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Wüstenstaat der Kontraste

 
     
 
Saudi-Arabien ist ein Land scharfer Kontraste. Reformerwille steht gegen Beharrungskräfte, die Generation der alten Regenten gegen den Drang der jüngeren Prinzen zur Macht. Die Kontraste spiegeln sich in der Gestalt des neuen Königs Abdallah ben Abd als Aziz wider. Zum Beispiel Traditionalismus und Moderne: Als Abdallah geboren wurde, gab es keine Register oder Ämter in Riad. Man kennt daher nur das Jahr und ungefähr den Monat, ein genaues Geburtsdatum des Königs ist nirgendwo verläßlich festgehalten. Derselbe Mann aber sorgt dafür, daß auch Mädchen in öffentliche Schulen gehen, Bildung dürfe nicht nur von den islamisch
en Gelehrten, den Ulemas in den Religionsschulen abhängen. Aber Abdallah befolgt selbst streng den Wahabismus, eine radikale Form des Islam, die auf den Gründer Abdul Wahab aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgeht. Gleichzeitig predigt er die Öffnung des Landes und die Diversifizierung der Wirtschaft. Saudi-Arabien dürfe sich nicht nur auf den Ölreichtum stützen. Gleichzeitig stützt sich die Macht der königlichen Familie nicht nur auf die hochmoderne rund 75.000 Mann starke Prätorianergarde, sondern auch auf die Religionspolizei, die mit Stöcken und Krummschwertern für tugendliche Ruhe und Ordnung sorgt.

Und selbst Riad, die Hauptstadt, ist ein einziger Kontrast. Vom futuristischen Faisaliah-Turm aus, einer Kreation des englischen Stararchitekten Sir Norman Foster, sieht Riad aus wie irgendeine südliche Metropole. Aber der Versuch, mit modernen Erwartungen in sie einzudringen, scheitert jedes Mal. Man fährt vorbei an modernen Gebäuden, unzähligen Möbelgeschäften, Elektronikläden, Villenvierteln, man gleitet über Autobahnen, steht plötzlich am Stadtrand, wo übergangslos die Wüste beginnt, kehrt um und hofft, ein Zentrum zu finden, einen Ort, wo die sozialen Nervenbahnen zusammenlaufen. Aber es existiert kein Zentrum, man bleibt immer draußen. Riad ist wie ein riesiger Vorort, eine Kulisse, ein gewaltiges Urban-Imitat ohne Seele. In der Viermillionen-City gibt es kein Kino, kein Theater, keine Diskothek, keine öffentliche Bar außerhalb eines Hotels, keine Konzerthalle. Zwar gibt es eine Oper. Der Architekt aus dem Westen hatte den zuständigen Prinzen davon überzeugt, daß zu einer richtigen Stadt eine Oper gehört. Vielleicht wußte der Prinz nicht mehr ganz genau, was eine Oper ist. Jedenfalls ließ er eine besonders prächtige bauen, die zweitgrößte der Welt, aber als sie fertig war, durfte sie nicht eröffnet werden. Der herrschende Wahabismus verbietet Musik und Gesang, erst recht den Gesang von Frauen, ganz speziell von Frauen mit tiefen Décolletés, und er duldet keine Versammlung von Männern und Frauen im selben Raum, wenn diese nicht derselben Familie angehören. Weshalb der französische Direktor seit fast 20 Jahren einem Phantomtheater vorsteht, das noch nie eine Aufführung erlebt hat, und weshalb es in Riad auch sonst keine Flanierzonen, kein öffentliches Leben gibt.

Saudi Arabiens Politik ist ebenso schwer zu durchschauen wie seine Prinzen, seine Häuser und Menschen. Das Land ist so abgeschottet wie Nordkorea. Der neue König Abdallah gilt als Reformer, aber er wird nichts unternehmen ohne den Konsens der königlichen Familie, wenigstens des engen Zirkels der zwei führenden Sippen, der Shamar und der Sudairi. Gelegentlich wird er als der saudische Gorbatschow bezeichnet. Daran ist richtig, daß er die Notwendigkeit von Reformen sieht, sie aber innerhalb des geschlossenen wahabitischen Systems vollziehen will. Anders als Gorbatschow ist er allerdings nicht bereit, die Macht zu teilen. Die demokratischen Elemente, die er nach Abstimmung mit den führenden Prinzen zu Beginn des Jahres eingeführt hatte, betreffen nur die kommunale Ebene. Keiner der rund fünftausend Prinzen dürfte bereit sein, die Macht des Königshauses Saud, mithin die Privilegien der Prinzenschar einzuschränken.

Unter König Abdallah wird Saudi-Arabien sich nach außen kaum wandeln. Der Wandel hat jedoch schon stattgefunden. Viele Prinzen sind an den besten Schulen und Universitäten in Amerika ausgebildet worden, ihr Großvater und Staatsgründer Ibn Saud konnte weder lesen noch schreiben. Sie werden das Land wandeln, wenn sie überhaupt an die Macht kommen. Das könnte noch einige Jahre dauern, der neue Kronprinz ist 77 und König Abdallah nach allem was man weiß, recht gesund. Die größere Gefahr für das Regime kommt von den ebenfalls wahabitischen Extremisten, besser bekannt als al-Quaida-Mitglieder oder Anhänger von Osama bin Laden. Diese Gefahr eint die Prinzen. Und sie hat sie auch bewegt, ein enges Verhältnis zu Washington zu suchen, der heimlichen Schutzmacht. Nur mit amerikanischer Hilfe kann das Regime überleben und eine Art Führungsrolle in der islamischen Welt wahren als Hüter der den Muslimen heiligsten Stätten Mekka und Medina.

Washington hat Einfluß in Riad. Über die in Amerika ausgebildeten Prinzen und über große Ölkonzerne wie Bechtel, zu denen die aktuelle Administration Bush persönliche Beziehungen aus früheren Geschäften unterhält. Präsident Bush und König Abdallah kennen sich schon lange, und sie verstehen sich gut. Der Krieg gegen den Terror hat sie noch enger zusammengeführt. Aber es bleibt ein Rest Mißtrauen. Bush-Vater erzählt in seinen Memoiren, wie er vor dem ersten Irak-Krieg die Unterstützung von König Fahd suchte und kommentiert: "Wir kannten die Saudis gut und hatten auch Vertrauen zu ihnen. Aber man konnte nie ganz sicher sein, welchen Kurs sie auf einmal einschlagen würden." So ist es auch heute. Washington ist mit Riad verbündet, aber man weiß nicht wie eng und wie lange noch. Zu groß sind die politischen und religiösen Gegensätze im Ölreich des Ibn Saud sowie die Kontraste der Wüstlinge untereinander selbst, als daß die Welt vor Überraschungen sicher sein könnte.
 
     
     
 
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