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Entwurzelt

 
     
 
Ein paar Wochen nach der Beisetzung meines Vaters sah ich sie das erste Mal: die zierliche ältere Frau, die in so kummervoller Haltung vor dem Grab irgendeines Angehörigen stand.

Warum sie mir auffiel, weiß ich selbst nicht so genau. Denn gerade auf diesem Abschnitt des Friedhofs, einem neu angelegten und mittlerweile fast vollständig belegten Gräberfeld, herrschte eigentlich zu jeder Tageszeit stetes Kommen und Gehen. Wer noch keinen fertig bepflanzten Erdhügel zu wässern und zu harken hatte, der stand in stummer Andacht vor den welkenden Kränzen und Blume
ngebinden, welche die letzte Ruhestätte des Verstorbenen markierten.

Ob echt oder vorgetäuscht - einen stillen, in sich gekehrten Eindruck machte fast jeder dieser Besucher. Kummervoll dazustehen war zumindest an diesem Ort also etwas ganz Normales. Und doch erregte jene ganz in Schwarz gekleidete kleine Frau meine besondere Aufmerksamkeit. Vielleicht war es die Aura völliger Halt- und Ziellosigkeit, die sie umgab. So warm die Sonne auch auf uns hinunterschien und der Gesang der Vögel und die flirrendgrüne Pracht alter Bäume jedem Schmerz ein wenig die Spitze nahm - am Ausdruck der Frau änderte sich nichts. Für sie schien es keinen Trost zu geben ...

Als ich wieder einmal Vaters Grab besuchte, um die Pflanzschale mit Wasser zu versorgen, bemerkte ich, daß sie zu mir hinübersah. Scheu und Zögern lagen in ihrem Blick und so machte ich den Anfang und nickte ihr mit einem, wie ich meinte, freundlich-aufmunternden Lächeln zu.

Schüchtern erwiderte sie den Gruß. Im Glauben, sie wolle nun weiter stille Zwiesprache mit ihrem Verstorbenen führen, vertiefte ich mich wieder ins Zupfen welker Blütenblättchen. Zu meiner Überraschung kam die Frau jedoch zaghaften Schrittes auf mich zu.

"Es ist so traurig, nicht?"

Dies waren ihre ersten Worte. Sie sprach mit leichtem östlichen Akzent, was natürlich sofort mein Interesse weckte.

Zunächst unterhielten wir uns ganz allgemein über die Vergänglichkeit jedes Menschenlebens, über die Trockenheit der letzten Tage, die regelmäßiges Gießen erforderlich machte, bevor ich dann beiläufig die Bemerkung einfließen ließ, daß sie wohl noch nicht allzu lange in unserer Stadt lebe.

"Hört man das?"

Sie schaute mich groß an, suchte aber gleichzeitig nach ihrem Taschentuch, das sie sich dann hastig an die Augen hielt.

Sie weinte. Weinte wie ein Mensch, der in seinen Grundfe-sten erschüttert wurde und keine Hoffnung mehr für sich sieht, sein seelisches Gleichgewicht jemals wiederzuerlangen.

Nach und nach erfuhr ich dann ihre Lebensgeschichte.

Geboren im Kreis Allenstein, war sie in den siebziger Jahren als Spätaussiedlerin hierhergekommen. Ihr Mann, ein Tischlermeister, den sie noch während des Krieges geheiratet hatte, war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Nicht so sehr für sich selbst, aber für Sohn und Tochter erhoffte sie sich hier, im Westen, ein neues, besseres Leben ...

Ich ersparte ihr die Frage, ob sie denn nun wirklich heimisch geworden war. Ich brauchte sie ja nur anzusehen, brauchte nur in ihrem müden, leeren Gesicht zu lesen, um zu wissen, daß sie eine Fremde im eigenen Land geblieben war.

Die Sehnsucht nach der Heimat wog schwer. Ein Teil ihrerselbst hatte sie dort zurückgelassen und das, was ihr noch an Lebensenergie geblieben war, schien nun von der Trauer um den verstorbenen Sohn aufgezehrt zu werden.

Es war ihr Wunsch, mir sein Grab zu zeigen. Stumm vor Tränen, deutete sie auf den Stein, in den sein Name und Alter eingemeißelt waren. Ja, es war wirklich traurig. Ich dachte an Vater. Er hatte auf ein erfülltes Leben zurückblicken dürfen. Hier aber lag ein noch relativ junger Mensch begraben. Und das machte die Sache so bitter.

"Er starb ganz leise, ganz plötzlich", flüsterte seine Mutter mit erstickter Stimme. "Herzversagen, meinte der Arzt. Aber wie kann das Herz versagen? Was hat es krank gemacht?"

Ich wußte keine Antwort darauf. Vielleicht ist seine Seele krank gewesen, zog es mir später auf dem Nachhauseweg durch den Kopf ...

In den nächsten Tagen änderte sich das Wetter. Es wurde deutlich kühler, Nieselregen setzte ein, der alles in graue Schleier hüllte. Auf dem Friedhof ließen sich jetzt nur wenige Menschen blicken. Als ich an einem tristen Montagvormittag eine kurze Regenpause nutzte, um auf Vaters Grab nach dem Rechten zu sehen, glaubte ich schon die einzige Besucherin zu sein.

Doch dann entdeckte ich sie: die kleine, dunkle Gestalt, die - zwei Reihen von Vater entfernt - einsam und verloren dastand.

Ich hielt unwillkürlich inne. Trotz der unfreundlichen Witterung hatte sie sich zum Grab des Sohnes aufgemacht. Und wie so oft, würde sie auch diesmal ungetröstet nach Hause gehen. Allein gelassen mit der Frage nach dem Warum.

Plötzlich empfand ich tiefes Mitleid mit dieser Frau, die nicht mehr wußte, wovon sich ihre Seele nähren sollte.

So wie ein entwurzelter Baum schutzlos Wind und Wetter ausgeliefert ist, so besaß auch sie nichts mehr, woraus sie Kraft schöpfen konnte. Kraft, um die Wechselfälle des Lebens ertragen zu können .
 
     
     
 
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