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Werner Hassler über ein besonderes Unternehmen

 
     
 
Blabla-Meetings mochten sie eigentlich beide nicht. Und diese vornehmen Empfänge oder Cocktailparties erst recht nicht. Aber heute war es eben unumgänglich. Zumal Architekt Stein plötzlich erkrankt war und Markus und dessen Frau Margot gebeten hatte, ihn bei diesem Empfang zu vertreten. "Es ist wichtig, daß unser Büro vertreten ist", hatte Herr Stein gemeint.

Durch die Räume schwirrten abgedroschene Phrasen, billige Komplimente und auch peinliche Sticheleien. Wie betulich vornehm man sich gab. Margot trug nur ein einfaches schwarzes Kleid. Einfach und dennoch stilvoll. Aber sie meinte, den Frauen in den teuren festlichen Gewändern und den Männern in den dunkelblauen und schwarzen Anzügen anzusehen, daß sie ihr Auftreten mit abschätzenden Blicken maßen. Obwohl sich Margot dies nur einbildete, hätte sie sich am liebsten wie ein geprügelter Hund davongeschli-chen. Trotzdem wanderte sie langsam mit einem Cocktailglas in der Hand umher, blieb nun bei einer kleinen Gruppe stehen und lauschte.

"Sie entwerfen immer noch Mode, Frau Uhlig?"

"Aber ja doch, Frau Berwein!"

"Ich habe neulich in einer Fachzeitschrift gelesen, daß Sie Ihre Sachen in Singapur fertigen lassen und dann in namhaften Boutiquen vertreiben."

"Ja, das stimmt, Frau Berwein. Singapur müssen Sie kennenlernen! Und Sie, leiten Sie immer noch diesen Warenhauskonzern?"

"Ja, Frau Uhlig, aber der Streß, der Streß, sag ich Ihnen. Und stellen Sie sich vor, vor drei Monaten sind wir nun endlich aus dem Pent-houseappartement in ein luftiges Eigenheim am Stadtrand
gezogen!"

"Wie mich das für Sie freut! Und Sie ...", wandte sich Frau Uhlig an Margot. "Ich glaube, wir kennen uns nicht. Finde, wir sollten uns miteinander bekanntmachen!"

"Margot, Margot Einstein ist mein Name."

"Oh, Sie tragen einen berühmten Namen! Und womit beschäftigen Sie sich?"

"Ich leite ein sehr erfolgreiches Familienunternehmen", gab Margot zur Antwort.

"Und in welcher Branche?"

"Ach, das Unternehmen ist so vielseitig. Und das oft bei einem Sechzehn-Stunden-Arbeitstag!"

"Da wird Ihnen aber sicherlich viel abverlangt. Erzählen Sie doch bitte ..."

"Das kann man wohl sagen! Mal gilt es zu ergründen, warum ein Mitglied des Unternehmens sich so aufspielt, oder zu ahnen, ob ein anderes etwas im Schilde führt. Da wird man sehr schnell zur Psychologin!"

"Ach, wie interessant! Kann man so etwas lernen? Ich denke, so etwas muß angeboren sein", meinte Frau Berwein.

"Dann muß ich mal Lehrerin sein", fuhr Margot fort, "um die kulinarischen Vorlieben des Unternehmens zu befriedigen, werde ich zum Küchenchef. Dazu bin ich noch Bankkauffrau, Näherin und Gärtnerin. Gibt es etwas zu reparieren, macht man mich zum Handwerker. Als Putzfrau ganz zu schweigen, denn ..."

"Als Putzfrau?" Frau Uhlig schaute ziemlich verblüfft. "Also, was Sie alles so aufzählen, also von solch einer Branche oder Form eines Familienunternehmens habe ich noch nichts gehört!"

"Aber ganz bestimmt haben Sie davon schon gehört! Ich bin Mutter dreier entzückender Kinder, Ehefrau eines guten Mannes - das ist mein erfolgreiches Familienunternehmen!"
 
     
     
 
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