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Königsberger Gebiet führt Aids-Statistik an

 
     
 
Im Königsberger Gebiet ist die Rate an HIV-Infektionen immer noch die höchste in der ganzen Russischen Föderation. Dennoch versucht die mit der Aids-Bekämpfung und -Prophylaxe beauftragte Chefärztin für die Königsberger Region, Tatjana Nikitina, in einem Interview gegenüber dem Nachrichtendienst "Rosbalt" diese Tatsache zu verschleiern und mit ihrer Sicht die aktuelle Entwicklung in ein positives Licht zu rücken.

Sie schickt voraus, daß kein Grund zu übertriebener Besorgnis bestehe, da eine gewisse Stabilisierung
der Situation eingetreten sei. Zur führenden Stellung der Region in der Statistik meinte sie, daß es schwierig sei, das genaue Ausmaß der Verbreitung der Krankheit zu bestimmen, weil die Daten mit unterschiedlichen Methoden erhoben und die Ergebnisse vermischt wiedergegeben worden seien. In einem Rückblick erzählt sie von 21 Fällen HIV-Infizierter im Jahre 1995; damals habe die Krankheit im Gebiet noch als exotisch gegolten. Sie sei von außen dorthin gebracht worden: zum Beispiel durch Matrosen, die viel im Ausland unterwegs waren und wechselnde sexuelle Kontakte unterhielten. 1996 wurde der erste Fall einer Infektion einer drogenabhängigen Frau bekannt. Durch ausländische Erfahrungen seien die Übertragungswege damals schon gut bekannt gewesen.

Ungefähr zu dieser Zeit begann man von einer "Epidemie" im Gebiet zu sprechen. Doch die Ärztin Nikitina spricht lieber von einer "Konzentration" der Infizierten, weil niemand über genaues statistisches Material verfügt habe, sondern Angaben hierüber vermischt worden seien. Den Angaben der Ärztin zufolge sei nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO erst von einer Epidemie zu sprechen, wenn der Anteil der Erkrankten fünf Prozent der Gesamtbevölkerung betrage. 1996 wurden laut Nikitina im Königsberger Gebiet jedoch nur 535 Fälle von HIV-Infektionen bekannt, ein Jahr später habe ihre Zahl 1.109 betragen.

Nach Ansicht der Expertin konnten Verbreitungstendenzen der Krankheit festgestellt und entsprechende Maßnahmen zur Eingrenzung ergriffen werden. Der Gipfel der HIV-Ausbreitung habe vor sechs Jahren stattgefunden, als monatlich 190 neue Fälle registriert worden seien. Seit Mitte 1998 seien weniger Drogen konsumiert worden, und in der Folge habe sich die Zunahme der Infektionen durch Drogenmißbrauch stabilisiert. In der Folgezeit habe es weniger Fälle von Neuerkrankungen gegeben: In den letzten beiden Jahren seien nur noch 30 bis 35 Fälle pro Monat registriert worden.

Die Expertin betreibt allerdings selbst einen irreführenden Umgang mit Statistik, da sie einerseits hinsichtlich 1997 von 1.109 Infektionsfällen spricht, andererseits aber von einem Zuwachs von 190 Fällen monatlich. Möglicherweise ist dieses ein Versuch, mit falschen Angaben die Gefahr einer Ansteckung, die nicht zuletzt auch Besucher des Gebietes beunruhigt, herunterzuspielen.

Während laut Statistik vor 1998 HIV hauptsächlich über Drogenkonsum übertragen worden sei, habe später die Übertragung durch sexuelle Kontakte drastisch zugenommen (50 Prozent), wobei es sich bei den Neuerkrankten meist um die Partner Drogenabhängiger gehandelt habe. Dies bedeute jedoch keineswegs, wie häufig geäußert, daß alle Bewohner der Exklave zur Risikogruppe gehörten. HIV werde schließlich nicht durch die Luft übertragen, sondern sei eine Krankheit aufgrund des persönlichen Verhaltens. Oft trügen die Infizierten selber schuld, entweder weil sie Drogen konsumierten oder ungeschützt Sex hätten. Die einzigen Unschuldigen seien Kinder, die schon infiziert zur Welt kämen. Ihre Lage sei nicht ganz hoffnungslos, weil es Medikamente gäbe, mit denen man ein Ungeborenes im Mutterleib behandeln könne. Das Risiko des Ausbruches der Krankheit sei bei den behandelten Kindern ein um ein Vielfaches geringeres als bei den unbehandelten. Von den 262 registrierten Kindern HIV-infizierter Mütter seien 122 gesund und hätten von der Meldeliste gestrichen werden können, so Nikitina.

Auf die Frage, was sich seit Bekanntwerden der ersten registrierten Infektion geändert habe, antwortete Nikitina wieder mit einem Beispiel aus der Statistik. Während 1998 in Königsberg und den anderen Städten des Gebiets auf 100.000 Einwohner 130 HIV-Infizierte gekommen seien, habe die Anzahl in der ländlichen Umgebung ein Drittel betragen. Heute seien die Zahlen fast ausgeglichen. Zu einer weiteren Veränderung der Gesamtsituation habe das Fortschreiten der Krankheitssymptome bei den Infizierten geführt: Bei den meisten derjenigen, die sich vor sieben Jahren angesteckt hätten, sei die Krankheit inzwischen zum Ausbruch gekommen und einige von ihnen seien bereits gestorben.

Im Vergleich zu anderen Regionen der Russischen Föderation sei das Königsberger Gebiet zwar immer noch führend hinsichtlich der Ausbreitung von HI-Viren, doch gebe es seit 2001 auch hier Veränderungen: Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg, Irkutsk und andere Metropolen hätten die Exklave inzwischen überholt. Wieder mißbraucht die Ärztin hier die Statistik, um den Ernst der Lage zu verschleiern. Eine Region wie das Königsberger Gebiet an Städten wie Moskau und St. Petersburg zu messen heißt Äpfel mit Birnen vergleichen. Dieser hinkende Vergleich lenkt nur von dem eigentlichen Problem ab, daß sich an der führenden Rolle des Königsberger Gebiets auf dem Gebiete des Drogenhandels und der Verbreitung von Aids nichts geändert hat.

Die Möglichkeiten, den Erkrankten zu helfen, seien immer noch sehr begrenzt, fährt Nikitina fort. Das liege nicht zuletzt an den hohen Behandlungskosten, die monatlich zwischen 900 und 1.200 US-Dollar liegen könnten. Um allen zu helfen, fehlten die Mittel. Medikamente würden deshalb in erster Linie bei Kindern angewandt, die von ihren Müttern angesteckt wurden. Medikamente würden durch Spenden, Stiftungen, Zahlungen aus dem Gebiets- und Staatsbudget finanziert. Die erwachsenen Kranken haben also das Nachsehen!

Das Wichtigste, was in den vergangenen Jahren erreicht werden konnte, ist laut Auskunft der Ärztin ein verbessertes Diagnosezentrum, das mit neuesten Methoden und Techniken ausgestattet sei. So müßten Blutspenden nicht mehr nach St. Petersburg zur Analyse geschickt werden. Die Infizierten, denen geholfen werde, müßten sich einer begleitenden Therapie unterziehen, in der ihre psychologischen und sozialen Probleme gelöst werden sollten. Dabei gäbe es einen ständigen Austausch zwischen den behandelnden Ärzten, Vorsorge-Einrichtungen und Behörden.

Rußland tut immer noch zu wenig für die Aids-Bekämpfung und ist nach wie vor auf ausländische Hilfe angewiesen. Das Diagnose-Zentrum erhält 1,5 Millionen Rubel (knapp 43.000 Euro) aus dem Entwicklungsprogramm für die Region, Das sei zwar zu wenig, meint Nikitina, doch mit Hilfe der 200.000 Dollar, die das Königsberger Gebiet jährlich aus ausländischen Projekten zur Aids-Bekämpfung erhält, sei es schon möglich, Menschen zu helfen. Immerhin: Der gute Wille ist erkennbar!

"Es erfolgt eine Konzentration der knappen Mittel auf die Kinder, die von ihren Müttern angesteckt wurden"
 
     
     
 
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