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Jenseits der Stille

 
     
 
Neuerdings entgeht man nicht einmal auf Toiletten der musikalischen Dauerberieselung. Dem menschlichen Biorhythmus entsprechend wird ein häufig leiser beziehungsweise gedämpfter Klangteppich eingesetzt. Das soll müde Zeitgenossen wacher machen und Aggressionen abbauen, behaupten ihre unterschiedlichsten Befürworter. Musik ist in diesem Land allgegenwärtig. Wir lassen uns von Musik wecken, Musik ist auf der Fahrt zur Arbeit, im Büro, beim Friseur zu hören. Manch einer behauptet sogar, nur bei Musik lernen zu können. Klassik
, Pop, Jazz, mal heiter, mal besinnlich oder schwungvoll. Kurzum: Der allgegenwärtigen und meist ungewollten Beschallung kann sich niemand dauerhaft entziehen. Ungetrübt die Geräuschkulisse eines Bahnhofs, einer Kneipe oder eines Warteraums wahr- zunehmen, ist offenbar nicht mehr so recht erwünscht.

Geschäfte sind inzwischen weitaus häufiger akustisch versorgt als Krankenhäuser, Frisiersalons häufiger als Marktstände. Studien haben speziell bei Geschäften ergeben, daß Verweildauer und Kaufbereitschaft der Kunden bei ansprechender Musik um 20 Prozent gesteigert werden konnten. Solche Erfahrungen sind erstmalig bereits 1934 in New York gemacht worden, wo die Firma Muzak relativ schnell erkannte, daß mit einfühlsamer Musik das Unterbewußtsein eines Menschen durchaus positiv stimuliert werden kann. Wenn man ihren Propagandisten trauen kann, ist die Wirkung der Dauerberieselung speziell bei jungen Menschen enorm hoch. Vornehmlich unentschlossene, unsichere, überängstliche Menschen sollen durch Musik zum Kaufen motiviert werden. Mitunter gewinnt man den Eindruck, daß es wie mit den einlullenden Gesängen der Sirenen im Altertum ist, die ihre Hörer angeblich auch süchtig sangen.

Noch scheint der Höhepunkt der allseitigen Beschallung nicht erreicht zu sein. Ob man will oder nicht, fast überall wird man kostenfrei musikalisch "bedröhnt". Allein der Friedfertigkeit vieler Bürger ist es zuzuschreiben, daß die ungewollte Entmündigung klaglos verziehen wird. Nichtrauchern wird deutlich mehr Verständnis entgegengebracht als Menschen, die einer akustischen Dauerberieselung widersprechen. Besonders der überlaute Rock scheint für manchen jungen Menschen eine Art kollektives Antidepressivum zu sein. Rücksichtnahme, Toleranz, Erziehung, Verstand scheinen in solchen Fällen wenig ausgeprägt. Gesang indessen ist in der funktionellen Musik deutlich weniger gefragt, da Text und Interpreten ablenken, so daß gewollte Aufmerksamkeit unnötig verschenkt wird.

Was sich die Musiktherapie mit gutem Erfolg zunutze macht, gilt auch für die funktionelle Musik: Sie ruft gewollt beim Menschen, wenn auch unterschiedlich stark, physische und psychische Reize hervor. Sie wirkt ungewollt auf das vegetative Nervensystem, beeinflußt den Puls und die Atmung. Daß nicht nur ständige, hautnahe Beschallung durch "Knopf im Ohr" oder in überlauten Diskos zu einem Streßfaktor werden kann, indem Gehör und Nervensystem über einen längeren Zeitraum systematisch überbelastet werden, wird viel zu lange überhört, geschweige denn ernstgenommen. Die Fähigkeit des Menschen, sich einer akustischen Überreizung anzupassen, ist jedoch begrenzt. Die Kenntnis von der begrenzten Hörbelastung des Menschen ist keineswegs neu. Bereits im dritten Jahrhundert nach Christi ersann man in China eine besonders perfide, qualvolle Art des Tötens. Wer den Höchsten schmähe, so entschied der damalige chinesische Polizeiminister, solle durch ständiges Trommeln oder andere laute Musik zu Tode gebracht werden.

Falls es das erstrebte Ziel einer Spaß-, Spiel- und Freizeitgesellschaft ist, bei jeder Gelegenheit in Scheinwelten zu entfliehen, Stille nicht ertragen zu können, schon gar nicht auf sich selbst beschränkt zu bleiben, befindet sich die Gesellschaft auf der Flucht vor dem Hier und Heute. Unwillig, sich einer Sache allein zu widmen, lassen sich viele Menschen problemlos ablenken und verleiten. Damit aber dieser Wunsch um Unterstützung möglichst unbemerkt bleibt, ist bei vielen Menschen jede Art von Dauerberieselung willkommen.

 
     
     
 
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