß es versucht hätte, aus Trotz ein Bündnis mit Frankreich zu suchen. So kam es zu einer Wiederaufnahme der Verbindung zwischen Deutschem Reich, Österreich-Ungarn und Rußland. Am 18. Juni 1881 wurde der Dreikaiservertrag abgeschlossen. Der Dreikaiservertrag war weniger ideologisch verbrämt als das Dreikaiserabkommen, aber dafür konkreter. Im entscheidenden Passus verlangte der Vertrag von den Vertragschließenden wohlwollende Neutralität, wenn einer von ihnen sich mit einer vierten Großmacht "im Krieg befinden würde". Also selbst wenn es Paris gelingen sollte, Berlin als Aggressor erscheinen zu lassen, brauchte das Reich keinen Zweifrontenkrieg zu fürchten. Des weiteren verpflichteten sich die drei Parteien, gewaltsame Änderungen des Status quo auf dem Balkan nur im Konsens zu vollziehen.

Der für drei Jahre abgeschlossene Vertrag wurde 1884 um weitere drei Jahre verlängert. Zu einer weiteren Verlängerung kam es nicht mehr, denn vorher fiel er der bulgarischen Krise zum Opfer. 1885 besetzte das von Rußland geförderte Bulgarien Ostrumelien, woraufhin Serbien dem Fürstentum den Krieg erklärte. Die Bulgaren behielt in diesem Ringen die Oberhand, und nur eine österreich-ungarische Intervention ersparte Serbien eine Kriegsniederlage und Gebietsverluste. Diese Intervention Österreich-Ungarns ohne vorherige Absprache mit den beiden anderen Ostmächten interpretierte Petersburg als Bruch des Dreikaiservertrages, der damit obsolet war.

Wenn es Bismarck auch nicht gelang, die Ostmächte in einem Bündnis zusammenzuhalten, so gelang es ihm doch wenigstens, mit den beiden anderen verbündet zu bleiben und diese damit von einem Bündnis mit Frankreich abzuhalten. Mit Österreich-Ungarn bestand bereits der Zweibund. Mit Rußland wurde nun 1887 der Rückversicherungsvertrag geschlossen. Durch diese beiden Bündnisse waren sowohl Rußland als auch Österreich-Ungarn verpflichtet, sich im Falle eines französischen Angriffs auf das Deutsche Reich zumindest neutral zu verhalten.

Im Gegensatz zu Bismarck hielten es seine Nachfolger jedoch für politisch wie moralisch unmöglich, mit beiden Kontrahenten gleichzeitig verbündet zu sein, und so ließen sie 1890 den Rückversicherungsvertrag auslaufen. Ein Vierteljahrhundert später hatte das Reich von den übrigen vier Großmächten nur Österreich-Ungarn an seiner Seite. Statt wie von Bismarck erstrebt, einer von dreien, war das Deutsche Reich nun nur einer von zweien. Die Folgen sind bekannt.

Die drei Kaiser der Ostmächte: Franz Joseph, Alexander III. und Wilhelm I. (von links nach rechts)
 
     
     
 
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