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Alles ist Konsens

 
     
 
Ich sah "zum ersten Mal diesen deutschen Hünen, an dem ich mich einst Wochen, Monate, Jahre meines jungen Lebens gerieben hatte, weil die historische Zufälligkeit meiner Geburt mich unter seinem Einfluß befördert hatte, und ich bestaunte diesen Mann, Begleiter meiner Jugend wie Vater, Mutter und Freunde ..." Christian Schüle, 1970 geboren, beschreibt gleich zu Beginn seines Buches "Deutschlandvermessung - Abrechnung
en eines Mittdreißigers" seine Begegnung mit Helmut Kohl. Für ihn und alle in den 70er Jahren Geborenen habe dieser CDU-Bundeskanzler ihr Deutschlandbild maßgeblich geprägt. Dieses von Spießigkeit bis Sicherheit reichende Deutschlandbild und dessen Zerstörung durch die Realitäten der Gegenwart schildert der Autor sehr eindringlich. Er versucht sich und seine Generation, die demnächst das Ruder der Bundesrepublik in die Hand nehmen muß, zu verorten. Hierbei beschreibt er ihre von grenzenloser Freiheit geprägte Kindheit und Jugend, die nur von Tschernobyl, dem Mauerfall und Aids erschüttert worden sei. Finanziell gut ausgestattet seien die "ICHlinge" ohne große Sorgen aufgewachsen und hätten sich leistungsbereit in das Arbeitsleben gefügt, um ihre materiellen Wünsche zu erfüllen. Ideele Wünsche hätten sie gar keine. Ihr Bedürfnis nach Nähe würde durch Marketing und der Boulevardisierung der Gesellschaft befriedigt. "Alles wird Pop." Auch die Politik.

Mit flotter Feder führt der Autor das Problem des Mangels an kritischen Intellektuellen an. Diejenigen, die gegen den Strom schwimmen, seien am Aussterben und da niemand mehr hinterfragt, würde sogar aus der Politik eine Unterhaltungsshow. Alles sei Konsens, die politische Mitte wie ein schwarzes Loch, was alles zu einem Einheitsbrei verrühren würde, der kritische Geister sofort vernichte oder ausstoße und sich somit die eigene Zukunftsfähigkeit verbaue.

Schüle schildert, wie Deutschland zu einer "offenen Gesellschaft wurde, die geschlossen denkt". Auch den Umgang mit der "unglaublichen Hypothek" des Holocaust nimmt sich Schüle vor. So sei es in Deutschland die größte Fahrlässigkeit, wenn man das Wort Jude zusammen mit deutscher Vergangenheit benutze. "Spätestens jetzt wird seine ganze Umgebung aufhorchen und hellhörig darauf achten, in welchem Kontext der Wortverwender das Wort stellt." Und so fügt er selbst gleich "die moralische Matrix der bundesdeutschen Demokratie" entlarvend hinzu: "Ich muß an dieser Stelle also gleich sagen, daß ich mich niemals versündigen werde, stets erinnern und niemals vergessen."

In vielen Aspekten ist "Deutschlandvermessung" hellsichtig und erkennend. Manchmal ist der Autor aber von seiner Erkenntnis so begeistert, daß er sich zu turbulent in seine Gedanken verdreht. Letztendlich ist Schüles Buch Pop, auch wenn nach seinen eigenen Worten seine Generation inzwischen durch die triste Realität am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft geläutert worden sei.

Christian Schüle: "Deutschlandvermessung - Abrechnungen eines Mittdreißigers", Piper, München 2006, broschiert, 187 Seiten, 16,90 Euro 5872
 
     
     
 
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