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Ein Museum bittet zu Tisch

 
     
 
Das Einnehmen eines Mahles an den europäischen Höfen des Barock war durch ein genau vorgegebenes Zeremoniell festgelegt. Hierbei stellte sich der jeweilige Herrscher seinem Hofstaat zur Schau. Die Art des Servierens und Tafelns beeinflußte die Tischsitten des Adels. Auch in Bürgerkreisen übernahm man bald raffinierte Zubereitungsarten sowie die Zurschaustellung kostbarer Speisen in kunstvollen Geschirren. Exotische Gewürze, neue Nahrungs- und Genußmittel wie Tee, Kaffee
und Schokolade bereicherten die Speisen und wirkten auf die Formgebung der zugehörigen Geschirre. Die Mahlzeiten entwickelten sich zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, wobei geselliges Beisammensein und vor allem Genuß im Vordergrund standen – und bis heute stehen.

Ziel der Ausstellung im Mainfränkischen Museum Würzburg ist es, anhand kunstvoll gestalteten Tafelgeräts vom 16. bis zum 19. Jahrhundert einen Teil der Lebensformen zu vermitteln, die sich im Laufe mehrerer Kulturepochen entwickelt haben und bis in unser Leben wirken. Manche noch immer gültigen Zeremonien, Regeln und Pläne, die mit den Mahlzeiten verbunden sind, haben in gesellschaftlichen Veränderungen ihre Voraussetzung. Das Wissen um ihre Herkunft ist vielfach verschüttet und soll hier wiederbelebt werden. Anderes wiederum ist längst aus der Mode gekommen oder genügt nicht mehr heutigen Ansprüchen. Insgesamt aber sind all diese Entwicklungen und die damit verbundenen Tafelgeräte Teil unserer Kultur und Geschichte.

Gezeigt werden auf der Festung Marienberg goldene und silberne Pokale, edelste Fayence-Terrinen und Gedecke des Adels, aber auch Scherzgläser, Zunftbecher und Zinn für den bürgerlichen Tisch. Daneben illustrieren Gemälde und Grafiken kulinarischen Genuß in vergangenen Zeiten.

Den Auftakt bildet die mit Silber und Porzellangeschirr reich gedeckte Tafel des Majors Hugo Leinecker, eines Würzburger Bürgers, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine höfische Tafel des Rokoko für sein privates Speisezimmer rekonstruierte. Die ebenso kostbaren wie kunstvollen Tafelgeräte stammen aus den reichen Beständen des Mainfränkischen Museums. Das prunkvollste Stück der Ausstellung ist jedoch eine Leihgabe der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen aus der Silberkammer der Residenz in München: eine prachtvoll gestaltete, silbervergoldete Suppenterrine. Die zeremonielle Darbietung einer speziellen Suppe in einem solchen Gefäß war ein hoch bedeutender Akt im kaiserlichen Tafelzeremoniell des Barock.

Die Tafel des 17. und 18. Jahrhunderts war so beschaffen, daß darauf in kanonischer Abfolge drei Gänge, der Suppen- und Vorspeisengang, der Fleisch- und Fischgang sowie das Dessert aufgetischt werden konnten. Hierbei galt der sogenannte „Service à la française“, bei dem sich das Geschirr mit Inhalt bereits auf dem Tisch befand, wenn die Gäste sich niederließen. Diese waren dann über den gesamten Verlauf des Mahles mit dem gegenseitigen Reichen der Platten und Schüsseln beschäftigt. Trinkgefäße standen nicht auf dem Tisch. Sie wurden von Bediensteten bei Bedarf mit Wein gefüllt gereicht.

In der Ausstellung ist das Nymphenburger Porzellan aus einem Würzburger Bürgerhaushalt auf der Tafel in der Art des 18. Jahrhunderts für den ersten Gang angeordnet. Von den Stirnseiten aus können Bedienstete die Suppen aus den Terrinen schöpfen und als warmen Einstieg in das Menü servieren. Die Schüsseln und Platten muß man sich mit zahlreichen kalten und warmen, süß und sauer eingelegten Vorspeisen gefüllt vorstellen. Der Eindruck dieser Tafel nach dem „Service à la française“ ist der einer flachen Eindeckung mit zahlreichen symmetrisch angeordneten Schüsseln und Platten. Ein gewisses Relief entsteht lediglich durch die Terrinen und den Kerzenleuchter.

Ursprünglich war für die Mitte der Tafel der silberne „Plat de Ménage“ gedacht, der während aller drei Gänge stehen blieb. Auf ihm türmten sich Zucker- und Salzstreuer, Essig- und Ölflaschen sowie Schälchen für Gewürze. Leider ist von den beiden Exemplaren aus dem Besitz des Würzburger Majors Hugo Leinecker keines vollständig erhalten.

Der „Service à la française“ wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bei Staatsempfängen und ähnlichen Anlässen gehandhabt. Für andere Gelegenheiten hatte sich längst der von einem russischen Diplomaten am französischen Hof eingeführte und seit 1810 belegte „Service à la russe“ durchgesetzt, bei dem der Gast den fertig angerichteten Teller zu jedem Gang frisch vorgesetzt bekam. Beide Formen haben bis heute überlebt. Zu einem Gedeck nach dem „Service à la russe“ gehören nun neben verschiedenen Gläsern auch alle während des Mahles benötigten Besteckteile sowie weitere, den Erfordernissen des Menüs dienliche Geräte.

„Wie bei einem Kaleidoskop erschließt sich die Geschichte der Tafelkultur mit jedem Thema immer wieder neu und wirft ein Licht auf die historische Dimension unserer heutigen Tischsitten“, so Museumsleiterin Claudia Lichte über die Würzburger Ausstellung, die ein wundervoller Augenschmaus ist. MfM

Die Ausstellung im Mainfränkischen Museum Würzburg auf der Festung Marienberg ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, Eintritt 3 / 1,50 Euro, bis 5. März.

Wenn Götter speisen: Johann Rudolf Byss stellte sich 1734 in seinem Gemälde „Göttermahl“(Öl auf Kupfer, Ausschnitt) eine solche Begebenheit vor.
 
     
     
 
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