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Licht am Ende des Tunnels

 
     
 
Im Jahr 1971 in Berchtesgaden geboren, beschäftigt sich Florian M. Beierl seit seinem zwölften Lebensjahr mit dem Obersalzberg und dessen Tunnelsystem. Der Großvater hatte an der Kehlsteinstrasse gearbeitet, das Hobby des Vaters war Höhlenforschung. Sie nahmen den Buben häufig mit und weckten durch ihre Erzählungen sein Interesse. Mit Freunden entdeckte er die Höhlen, wagte sich immer weiter in das 4,6 Kilometer lange Bunkersystem mit seinen drei Etagen. Einmal wäre er dabei fast tödlich verunglückt. Aus der Spielerei wurde Ernst. Zuletzt bezahlten der Spiegel und dann der bayerische Staat seine immer ernsthafter werdenden Forschungen. Innerhalb der letzten zehn Jahre besuchte Beierl rund 30 Zeitzeugen, wobei er ihren Spuren sogar bis nach Amerika folgte, und fotographierte in der Unterwelt des einstigen nach Berlin und der Wolfsschanze
dritten "Führerhauptquartiers". 70 Prozent der abgedruckten 400 Fotos sind bisher unveröffentlicht.

Als "Herr Wolf" kam der Führer der damals noch wenig bedeutenden NSDAP 1923 erstmals auf den Obersalzberg, um den wegen Verunglimpfung des Reichspräsidenten per Haftbefehl gesuchten Schriftsteller Dietrich Eckart zu besuchen. Fünf Jahre später mietete Hitler Haus Wachenfeld und kaufte es im Juni 1933 für 40.000 Goldmark. Nach Hitlers Entwürfen entstand daraus bis 1936 der Berghof.

Nicht als kühler, sachlicher Historiker, sondern mehr in Form einer immer wieder selbst wertenden Reportage berichtet Beierl über "Wallfahrten zum Führer", prominente Besucher vom Herzog von Windsor bis zum britischen Premierminister Lloyd George, der dort 1936 beeindruckt erklärte: "Ich schätze mich glücklich, dem Mann gegenüberzutreten, der nach der Niederlage das gesamte deutsche Volk wieder hinter sich gebracht und zum Aufstieg geführt hat." Wieder in London sagte er dem Daily Express: "Ich habe noch nie ein so glückliches Volk wie die Deutschen erlebt. Es gibt nur wenige Männer, denen ich so viel Vertrauen entgegenbringen würde wie Hitler."

Das von Beierl auf der Titelseite seines großformatigen Buches versprochene "Licht ins Dunkel der Geschichte" bringt er bei seinen ausführlichen Schilderungen über die 1943 begonnenen mehrstöckigen Bunkeranlagen. Dabei geht er weit über das vom Institut für Zeitgeschichte in "Die tödliche Utopie" Berichtete hinaus. Schließlich hatte er ja im Auftrag des Freistaats Bayern nach Möglichkeit alle unterirdischen Räume vermessen, Zugänge freigelegt und das bisher unerfaßte Tunnelsystem, an dem bis 1945 22 Monate gearbeitet worden war, in Karten und Fotos erfaßt.

Wie Beierl schreibt, wirkten dort bis zu 6.000, zum Teil auch tschechische und italienische Facharbeiter, denen man sogar ein eigenes Bordell zugestanden hatte. Mit Hilfe von SS-Wehrgeologen entstanden Luftschutzbunker für Hitler und Eva Braun, Göring, Bormann, die Gäste, die SS, Archive, Lebensmittelvorräte, französischem Wein, Hitlers Film- und Schallplattensammlung. Alle - raffiniert belüftet - mit eigenen Wachen an den Eingängen waren miteinander verknüpft. Es gab nur eine Ausnahme: Göring und Bormann, die sich nicht mochten, hatten keinen gegenseitigen Zugang zu ihren Schutztunneln.

Beierl erwähnt, daß auf dem Berg das größte europäische Luftraumkontrollzentrum existierte, das feindliche Flugzeuge schon von weitem hätte orten können. Lagepläne, Farbaufnahmen und spezielle Übersichten mit vielen technischen Details belegen das Können der Ingenieure und die durchweg saubere Dokumentation von Florian M. Beierl. Er kann auch mit der Legende aufräumen, daß die Amerikaner am 5. Mai als erste den Obersalzberg erreicht hätten. Sie waren es nicht, sondern die Franzosen, die den US-Truppen für das obligate Foto nicht einmal das volle Aufziehen ihrer Flagge erlaubten.

Der Autor, Autodidakt, will 2005 mit einem Geschichtsstudium beginnen. Hätte er das vorher getan und sein Buch besser gegenlesen lassen, wären ihm sicher einige Schnitzer nicht passiert. Auf Seite 8 ist von 300 britischen Flugzeugen die Rede, die den Obersalzberg am 25. April 1945 "umpflügten", sechs Seiten später sind es schon 400. Der Münchner Kardinal Faulhaber reiste keineswegs "mit einer kaum erklärbaren Bündnisbereitschaft" wieder aus Berchtesgaden ab, sondern entwarf kurz darauf für den Papst die Enzyklika "Mit brennender Sorge", in der Rom den Nationalsozialismus verurteilte und predigte am 4. Juli 1937 über die "Flammenzeichen" am Horizont anläßlich der Verhaftung des Münchner Männerseelsorgers P. Rupert Mayer. Schon bald erklärte Faulhaber seinen Mitarbeitern, daß er nach dem Ende des Dritten Reiches auf dem Obersalzberg eine Sühnekirche wolle erbauen las-sen. Norbert Matern

Florian M. Beierl: "Hitlers Berg - Licht ins Dunkel der Geschichte. Geschichte des Obersalzbergs und seiner geheimen Bunkeranlagen", IZ Verlag Beierl, Berchtesgaden 2004, Hardcover, 400 Fotos, 264 Seiten, 34,80 Euro

 
     
     
 
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