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Absage an die Berliner Republik

 
     
 
Ein Dutzend Schulkinder, denen man sicherlich erklärt hat, ihre Anwesenheit sei ein großartiges Privileg für sie, stehen gelangweilt im Regen. Die Polizei hat das Areal weiträumig abgesperrt. Die Bundeshauptstadt feiert gleichsam die Befreiung durch die Rote Armee.

Unmittelbar neben dem Platz, wo sich früher die Neue Reichskanzlei und der Führerbunker
befanden, entsteht nach einhelligem Wunsch unserer Volksvertreter in Kürze das Holocaustmahnmal. Am unlängst zum nationalen Gedenktag erklärten 27. Januar wurde die Baustelle eingeweiht, auch wenn weder die Finanzierung noch die Eigentumsfrage abschließend geklärt ist.

So war es mehr eine symbolische Feier, nachdem Elie Wiesel im Bundestag mahnende Worte an die zweite und dritte Nachkriegsgeneration von bundesdeutschen Politikern gehalten hatte. Einschließlich der Spitzen der bundesdeutschen Politik fanden sich allerdings kaum mehr als 200 Personen ein. Knapp 50 Prozent davon waren Abgeordnete, Minister und Vertreter jüdischer Einrichtungen. Die anwesenden Journalisten machten weitere fast 50 Prozent aus. Hinzu kamen ein paar Schaulustige.

Was wäre so ein bedächtiger Anlaß ohne einen Eklat? Irgend jemand mußte ja die Feier stören, und wenn es nur durch seine Anwesenheit ist. Rainer Kunzelmann, linksradikaler APO-Vertreter auf Freigang, provozierte allein dadurch, daß er sich friedlich unter die Gäste gemischt hatte. Als er durch einen Polizei- oder Verfassungsschutzangehörigen identifiziert worden war, halfen keine Argumente mehr. Der Delinquent wurde von acht Beamten davongetragen und dann kurz verhört.

Die Ansprachen beginnen: Wolfgang Thierse feierte zunächst den schnellen Vormarsch sowjetischer Panzer im Jahr 1945, um dann das Denkmal als "Absage an die Berliner Republik" zu bezeichnen. Dann dankt Lea Rosh "dem Mann, dem es leider nicht vergönnt war, das Denkmal noch während seiner Kanzlerschaft fertigstellen zu können, dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl".

Zwei Tage später demonstrieren einige hundert Denkmal-Gegner von der "Initiative gegen das Mahnmal" unter Führung des Ex-Terroristenanwalts Horst Mahler, der sich unlängst zum glühenden Nationalisten gewandelt hat. Die Demonstranten, darunter viele NPD-Angehörige, entrollen schwarz-weiß-rote Fahnen und ein Transparent mit der Aufschrift "Stoppt das Mahnmal".

Für Schlagzeilen hatte schon im Vorfeld die Absage des erklärten Denkmal-Gegners Eberhard Diepgen gesorgt. Der Regierende Bürgermeister ging jetzt noch weiter und sorgte für ein vorbildliches Polizeiaufgebot zum Schutz der Veranstaltung. Der mobilisierte Straßenmob konnte weder den Demonstrationszug noch die Kundgebung vor dem Brandenburger Tor stören. Um so empörter reagierte die Anitfa, die sogenannte "antifaschistische Touristeninformationen" neuerdings mehrsprachig vorstellt.

So ändern sich die Zeiten: Linke wie Horst Mahler werden zu nationalen Vorkämpfern, Lea Rosh dankt Helmut Kohl, und auf den Antifa-Spruchbändern steht auch nicht länger "Deutschland muß sterben" zu lesen. Der neue Slogan lautet unverblümt: "Deutschland muß zahlen!"

Ronald Gläser

 
     
     
 
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