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Wildgewordene Blaubeeren

 
     
 
Begab man sich einst rechtzeiti zur Reifezeit der Blaubeeren in unsere umliegenden Wälder, so durfte man gelegentlic noch vor den professionellen Sammlern auf reiche Ernte hoffen. Ansonsten gab es dies Beeren auf den Wochenmärkten zu maßvollen Preisen, manchmal sogar bis in den Frühherbs hinein!

Onkel Fritz liebte diese allgemein als Heidelbeeren bekannten Waldfrüchte besonder aus zwei Gründen: einmal weil er aus diesen einen starken Wein keltern konnte – wi auch aus Johannisbeeren, zum anderen, weil ihm Tante Lotte daraus ihre köstlich Fruchtsoße in zuvor fröhlich geleerte Weinflaschen "zauberte".

Da die Geschmacksnerven des Onkel Fritz schärfsten Protest gegen Zimtgewürz erhoben verabscheute er den ansonsten für "eßbar" erachteten Milch-Reisbrei, falls ih dieser – wie zumeist üblich – etwa mit Zucker und Zimt angeboten worden wäre Mit Tante Lottes Blaubeersoße zusammen aber genoß er Reisbrei sogar mit Andacht – sich danach zum Dessert ein kleines Gläschen Blaubeerwein gönnend.

Auch meine Mutter bediente sich in Tilsit Tante Lottes relativ einfache Soßen-Rezeptur. Sie kochte die Blaubeeren mit etwa gleicher Menge Zucker, etwas Vanill und Nelkenwürze ein, um diese dann – noch kochend heiß – durch einen Trichte in Flaschen abzufüllen. Im Gegensatz zu Tante Lotte benutzte sie dafür allerding vorsorglich gesammelte Brause-Limonade-Flaschen, welche man, bis zum Halsrand gefüllt dann mittels jederzeit stets daran befestigter Dauerverschlüsse immer wieder problemlo dicht verschließen konnte.

Da Tante Lotte und Onkel Fritz kinderlos blieben, war deren Haushalt weniger mi vorsorglich gesammelten Brause- als vielmehr mit genußvoll geleerten Weinflasche gesegnet. – Somit benutzte Tante Lotte ausschließlich letztere und verschloß ihr Blaubeer-Soßenproduktion mit den ebenso sparsam aufgehobenen Originalkorken. Diese hatt sie zuvor zwar ausgekocht, aber deren Korkenziehernarben bargen wohl doch noch unerwarte auftretende Risiken. Eines davon offenbarte uns Onkel Fritz, als er Reisbrei mi Blaubeersoße zum Mittagessen serviert bekam. – Er war grad bei uns zu Gast, wei Tante Lotte ausnahmsweise einmal allein verreist war. Als Onkel Fritz zusah, wie Mutte mangels der am Vortag zu Bruch gegangenen Glaskaraffe jedem die Blaubeersoße direkt au der Limonadenflasche zum Milchreis auf den Teller gab, spielte er den Erstaunten "Was, ihr gebt die Blaubeeren so auf den Reis? – Lotte schmeißt sie imme zuerst an die Speisekammerdecke!"

Des Rätsels Lösung: In einer schwülwarmen Spätsommer
nacht war Onkel Fritz vo mehreren "Schußgeräuschen" aufgeweckt worden, deren wahre Ursache Tante Lott aber erst bei der morgendlichen Frühstücksvorbereitung offenbar wurde: Aufgrund ihre erschrockenen Aufschreis stürmte Onkel Fritz in die Küche – und sah Tante Lotte wi erstarrt vor der geöffneten Speisekammer stehen. Deren gesamtes Inneres war fast tota von einer nach Fusel riechenden, dunkelrot-violetten Paste überzogen!

In der offenbar langfristig zu warm gebliebenen Speisekammer hatten sich einige, nu erst so richtig "krätschig" wildgewordene Blaubeeren zur Gärung entschlossen um daraufhin die Korken laut knallend gegen die Decke der gut gefüllten Speisekamme abzufeuern, einschließlich des jeweils ungefähr halben Flascheninhalts. Daß e urplötzlich, aus mehreren Flaschen fast gleichzeitig und natürlich ausgerechnet nacht geschehen mußte, sei eben ein schon seit Jahrtausenden unumstößliches Naturgesetz urteilte Onkel Fritz. Schließlich war er ja als Schulmeister a. D. un Blaubeerwein-Experte im Besitz des maßgeblichen Wissens! Tante Lotte benötigte zunächs zwar Trost, aber schließlich obsiegte – wie gewöhnlich – beider Humor! Die restlichen Spuren jener "Schweinerei" beseitigte der alsbald herbeigerufen Maler.

Aufgrund jener explosiven Nacht könnte man vielleicht allen Nichten und Enkel Ostdeutschlands überliefern, daß sich wilde Blaubeeren, in verkorkte Flaschen abgefüllt nicht immer auf Dauer zahm verhalten. Beste Gaumenfreuden garantieren sie dennoch in fas jeder kundig zubereiteten Form.


 
     
     
 
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