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Er war einer von uns

 
     
 
Es war im Jahr 1923. Ich war elf Jahre alt, Quintaner au dem Königsberger Hufengymnasium. Daß unser Französischlehrer Bücher schrieb, hatte ic schon gehört. Sicher schrieb er gute Bücher, solche wie Karl May. Das ging mir zwe Jahre später auf. Da gab er uns – auf Untertertia – Englischunterricht. Und e fragte, welche Karl-May-Bücher wir hätten, und lieh sie sich aus. Und wie genau er si gelesen hatte – über Winnetou sprachen wir mit ihm und über Old-Shatterhand un über die beiden Gewehre, den Henrystutzen und den Bärentöter. Seine eigenen Büche hießen "Der Wald" und "Der Totenwolf" – das klang gut. Und la sich bestimmt so gut wie Karl May. Aber erst einmal lasen wir den.

Und daß Ernst Wiechert
so gut schießen konnte … Einer von uns hatte ihn in eine Schießbude gesehen, auf dem "Rummel" – das Wort Kirmes kannten wir nicht Dort konnte man sich einen Preis erschießen. Und das gelang Wiechert mühelos. – Ei Lehrer, der schießen konnte – mit so einem ließ sich reden. Und er erzählte un einmal, daß er im Krieg Scharfschützen ausgebildet hatte.

Ja, dieser Wiechert war "unser Mann". Der war kein "Pauker". Ihn zu ärgern, hätte überhaupt keinen Spaß gemacht. Es wäre auch überhaupt nicht gelungen Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Rannte da ein Tertianer in der Pause hinte einem anderen her, laut schreiend, und kaute dabei sein Brot. Als er an dem Bau vorbeirannte, an dem Ernst Wiechert meistens stand, wenn er Aufsicht hatte, da ließ sic das Kauen und das Schreien nicht so recht vereinen, denn Wiechert, den der Daherrasend wohl gar nicht gesehen hatte, wurde regelrecht besprüht, auf der Hand. Das merkte de Junge nun doch und erstarrte. Wiechert wischte sich ohne ein Wort die besprühte Hand mi dem Taschentuch ab und sagte – nicht unfreundlich: "Bist du wahnsinnig?" Nichts weiter.

Ja, er hatte eine so ganz beiläufige Art, einen zurechtzuweisen. "Schläfs du?", fragte er mich, als ich einmal vergaß, den Arm wieder zu senken, obwohl die gestellte Frage längst beantwortet war. "Schläfst du? Mit erhobenem Arm schläft e sich schlecht." Ein guter Rat nur, kein Tadel. Oder, als ich mir einmal etwa dösig durchs Haar fuhr, fragte er nur: "Kämmst du dich?"

Er konnte einen aber auch munter machen. Zu Beginn der Stunde ließ er sich eine Schlagball geben. Und wer nicht aufpaßte, der konnte durch einen wohlgezielten Wur geweckt werden. Schliefen alle, dann zog er ein Riemchen aus der Tasche, sprang vom Pul auf und eilte – zack, zack, zack – an den Bankreihen entlang, jedem eine leichten Hieb auf die Wange versetzend. Zuckte man zusammen, dann rief er: "Was feige ist er auch noch", und es gab gerechterweise noch einen Hieb auf die ander Wange. Nun waren wir wieder frisch.

Und doch war er kein Pauker. Denn Pauker wollen nicht, daß man über sie lacht. E aber konnte den Kopf andeutungsweise in ein schrägstehendes Fenster unseres Klassenraume schieben, zu schieben versuchen, um dann seufzend zu sagen: "Der Architekt hat scho gewußt, warum er das Fenster so eng gemacht hat – damit kein Lehrer sic rausstürzen kann."

Ja, er würzte seine Stunden mit kleinen verblüffenden Einlagen. Plötzlich fragt er "Was ist eigentlich ein Piefke? Wie sieht ein Piefke aus?" Das wußten wi natürlich nicht. Darauf er: "Na, wer ehrlich wäre, der hätte gesagt: So wie Sie Herr Wiechert."

Übrigens wollte er nie mit "Herr Studienrat" angeredet werden. Tat man es dann unterbrach er einen sofort: "Weißt du nicht, wie ich heiße?"

Ganz eigentümlich war sein Gang – immer etwas versunken und in sich gekehrt, un trotzdem sah er alles (aber nicht etwa wie ein spähender Pauker). Und so kam er auch in die Klasse. Sein Gang war schwer zu beschreiben, aber leicht nachzumachen. Und das tat ic manchmal, noch bevor er kam. Ich versuchte mir dabei eine Denkerstirn zu geben und eine wissenden Blick. Irgendwer muß ihm verraten haben, daß ich ihn zu imitieren versucht – eines Morgens kam er wieder wie gewohnt herein, ging aber nicht auf das Pult zu sondern auf mich: "Na, mache ich’s richtig?"

Und dann etwas, wofür einige von uns ihm ihr Leben lang dankbar sein dürften. Es wa 1925. Damals gründete ein Student eine Pfadfindergruppe. Er war in die Schule gekomme und hatte wohl auch mit Wiechert gesprochen. Und der begann die letzte Stunde vor de Ferien nicht mit dem üblichen (und ziemlich strengen) Vokabelabfragen, sondern malt einen Kreis auf die Tafel und darunter einen kleinen senkrechten Strich. "Was is das?" Keiner wußte es. "Das ist ein Schüler in fünfzig Jahren. Besteht nu noch aus Kopf. Aber richtig laufen kann er nicht mehr. Und Waldläufer kann er schon ga nicht werden." Und dann erzählte er, was alles man so erleben könnte. Hier in de Stadt ja nicht. "Stellt euch vor, ich mache mir abends hier vor der Universität mei Lagerfeuer an. Dann würden die Leute doch sagen: Der Kerl ist verrückt. Sperrt ihn ein Ja, aber im Samland und auf den Nehrungen und im Zehlaubruch und in Masuren, da könnte wir …" Und er malte alle Abenteuer aus, die uns dort erwarteten. Und er ha Recht behalten.

Als wir angehenden Pfadfinder zum ersten Mal zusammenkamen, im Wrangelturm war das, d hörten wir spannende Geschichten, wir sangen, und es gab auch ein Kasperletheater. Mitte drin erschien Ernst Wiechert. Der Kasper, nicht faul, bedrohte jetzt alle anwesende Lehrer. Da Wiechert der einzige Lehrer hier war, bezog er die Drohung mit Recht auf sic selber, zog einen Schuh aus, schwang ihn drohend und führte grimmige Reden, die aber de gerechten Zorn des Kasper nur noch steigerten.

Ja, wir liebten Ernst Wiechert. Er war einer von uns.

 
     
     
 
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