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Gut Ding braucht Weile" - ganze 60 Jahre hat Walter Dreizler von der Filderebene bei Stuttgart verstreichen lassen, um als "Zeitreisender" Aufstieg und Fall der NS-Zeit an unserem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen. In erstaunlich objektiver Darstellung ist es ihm gelungen, ab 1932 das "politische Klima" und seine Wandlungen mit einer Lebhaftigkeit so nachzuzeichnen, daß der Leser das Gefühl hat, selbst als Akteur dabei gewesen zu sein.

Wenn sich Geschichte auch nicht wiederholt, die Methoden
der Massensuggestion ähneln sich. Wie die neomarxistische Bewegung der 60er Jahre, so gab sich die nationalsozialistische Bewegung als Befreiungsbewegung für die Jugend: "Die Jugend ist der Garant des Volkes, der Jugend gehört die Zukunft der Nation". Und die Jugend nutzte diese Chance zur "Selbstbefreiung", atmete gierig den "neuen Geist" ein, um dem "patriarchalischen Druck der Alten" zu entgehen. Die Begeisterung blieb nicht aus und griff wie ein Lauffeuer um sich.

Seit seinem Eintritt in die Luftkriegsschule II Berlin-Gatow im Oktober 1942 führte "Flieger Dreizler" Tagebuch, in dem er alles akribisch aufzeichnete. Nach zahlreichen Stationen mußte er sich im Oktober 1943 mit 19 Jahren bei der 4. Erg. Zerstörergruppe 1 in Braunschweig einfinden, die mit der Me 110 ausgerüstet war. Als "Erster Wart" wechselte er im Frühjahr 1944 zum "Fliegenden Personal", zur III. Kampfbeobachterschule 2, Lager Malacky, Slowakei, wo er auf einer Bücker 181 als Kampfbeobachter ausgebildet wurde.

Nach Beendigung der Ausbildung wurde die gesamte Kampfbeobachterschule Malacky aufgelöst. Grund: Benzinmangel. Kommentar?: "Dieser August 1944 war der Beginn der Auflösung der Nachwuchsstruktur der Deutschen Luftwaffe. Eigentlich war hiermit der Krieg als verloren zugegeben worden." Danach ging es zu den Fallschirmjägern nach Stendal, wo er am 29. August 1944 seinen 20. Geburtstag feierte. Von dort ging es mit dem "Fallschirmjägerbataillon Ewald" per Güterzug nach Roermond. "Es war Spätsommer und noch heiß ... Holland - ein gesegnetes Land - wie lange noch?" Und dann: "Wo war denn unsere Luftwaffe? Unsere eigenen Jäger? Klar, die marschierten jetzt als Infanteristen unzureichend bewaffnet wie kleine Indianer durchs Gelände und versteckten sich. Deutschland im Herbst 1944!" Am 21. September wurde Dreizler schwer verwundet und ins Reserve-Lazarett III nach Stendal in die Tauentzien-Kaserne verlegt. 120 Tage verbrachte er im "Keller"! "Wie ich heraufgetragen wurde, schienen draußen hundert Sonnen in einem hellrosa Tageslicht zu leuchten. Aber draußen war Regenwetter."

Walter Dreizler hat ein faszinierend wirklichkeitsgetreues Buch geschrieben, das man, einmal in die Hand genommen, nicht wieder weglegen kann. Es endet mit dem weisen Satz: "Im stillen und dankbaren Gedenken an alle Opfer von damals schließe ich meine Jugendchronik vom Dritten Reich ab." W. Thüne

Walter Dreizler: "Flugzeuge am Himmel - Vom Traum des Fliegens in den Alptraum des Krieges", Cornelia Goethe Verlag, Frankfurt 2004, broschiert, 397 Seiten, 18,40 Euro
 
     
     
 
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