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Auf Spurensuche in Nemmersdorf

 
     
 
In meiner Facharbeit zum Thema Flucht und Vertreibung aus Ostdeutschland habe ich in einer kleinen demographischen und soziologischen Mikrostudie speziell den Landkreis Gumbinnen untersucht. Dem Vorsitzenden der Vereinigung ehemaliger Angehöriger der Fried-richsschule und Cecilienschule Gumbinnen e.V., gefiel meine Arbeit so gut, daß er mich zu seiner Reise nach Gumbinnen und auf die Kurische Nehrung
einlud. Am 11. August sollte sich die Reisegruppe am Kieler Ostuferhafen zum Einchecken für die Fähre treffen, die uns nach Memel bringen sollte. Das Schiff legte ab, und am nächsten Mittag kamen wir dort an. Am Hafen warteten schon zwei Kleinbusse, die uns nach Gumbinnen bringen sollten. An der Grenze des Königsberger Gebietes hieß es erst einmal vier Stunden warten. Nachdem wir diese Hürde genommen hatten, genoß ich die Fahrt Richtung Gumbinnen. Die vielen brachliegenden Felder sind zu wilden Wiesen geworden und scheinen die Ebene noch zu verstärken. Der ostdeutsche Himmel bot seine schönsten Wolken, und unzählige Störche wateten durch das Gras.

Ich glaube, man hatte von mir erwartet, daß mich der Anblick der Stadt Gumbinnen erschrecken würde. Ich war mir aber bewußt, daß ich in russisch verwaltetes Gebiet reisen würde, und erwartete eine russische Stadt, die ich auch zu sehen bekam. Es war mir klar, daß ich Plattenbauten sehen würde, ärmliche Verhältnisse, und daß das Hotel Kaiserhof nicht das "Adlon" sein konnte, war mir auch bewußt. Ich war also gar nicht erschrocken, eher positiv überrascht von dem Erscheinungsbild vor allem der russischen Frauen. Sie trugen die modischste Kleidung und die hochhackigsten Schuhe.

Der erste Tag in Gumbinnen begann mit einer kleinen Stadtrundfahrt. Vieles ist kaputt, die Straßen, die Häuser, die Fabriken. Am Nachmittag besuchten wir die beiden Schulen. Am Eingang der Cecilienschule hängt ein metallenes Schild, das sehr verfallen aussieht. Auf die Frage, warum man dieses Schild nicht erneuert, kam die Antwort der Direktorin prompt: "Würden wir es erneuern, wäre es am nächsten Tag geklaut." Diese Aussage erklärte mir einiges. Man ließ manche Dinge also mit Absicht so kaputt, wie sie sind, damit sie erhalten bleiben. Der Abend war sehr schön, denn der Kant-Chor gab für uns ein Konzert, und im Anschluß fand noch ein kleiner Umtrunk mit dem Chor im Hotel statt. So lernte ich auch den berüchtigten Wodka kennen, den ich nicht allzugut vertragen habe.

Am letzten Tag vor unserer Abreise nach Nidden fuhren wir mit Bus und Sergej, unserem Reiseleiter, in die Rominter Heide. Auf dem Weg dorthin hielten wir an einer Anhöhe, wo einst der Bismarckturm Gumbinnens stand. Von oben hatte man einen herrlichen Blick über die gesamte Gegend. Jemand fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, daß dort unten aus den Bäumen damals überall rote Dächer leuchteten. Ich konnte es mir nicht vorstellen, denn es war weit und breit einfach nichts zu sehen. Man sah nur Wiesen, Felder und Wälder. Dieses Nichts hat mich allerdings sehr fasziniert. Die Stille, die herrschte, war beeindruckend.

Am nächsten Morgen, es war Sonntag, gingen alle in die Salzburger Kirche zum Gottesdienst, nur ich hatte eine Verabredung mit Karl Feller. Er wollte mir Nemmersdorf zeigen. Mit seinem Kleinbus und einem russischen Freund machten wir uns auf den Weg. Er erklärte mir bei einem kleinen Rundgang, wo seine Familie gelebt hatte, wo die Schule und das Wirtshaus standen, und er führte mich zu der Stelle, wo die Toten von Nemmersdorf damals wahrscheinlich begraben worden sind.

Gegen Mittag traf sich die ganze Reisegruppe vor dem Hotel. Es hatten sich beinahe das gesamte Hotelpersonal, Mitglieder des Kant-Chores sowie Freunde und Bekannte der Mitreisenden versammelt, um Abschied zu nehmen. Unsere weitere Reise führte uns nach Nidden auf die Kurische Nehrung.

Nidden genoß ich, auch wenn dort nicht so viel "action" geboten wurde wie in Gumbinnen. Wir waren schwimmen in der Ostsee, spazieren am Haff, wir sind durch die Dünen geklettert, und ich bin auch manchmal alleine durch die Stadt spaziert, die so schön ist. Ich möchte allen danken, die es mir möglich gemacht haben, all dies zu erleben. Die Dinge, die ich bisher nur aus Büchern und Akten kannte, sind für mich nun lebendig geworden. Einerseits war es erschreckend zu sehen, daß von vielen Häusern und ganzen Dörfern absolut nichts mehr übrig geblieben ist. Andererseits war es bereichernd, Gespräche zu führen mit Menschen, die damals dort gelebt haben. Ich danke allen, die mir die Möglichkeit gaben, Theorie in Praxis zu verwandeln. Vielen Dank für diese Bereicherung!

Christine Kolb vor dem russischsprachigen Ortsschild von Nemmersdorf:

Die aus Wunsiedel stammende diesjährige Gewinnerin des "Gumbinner Heimatpreises" nahm als Gast einer Reisegruppe der Vereinigung ehemaliger Angehöriger der Friedrichsschule und Cecilienschule Gumbinnen e.V. an einer Fahrt nach Gumbinnen teil. Ihre Eindrücke schildert sie in diesem Bericht. Informationen zu dem Schülerwettbewerb "Gumbinner Heimatpreis" erhalten Interessierte unter der

Telefonnummer 0 40/5 38 26 61 und der Internetadresse www.kreis-gumbinnen.de.
 
     
     
 
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