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Masuren beeindruckend

 
     
 
Je älter wir werden, desto stärker wird die Erinnerung an die Kindheit, der Kreis will sich

schließen. Und selbst wenn man die 90 schon überschritten hat, sind die Ereignisse aus frühesten Kindertagen noch da, die so gravierend waren, daß man sie mühelos aus der fernen Vergangenheit hervorholen kann. So wie Maria Oberzier, die in diesen Tagen 92 Jahre alt wird und die sich an herrliche Kindertage in Masuren erinnert - damals, vor 83 Jahren.

Sicher werden jetzt viele unserer Landsleute
im gleichen hohen Alter sagen: "Das können wir auch!" Aber bei Maria Oberzier liegt die Sache etwas anders. Denn sie wurde nicht in Ostdeutschland geboren, sondern in Gelsenkirchen. Wuchs dort mit sechs Geschwistern auf, ehe der Vater August Kirstein sich entschloß, in seine Heimat Ostdeutschland zurück-zukehren. Auch ihre Mutter Maria stammte aus Masuren, und so kamen die Eltern in ein vertrautes Land - für die Kinder aber war es eine unbekannte Welt, die so ganz anders war als die im Westen.

Wahrscheinlich gehörte ihr Vater zu jenen Landsleuten, die im Zuge der Industrialisierung "nach oberwärts" gingen, wie man damals sagte. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges beschloß er, mit seiner Familie nach Ostdeutschland zurückzukehren, vielleicht auch im Hinblick auf die Abstimmung. Zwar war sein Vater bereits verstorben und die Mutter lebte bei einem anderen Sohn in Gelsenkirchen, aber in Masuren wartete die Verwandtschaft seiner Frau. Im Mai 1919 ging es mit Frau und sechs Kindern - Bruder Kurt war schon vorausgefahren - auf die große Reise, mit Kisten und Kasten, Schließkorb, Rucksack und Reiseproviant. Für die Kinder ein Abenteuer vierter Klasse, denn sie hatten ein solches Abteil ganz für sich allein. Das Aufregendste aber war, daß an der Grenze zum neuen "polnischen Korridor" fremde Soldaten in das Abteil kamen, die eine unverständliche Sprache sprachen. Sie verschlossen die Türen und verboten, die Fenster zu öffnen oder hinauszuschauen. "Aber wir Kinder hielten uns nicht daran", erinnert sich Maria Oberzier, "wir zogen klammheimlich die Vorhänge zur Seite und sahen, daß wir über einen großen Fluß fuhren, das war die Weichsel."

Und sie erzählte weiter: "Am späten Abend kamen wir in Lyck an. Großvater Trynogga wartete schon mit einem Pferdefuhrwerk am Bahnhof. Mutter stieg mit den beiden Kleinsten - vier und sieben Jahre alt - auf den Wagen, und dann wurde noch das Gepäck verladen. Vater machte sich mit uns Größeren auf den Weg nach Monczen. Es war eine wundervolle Mainacht, warm und mondhell, und wir wurden gar nicht müde. Vater ging voraus, wir Kinder im Gänsemarsch hintendrein. Im Wald war es schön, nur die ausgebrannten und zerschossenen Häuser an der Straße machten uns ängstlich. Aber Vater war ja bei uns - was sollte uns da passieren? Es war eine herrliche Wanderung, und wir spürten überhaupt keine Müdigkeit."

Die kam erst auf dem großelterlichen Hof und war dann auch so stark, daß die Kinder tief und fest im Stroh der Scheune schliefen. Am nächsten Morgen ging es auf Erkundungsreise - und mit ihr begann der erste ostdeutsche Sommer, der für die kleine Maria Kirstein und ihre Geschwister ein wundervoller Kindersommer wurde. Das Dorf war klein, es bestand nur aus wenigen Höfen, die Großeltern wohnten im Abbau.

Maria Oberzier erinnert sich: "Die Schule lag an einem See, am anderen Ufer gab es mehrere Bauernhöfe, die wir im Laufe der Zeit erkundeten. Der größte Bauer hieß Specka. Auf einem der Höfe habe ich melken gelernt, ich war ja schon zehn Jahre alt. Das war schwer, aber es machte auch Spaß, und es hat sich gelohnt, denn diese Fähigkeit war mir im Zweiten Weltkrieg sehr von Nutzen. Man kann im Leben eben alles gebrauchen! Die Kuh, die Frieda hieß, war schon sehr alt. Da sie mein ungeschicktes Melken wohl merkte, legte sie sich einfach hin, und ich lag mit meinem Schemel samt Eimer im Stroh. Das Lachen der Mädchen und Knechte höre ich heute noch!"

Auch an den ersten Winter hat Frau Oberzier noch eine Erinnerung an Monczen: "Der Hof von Wilamowski lag auf einem Hügel, an seinem Fuß befand sich ein Brunnen, aus dem wir unser Wasser holten. Im Winter sausten wir mit unserem Rodelschlitten den Abhang hinunter, wobei es beinahe zu einem Unglück gekommen wäre. Der Brunnen war zugefroren, aber es wurde immer ein Loch für den Eimer frei gehalten. Vom Wasserholen war der Weg spiegelglatt. Als meine Schwester und ich den Hügel runterrodelten, gerieten wir so in Schwung, daß wir vor dem Brunnen nicht bremsen konnten. Meine Schwester flog auf den Brunnenrand, und hätte nicht mein großer Bruder da gestanden und sie noch schnell zu fassen bekommen, wäre sie wohl hineingefallen.

Nach diesem Winter zogen wir fort aus Monczen, denn Vater war mit der Landarbeit nicht ausgelastet und ging zur Polizei nach Lyck. Mutter zog mit uns Kindern nach Thalussen, weil meine großen Brüder ja arbeiten mußten. Dort gingen wir auch zur Schule. Ich erinnere mich noch gern an unseren Lehrer, Herrn Lottermoser, sein Sohn Heinz war unser Schulkamerad. Herr Lottermoser führte uns im Naturkundeunterricht oft hinaus in die herrliche Natur, auch pflegten wir unter seiner Leitung den Heldenfriedhof. Mutter und mein ältester Bruder arbeiteten auf dem Gut von Baron Strewinsky. Aber auch hier blieben wir nicht lange, denn meine größeren Geschwister sollten was Ordentliches lernen. Nach Lyck war es zu weit, und so zogen wir dann wieder mit Sack und Pack nach Gelsenkirchen!"

Vorbei die schönen Kindertage in der Elternheimat, die sie nie wiedergesehen hat. Der Vater fuhr noch öfters hin, um einem Onkel in der Landwirtschaft zu helfen. Von seiner letzten Reise kam er nicht mehr lebend zurück: Er verstarb 1936 im Krankenhaus in Lyck nach einem Unfall, den ein betrunkener SS-Mann verursacht hatte. Seine Tochter hütet immer noch ein Foto, das ihn auf dem Kutschbock zeigt. Sie hat dazu vermerkt: "Seine letzte Fahrt!" Nur drei Jahre hat sie als Kind in Ostdeutschland gelebt, sie blieben ein Leben lang unvergessen. Deshalb hält sie sich auch heute noch Das . Es sind aber nicht nur die Erinnerungen, die Maria Oberzier veranlaßten, uns zu schreiben. Sie möchte noch mehr über die ostdeutschen Wurzeln ihrer Familie wissen - das wünschen sich auch ihre Neffen und Nichten. Die 92jährige kann niemanden mehr befragen - von sieben Geschwistern ist sie allein übriggeblieben, nach zwei Herzinfarkten und Schlaganfällen fast gelähmt und sehschwach. "Habe somit nicht mehr viel Zeit!" schreibt sie. Und deshalb haben wir ihr auch diesen Platz eingeräumt, denn wir hoffen mit ihr, daß sich Landsleute aus dem Kreis Lyck melden, vielleicht auch entfernte Verwandte. Ihr Vater August Kirstein ist in Gustken geboren, die Großeltern kamen aus Fließdorf. Mutter Maria, geborene Trynogga, aus Sareiken, ihre Mutter war eine geborene Balzer. Maria Oberzier lebt heute in der Schumannstraße 2-4 in 40822 Mettmann. Weil sie fast blind ist, gebe ich auch ihre Telefonnummer bekannt: 0 21 04/ 7 45 61.

Werner Müller

 

Vor der Kaserne: Maria Oberziers Vater August Kirstein mit seinen Kameraden in Lyck Fotos (3): privat

Monczen: Großmutter Trynogga beim Rübenputzen

Letzte Kutschfahrt: Ein betrunkener SS-Mann überfuhr Maria Oberziers Vate
 
     
     
 
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