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Die Zeit drängt. In einer halben Stunde kommt der Fahrer, um Generalkonsul Dr. Cornelius Sommer zur Einweihung einer deutschen Speditionsniederlassung zu fahren. Noch immer befindet sich das deutsche Generalkonsulat abseits des Stadtzentrums im Hotel Albertina im Norden Königsbergs. Inzwischen hat der Vertreter des Auswärtigen Amtes jedoch mit seinem Mitarbeiterstab nicht mehr nur ein Zimmer, sondern gleich die ganze Etage in dem kleinen Gästehaus in der im Aufbau befindlichen Villengegend in Beschlag genommen. Acht deutsche und vier russische Mitarbeiter bemühen sich, in den vier Räumen "normale" Arbeit zu leisten, doch der Besucher wird schnell gewahr, daß es sich hier um ein Provisorium handelt. So scheint es sich bei dem mit einer Decke verhängten Tisch eher um einen Tapeziertisch zu handeln als um repräsentatives Mobiliar, wie man es in einer deutschen Auslandsvertretung erwarten würde. Auch die wichtigste Verwaltungsaufgabe, die Ausstellung von Visa, kann in diesen beengten Räumlichkeiten aufgrund fehlenden Platzes für die notwendige komplizierte Technik nicht durchgeführt werden.

Demgemäß macht Cornelius Sommer auch keinen freudigen Eindruck, als die Sprache auf einen Umzug in eigene Räumlichkeiten kommt. Das leidige Thema wird von der russischen Seite nicht gerade diplomatisch
betreut. Schon fünf konkrete Immobilienvorschläge wurden von deutscher Seite vorgelegt, doch jedesmal von Moskau ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Dabei ist das Medieninteresse im "Oblast Kaliningrad" groß. Einerseits scheint sich die Öffentlichkeit über die deutsche Präsenz zu freuen, andererseits bestehen noch Ängste aus vergangenen Tagen. So gibt es durchaus auch in der Bevölkerung Stimmen, die fordern, die russische Regierung solle die Deutschen im Auge behalten, da Konsulate ja "in erster Linie nur spionieren" wollten. Cornelius Sommer kann jedoch vor allem von positiven Reaktionen der Bewohner auf die deutsche Anwesenheit berichten. Neben Schweden, Polen und Litauen stellt Deutschland nun den vierten Generalkonsul, der in der Stadt ansässig ist. Für die Menschen dort ist die EU "zunächst einmal Deutschland" - und nun auch konsularisch direkt in ihrer Stadt vertreten. Mos-kau scheint jedoch von den Empfindsamkeiten und Wünschen der Bewohner der Oblast wenig beeindruckt, schließlich handelt es sich hier nur um 0,6 Prozent der russischen Bevölkerung, und so verfolgt die Regierung im Kreml unbeirrt die eigene Linie.

Dies scheint sowieso in fast allen Bereichen der Fall zu sein. Es fehlt ein "richtungsweisender Plan aus Moskau", was mit der russischen Exklave mitten in der EU passieren soll, stellt Cornelius Sommer sachlich fest. Ob Sondersteuerzone, Stadtent-wicklung oder gesetzgeberische und administrative Zuständigkeiten: Moskau hüllt sich in Schweigen. Zwar lägen, wie der Generalkonsul im Gespräch mit derbetont, beispielsweise in der Abteilung Stadtent-wicklung in Königsberg zahlreiche beeindruckende Hochglanzbroschüren über einen dringend notwendigen Stadtumbau vor, doch das seien alles nur Ideen, denen ein Gesamtkonzept fehle. Inzwischen entstehen an den Ortsrändern beachtliche Neubaugebiete. So auch das, in dem sich der derzeitige Sitz des Konsulats befindet. Die Villen dort sind beeindruckend, doch "keiner kann sagen, wo das Geld hierfür herkommt", denn die Wirtschaft der Stadt gebe derlei Luxus nicht her, mutmaßt der Generalkonsul. Das solle jedoch nicht heißen, daß das Geld aus dunklen Kanälen der Stadt stamme, denn selbst diese wären nicht ergiebig genug. Die Theorie, daß das Geld von Moskauer Neureichen komme, scheine am wahrscheinlichsten, doch was diese gerade hier wollten, weiß auch der Generalkonsul nicht, denn es gebe unzweifelhaft schönere und wirtschaftlich florierendere Regionen, in denen man sein Geld besser investieren könne.

Fakt ist auf jeden Fall, daß diese Bauprojekte die Immobilienpreise in die Höhe getrieben haben, so daß sie nun völlig irreal sind und nicht mehr zur Gesamtwirtschaft passen. Dies wiederum schadet der sowieso kleinen Mittelschicht, die nun erst recht nicht mehr in der Lage ist, sich eigene Immobilien anzuschaffen.

So glaubt der deutsche Generalkonsul in Königsberg nicht daran, daß im Laufe der nächsten Jahre noch viele große Unternehmen des produzierenden Gewerbes dem Beispiel von BMW folgen werden. Der Münchner Automobilhersteller hat 1999 in der Stadt sein erstes osteuropäisches Werk gegründet, doch bisher haben sich keine weiteren Investoren in dieser Größenordnung gefunden. Daher setzt Cornelius Sommer eher auf Dienstleistungen und das Transportgewerbe. Auch der Handel mit Deutschland hat sich sehr verbessert. In den Supermärkten der Stadt sind zahlreiche deutsche Markenprodukte zu erstehen, doch ob die teuren deutschen Produkte dort Absatzmärkte finden, ist offen. Für die Kontaktaufnahme deutscher Unternehmen mit möglichen Partnern ist das in Königsberg angesiedelte Büro der Hamburger Handelskammer zuständig, so daß sich das Generalkonsulat schwerpunktmäßig auf die Betreuung der zahlreichen Hilfsprogramme und kulturellen Gruppen konzentrieren kann. Beispielsweise besuchte Sommer vor kurzem einen kostenlos in Trakehnen praktizierenden deutschen Zahnarzt. Auf kultureller Ebene galt es 2004, zahlreiche Veranstaltungen und Termine hinsichtlich des Jahres der deutschen Kultur in Rußland in Königsberg zu organisieren. Noch im Oktober gibt es einige Termine, die unter anderem zusammen mit der Kaliningrader Philharmonie begangen werden.

Was jedoch im Jahr 2005 zum 750jährigen Jubiläum der Stadt offiziell geplant ist, kann der deutsche Generalkonsul nur wieder mit einem Schulterzucken beantworten. Auf privater Ebene betreut das Konsulat zwar schon zahlreiche Projekte, doch von russischer Seite gibt es immer noch keine Äußerungen, ob es nach offizieller Moskauer Lesart überhaupt ein 750jähriges Stadtjubiläum geben darf. Schließlich betrifft dieses genau jenen Bereich, der die deutsch-russische Beziehung am stärksten belastet.

Für den Konsul bedeutet dies einen Spagat zwischen eigener Interessenvertretung und Beachtung der vorhandenen Sensibilitäten. Schon die Gegenwart muß behutsam behandelt werden, denn so mancher in Moskau fürchtet, daß Berlin nicht nur von der reinen Distanz, sondern auch vom Einfluß her dichter an den Menschen in der Oblast ist. Betrifft etwas jedoch die Vergangenheit, herrscht mehr als nur kühle Distanz. Hier gerät der Kreml zudem vor seiner Bevölkerung in Erklärungsnot, denn der wurde die jahrhundertelange deutsche Geschichte der Stadt bislang weitgehend vorenthalten. Bis heute fragen sich die Menschen "Wer sind wir eigentlich" - eine Frage, die Moskau keineswegs zu beantworten hilft. Fritz Hegelmann

Außergewöhnlicher Posten: Als deutscher Generalkonsul in Königsberg steht Cornelius Sommer auf schwierigem politischen Terrain. /font>

 
     
     
 
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