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Sinnloses Massaker

 
     
 
In der Erfurter Kaufmannskirche stieß Ines Geipel, nachdem sie die Lesung ihres Buches beendet hatte, auf Widerspruch und Zustimmung zugleich. Die kleine thüringische Provinzstadt hatte am 26. April 2002 die schlimmste Mordserie der deutschen Nachkriegszeit erlebt. Im Gutenberg-Gymnasium tötete der 18jährige Robert Steinhäuser innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und beging dann Selbstmord.

Ines Geipel, ehemals Leistungssportlerin der DDR und heute Dozentin an der Berliner Schauspielschule, erfindet für ihre Geschichte eine höchst merkwürdige Kunstfigur, nämlich die Schauspielschülerin Elsa, die nach Erfurt reist und quälende Fragen stellt. Geipel will damit Authentizität gewinnen, erreicht aber eher das Gegenteil. Das Buch taumelt zwischen fiktiver Collage und Tatsachenbericht, die der Leser oft nicht zu unterscheiden vermag, so daß Mißverständnis
se und Irrtümer entstehen, zumal häufige Wechsel der Erzählebenen weitere Komplikationen schaffen. So ist dieses Buch nichts Halbes und nichts Ganzes, weder Roman noch journalistische Recherche. Geipel hat die Protokolle der Erfurter Polizei über das Massaker im Gutenberg-Gymnasium ausgewertet. Inwiefern sie weitere Quellen nutzte, bleibt unklar.

Die Autorin will das unfaßbare Drama verstehen und analytisch bewältigen. Steinhäuser war von der Schule verwiesen worden, nicht grundlos, aber ohne Verständnis seitens der Lehrer zu finden. Aussprachen fanden nicht statt. Robert blieb isoliert und gaukelte zu Hause vor, daß er noch zur Schule gehe. Wenige Monate vor der Tat erhielt er einen Waffenschein. Computer-Kriegsspiele hätten seine Gewalt-

bereitschaft gesteigert. Am genannten Tag erschoß Steinhäuser zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten. Dem beherzten Lehrer Heise gelang es, Steinhäuser zu arretieren. "Für heute reicht s", sagte der Mörder.

Nach Robert Steinhäusers Selbsttötung getraute sich die Polizei stundenlang nicht, das Gebäude zu besetzen, und ließ somit zwei Opfer, die man hätte retten können, verbluten.

Viel Neues bietet Geipel nicht; die jämmerliche Erfurter Polizei steht ohnehin am Pranger. Derzeit korrigiert der Verlag sachliche Fehler des Buches, so Geipels Behauptung, daß jemand telefonisch vor Steinhäuser gewarnt haben soll.

Zahlreiche Erklärungen hält die Autorin bereit - den Leistungsdruck des Thüringer Schulsystems, die Nichtbeachtung der Sorgen des Robert Steinhäuser, vor allem die Desorientierung der mitteldeutschen Jugend nach der Wende. Sicher ist das alles zu bedenken, genügt jedoch als Interpretation bei weitem nicht. Ähnliche Schrecken ereignen sich auch anderswo, namentlich in den USA, worauf Geipel gar nicht erst hinweist. Betrachtungen über kommunistische Kollaborateure im KZ Buchenwald wiederum erscheinen deplaziert. Letztlich kann Geipel die Motive des Täters nicht unzweideutig klären, das Allgemeine vom Individuellen nicht trennen. Man fragt sich nach der Lektüre, ob Geipel das Massaker von Erfurt zum Anlaß nahm, um ihre Sichtweise mitteldeutscher Befindlichkeiten zu präsentieren. Rolf Helfert

Ines Geipel, "Für heute reicht s - Amok in Erfurt", rowohlt, Berlin 2004, 246 Seiten, 16,90 Euro

 
     
     
 
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