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Albrecht Dürer: Ausstellung in Osnabrück würdigt das Schaffen des Meisters

 
     
 
Vor gut drei Jahrzehnten noch, da verglich man ihn mit einem Hippie - vielleicht der schönen Locken wegen, lobte eines seiner schönsten Werke, die "Eva", als "ganz schön sexy" oder funktionierte seinen "Ritter, Tod und Teufel" kurzerhand in "Wachtmeister, Frl. Todt und Fritz Teufel" um. Man muß schon mit dem "Kunstsinn" der 68er gesegnet sein, um diesen "Witz" zu verstehen. Auch Klaus Staeck, der skandalumwitterte Grapfiker, ließ es sich einst nicht nehmen, das Porträt der alten Mutter auf einem Plakat mit der Zeile "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?" zu versehen. Dem Werk Albrecht Dürers und seiner Anerkennung in der ganzen Welt tat dies jedoch keinen Abbruch, frei nach dem Motto: Was schert es eine deutsche Eiche, wenn ein Borstenvieh sich daran reibt? Schon Goethe hat ihn gelobt und befunden: "Albrecht Dürer, den die Neulinge anspötteln, deine holzgeschnitzte Gestalt, ist mir willkommener" als die der zeitgenössischen "geschminkten Puppenmaler". Wenn auch die Zeiten in der Kunstszene nicht gerade ruhiger geworden sind, so geht man heutzutage mit dem Werk des großen Meisters aus Nürnberg
wesentlich seriöser um. Als bundesweit einzige Ausstellung zu Dürers 475. Todestag zeigt das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück, Lotter Straße 2, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Niedersachsen noch bis zum 6. Juli (dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr, am Wochenende 10 bis 18 Uhr; Katalog) Werke des Meisters und seiner Zeitgenossen unter dem Titel "Das große Glück - Kunst im Zeichen des geistigen Aufbruchs". Zentrales Exponat der Schau ist der aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig ausgeliehene größte Holz- schnitt, der jemals geschaffen wurde: die "Ehrenpforte", die Kaiser Maximilian 1512 zur Verherrlichung seiner Person in Auftrag gab, ist etwa dreieinhalb Meter hoch und drei Meter breit. Sie besteht aus 195 Stöcken in unterschiedlicher Größe und wurde auf 36 Einzelbögen gedruckt. Insgesamt sind 140 Werke - Zeichnungen, Druckgraphiken, Bücher, Mün- zen, Medaillen und Skulpturen - in Osnabrück zu sehen, darunter auch Arbeiten anderer bedeutender Künstler der Renaissance. Die Ausstellung wie auch der von Thomas Schauerte erarbeitete Katalog ist in drei Themenbereiche gegliedert: Tod, Ruhm und Nachruhm, die humanistischen Bildthemen und die Kultur der Gelehrsamkeit.

Albrecht Dürer, den man durchaus als einen Künstler im modernen Sinne bezeichnen kann, war er doch der erste Maler diesseits der Alpen, der das Handwerk verließ und sich ausschließlich der Kunst zuwandte, lebte in einer Zeit des geistigen Umbruchs. Während seiner Lebensjahre entdeckte Kolumbus Amerika, erfand der Schlosser Peter Henlein die Taschenuhr, und der Seefahrer Martin Behaim fertigte den ersten Globus. Nicolaus Copernicus erschloß ein neues Weltbild, und schließlich schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg. Dürers Werk, vornehmlich Holzschnitte und Kupferstiche, kam dem damals aufstrebenden Bürgertum entgegen. Kunst war nunmehr nicht nur den oberen Schichten, dem Hof, der Kirche vorbehalten. Durch die Technik des Holzschnittes und des Kupferstichs konnte auch der Bürger Bilder erwerben. Relativ hohe Auflagezahlen ermöglichten es dem Künstler darüber hinaus, seinen Unterhalt zu bestreiten. Seine Werke, Ausdruck höchster Geistigkeit und tiefsten Gefühls, spiegeln ein Höchstmaß an Präzision in der Gestaltung aus. Dieses Streben nach Genauigkeit mag Dürer während seiner Ausbildung zum Goldschmied erworben haben. Bis zum 13. Lebensjahr hatte er eine öffentliche Lateinschule in seiner Vaterstadt Nürnberg besucht, bis er bei seinem Vater eben diese Goldschmiedelehre begann. "Und da ich nun säuberlich arbeiten konnte, zog mich meine Lust mehr zu der Malerei als zu dem Goldschmiedehandwerk. Das stellte ich meinem Vater vor; aber er war es nicht wohl zufrieden, denn ihn reuete die verlorene Zeit, die ich mit der Goldschmiedelehre zugebracht hatte. Doch ließ er sie mir nach; und da man zählte nach Christi Geburt 1486 am St.-Andreas-Tag, versprach mich mein Vater in die Lehre zu Michael Wolgemut, drei Jahre lang ihm zu dienen. In dieser Zeit verlieh mir Gott Fleiß, daß ich gut lernte, aber ich mußte auch viel von seinen Gesellen leiden", so Albrecht Dürer über seine Lehrzeit.

1489 ist für Dürer die Lehre bei Wolgemut, dem führenden Maler und Illustrator in Nürnberg, beendet. Ein Jahr später begibt er sich auf Wanderschaft. Über Basel, Kolmar und Straßburg führt ihn der Weg. 1494 kehrt er nach Nürnberg zurück, wo er mit der jungen Agnes Frey den Bund fürs Leben schließt. Noch im gleichen Jahr aber zieht es ihn wieder in die Ferne: allein begibt er sich über Innsbruck nach Venedig. Diese Stadt, die er auch 1505 noch einmal für zwei Jahre aufsucht, gewinnt für ihn entscheidende Bedeutung.

Seine Werke erobern bald die Herzen der Menschen; unter seinen Gönnern findet man den Dogen von Venedig und Kaiser Maximilian I., der 1512 in Nürnberg weilt. Drei Jahre lang arbeitet Dürer für den Kaiser, entwirft etwa Randzeichnungen für dessen Gebetbuch. In diesen Jahren sind auch die berühmten Blätter "Ritter, Tod und Teufel", "Melancholia I" und "Hieronymus im Gehäuse" entstanden, die ebenfalls in Osnabrück zu sehen sind.

Als Kaiser Maximilian im Januar 1519 starb und Dürer sein Gnadengehalt von jährlich 100 Gulden verlor, machte sich der Meister auf, um von Kaiser Karl V. die Erneuerung der Zuwendung zu erreichen. Er reiste nach Antwerpen, durch Flandern und Seeland, kam schließlich nach Aachen, aber erst in Köln erreichte er die erneute Bestätigung seines Jahresgehaltes durch den Kaiser. 1521 war er wieder in Nürnberg, wo vier Jahre später sein erstes Lehrbuch "Unterweysung der Messung mit Zirckel und Richtscheydt" erschien. 1527 folgte seine "Befestigungslehre" und 1528 die "Vier Bücher menschlicher Proportion". Dürers letzte große künstlerische Arbeit sind die zwei Gemäldetafeln "Vier Apostel", die er dem Rat der Stadt schenkte. Am 6. April 1528 starb Albrecht Dürer in Nürnberg, wo er auf dem Johannesfriedhof seine letzte Ruhe fand.

Auch 475 Jahre nach seinem Tod ist der Meister des Holzschnitts in aller Welt ein Begriff. Seine "betenden Hände", sein "Feldhase" oder sein "Veilchenstrauß" sind heute noch in vielen deutschen Wohnzimmern zu finden. Über seine bedeutenden Werke aber, über seine Bedeutung in der Welt der Kunst informiert man sich in der Osnabrücker Ausstellung bestens. - "An Dürer denken heißt Lieben, Lächeln, Sicherinnern. Es heißt: Besinnung auf Tiefstes und Überpersönlichstes" (Thomas Mann).
 
     
     
 
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