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Stargarder Historikerstreit

 
     
 
Das Ärgernis ist zweisprachig und in einer Auflage von tausend Exemplaren auf dem Markt. Sein Format beträgt 30 mal 20 Zentimeter, es ist 170 Seiten dick und auf Hochglanzpapier gedruckt. Finanziert wurde es vom EU-Fonds für grenznahe Zusammenarbeit. Es handelt sich um ein polnisches Buch über eine einst auf deutschem Territorium gelegene Stadt - um den Katalog, den das Museum in Stargard als Begleitbuch zu seiner neugestalteten Dauerausstellung herausgegeben hat.

Ausstellung und Katalog sind erklärtermaßen Versuche der polnischen Museumsleitung, an die Geschichte des ursprünglichen, 1939 eröffneten Stargarder Heimatmuseum
s anzuknüpfen. Dessen Bestände sind seit Kriegsende verschollen.

Im Jahre 1960 richteten die polnischen Behörden ein neues Museum ein, das mit der Stadtgeschichte allerdings wenig zu tun hatte. Die Exponate beschränkten sich auf die Frühgeschichte und die Zeit nach 1945. Dazwischen klaffte eine riesige Lücke.

Die neue Ausstellung, die im letzten Jahr im Pyritzer Tor eröffnet wurde - einem der vier bemerkenswerten Tore, über die die Stadt an der Ihna bis heute verfügt -, ist von völlig anderer Qualität. Auch der Stargarder Heimatkreis hat Stücke zur Verfügung gestellt. Ein adäquates Bild der Lokalgeschichte wird zwar noch nicht erreicht, doch können die Besucher Informationen mitnehmen, die bisher an keiner zugänglichen Stelle zu finden waren.

Das Interesse der polnischen Stargarder an der deutschen Lokalgeschichte ist groß und nimmt weiter zu. So hat eine Mitarbeiterin des Museums eine deutsch-polnische Konkordanz der Straßennamen erarbeitet, die für Reisende und Heimatforscher unentbehrlich ist. Die Vorsitzenden der Seniorenuniversität und des Heimat-Fördervereins in Stargard haben zu einem Schreibwettbewerb „Stargard - meine Stadt. Die Stargarder vor und nach 1945“ aufgerufen.

Dessen Ziel ist eine Chronik über „die Zeit der Evakuierung der bisherigen Bewohner und zugleich die Zeit der Ankunft von neuen Umsiedlern aus den ehemaligen Ostgebieten Polens“.

Die im Museumskatalog abgebildeten Dokumente, Stiche, Landkarten, Urkunden, Gemälde und Fotos lassen keinen Zweifel daran, daß es sich um eine deutsche Stadt handelte - was denn sonst! Allerdings wird der deutsche Charakter nicht explizit erwähnt.

Der Ärger des Heimatkreises entzündete sich gleich am ersten Satz der vom Museumsleiter Slawomir Preiss verfaßten Einleitung, in dem von der „jahrhundertelangen, multinationalen und multikulturellen Geschichte der Burg an der Ihna“ die Rede ist.

Die Vertreibung und die Einverleibung der deutschen Ostgebiete werden so umschrieben: „Die Nachkriegsjahre brachten wesentliche Veränderungen in der nationalen Struktur. Die Aussiedlungsaktion und die späteren Handlungen der Verwaltungsorgane hatten als Ziel eine feste Bindung dieser Gebiete an das Vaterland.“ Mit „Vaterland“ ist Polen gemeint.

Bereits im Juni polemisierte die Pommersche Zeitung gegen diesen „unredlichen Ansatz“, und der Ehrenvorsitzende des Stargarder Heimatkreisausschusses schrieb dem Museumsdirektor in einem Offenen Brief: „Wir kommen doch menschlich ganz gut miteinander aus, und persönlich kennen wir uns schon seit Jahren“, um dann empört fortzufahren: „700 Jahre deutsche Stadt Stargard in Pommern hätten es verdient, auch erwähnt zu werden. Oder wohin soll Ihre geschichtliche Reise gehen?“

Er rief die Stargarder auf, sich ebenfalls an dem aktuellen Schreibwettbewerb zu beteiligen, denn „einer möglichen Aussöhnung zwischen deutschen Stargardern und den neuen polnischen Bewohnern stand bisher immer das Ignorieren der Realitäten des damaligen Erlebens der alten deutschen Bürger von seiten der polnischen neuen Bewohner gegenüber“.

Harsche Worte, die die generelle Sorge der Pommern, aber auch der anderen Vertriebenen über die künftige historische Definitionsmacht widerspiegeln. Spätestens nach dem Rückzug der letzten Erlebnisgenerationen werden Publikationen wie der inkriminierte Katalog den Kenntnisstand von Bewohnern, Touristen und Interessenten unwidersprochen prägen.

Zur Sorge kommt die Enttäuschung. In den pommerschen Heimatkreisen wird zur Zeit intensiv die Zukunft der Heimatstuben diskutiert. Als ernsthafte Alternative erwägt man, die Sammlungen an die zuständigen Stellen in Hinterpommern zu übergeben, weil hierzulande die Nachfrage gering, dort aber groß ist. Nun muß man erkennen, daß gute kommunale und zwischenmenschliche Kontakte keine Garantie für kompatible Geschichtsbilder sind.

Die Worte spiegeln aber auch den Schmerz über eigene Versäumnisse wider. Versäumt wurde vor allem die Erarbeitung einer eigenen Stargarder Stadtgeschichte, die wissenschaftlichen Mindeststandards genügt und als Diskussionsgrundlage geeignet wäre.

Die Situation des Stargarder Heimatkreisausschusses ist dennoch vergleichsweise komfortabel. 1953 übernahm die nördlich von Hamburg gelegene Kleinstadt Elmshorn die Patenschaft über ihn. Diese Verbindung funktioniert bis heute problemlos, die Existenz der Heimatstube scheint bis auf weiteres gesichert, und das diesjährige 25. Heimattreffen wurde großzügig gesponsert und logistisch unterstützt.

Aus der Patenschaft über die deutschen Stargarder hat sich eine Städtepartnerschaft zwischen Elmshorn und dem polnischen Stargard ergeben, in die der Heimatkreisausschuß einbezogen ist. Umgekehrt nahm der Museumsdirektor Preiss mit seiner Frau am jüngsten Heimattreffen teil.

Slawomir Preiss erweist sich im Gespräch als leidenschaftlicher Deutschland-Interessent und Europa-Bekenner. Für die Reaktionen auf seinen Text läßt er ein gewisses Verständnis anklingen. Doch was für deutsche Stargarder eine Verfälschung ihrer Geschichte darstellt, ist für ihn der Versuch, polnischerseits Stargarder Traditionen anzunehmen und fortzuschreiben.

Auf die Frage, ob er das Thema der deutschen Ostgebiete und der Vertreibung ihrer Bewohner frei behandeln könne, gibt er - in deutscher Sprache - eine salomonische Antwort: gegenüber den jungen Leuten gewiß. Was umgekehrt bedeutet: gegenüber den Angehörigen der älteren Generation nicht.

Sein umstrittener Katalogtext kann und will daher keine gültigen Wahrheiten formulieren, sondern bezeichnet den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den die polnische Gesellschaft sich bis jetzt geeinigt hat. Die Diskussion ist weiter im Fluß.

Es gibt also Hoffnung, daß Ärgernisse dieser Art in Zukunft seltener werden.

 
     
     
 
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