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Computer statt Bildung

 
     
 
Die Ausstattung der Schulen mit Computern war die große bildungspolitische Verheißung der Kultusministerien in den vergangenen Jahren. Kein Bundesland will und kann sich einen Verzicht auf elektronische Medien in der schulischen Unterweisung leisten. Die Vernetzung der Schulen, so glaubt man, sichert allein die Bildung zukünftiger Generationen. Vor lauter Fortschrittsgläubigkeit und Begeisterung für den Computer vermitteln nicht wenige Bildungspolitiker selbst den Eindruck, wie Parzival vor dem Gral zu stehen, da sie oft zu denen gehören, die den Computer nur aus einem bestimmten Anwendungssegment kennen.

Obwohl Computer und Interne
t heute zu den unerläßlichen Arbeitsmaterialien der Schule gehören, die weitaus attraktiver sind als manches Schulbuch, dürfen sie nicht zum ausschließlichen Bildungsinhalt werden. An die Stelle mühsamen Wissenserwerbs vorrangig Medienkompetenz zu setzen, technisierte Problemlösungsstrategien zu erwerben, erreicht der Schüler noch kein Bildungsziel. Ganz im Gegenteil. Nicht wenige Schüler "surfen" begeistert im Internet, tragen blitzschnell alle benötigten Informationen zusammen, wissen dann aber oft nicht, wie sie die Datenfülle bewältigen sollen. Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, so reden die modernen Schulerneuerer, seien weitaus wichtiger als ein Wissen mit immer kürzerer Halbwertzeit. Statt Wissensvermittler fungiert der Lehrer nunmehr als Moderator und Lernberater. Die didaktische Illusion, daß nicht Inhalte sondern lediglich Methoden erworben werden müssen, die schon im 19. Jahrhundert manchen Schulreformer beschlich, wird auch im Zeitalter des Computers nicht wahrer.

Daß Computer nicht automatisch zu einer Verbesserung der Unterrichtsqualität, des allgemeinen beziehungsweise praktischen Wissens oder gar der Lernleistung geführt haben, ist spätestens seit "Pisa" jedermann knallhart vor Augen geführt worden. Sie nähren allerdings die Vorstellung, Bildung lasse sich einfach und anstrengungslos wie Fastfood aufnehmen. So höhlt man den Bildungsbegriff aus. Der bloße Zugang zum Internet wird nicht wenige daran hindern, sich der Grenzen ihrer Kenntnisse gewahr zu werden. In der Wissensgesellschaft wird sich dauerhaft nur der zurechtfinden, wer seine Kenntnisse und Defizite im Wissen, Lernen und Handeln realistisch einschätzt. Deshalb überzeugt es nicht so recht, der weit verbreiteten Computermanie die Forderung nach einer bewußteren Werteorientierung entgegenzusetzen. Intelligentes Wissen zu vermitteln, muß Aufgabe der Lehrer beziehungsweise. der Schule bleiben. Schüler sollten sich nicht damit zufrieden geben, ein zusammenhangloses Faktenwissen zu erwerben. Intelligentes Wissen wird sich dadurch auszeichnen, daß es, trotz unterschiedlicher individueller Fähigkeiten und Fertig- keiten der Schüler neue Informationen eigenständig mit bereits vorhandenen Kenntnissen verknüpft.

Technisches Verständnis, Wissensfülle führen nicht automatisch zur Bildung. Sie machen auch nicht besonders lebenstauglich. Der lebenspraktische Umgang mit Wissen erfordert eigene Lernprozesse beziehungsweise Erfahrungen, die nicht gerade durch immer neue "gesellschaftliche" Anforderungen an die Schule begünstigt werden. Auch die uns allen vertraute Schülerfrage, wozu dieses oder jenes Wissen später eigentlich von Nutzen sei, führt in eine Sackgasse. Warum Musik-, Religions- oder Chemieunterricht? Bei vielen einstigen "Schulbanausen" ergeben sich erst Jahre später Antworten und Dankbarkeit.

Der weit verbreitete Bildungsutilitarismus verhindert jenes vielseitig verwendbare Allgemeinwissen, das noch vor Jahrzehnten das deutsche Bildungsbürgertum auszeichnete. Wer allen Ernstes glaubt, allein in der Schule, durch Medien oder den Computer das Leben zu lernen, irrt gewaltig. Unerläßlich aber ist allerdings die Fähigkeit, reflektierte Erfahrung mit dem Gelernten selbständig in Verbindung zu setzen und damit zu einer persönlichen Bildung zu gelangen, die mit dem Wort Schlüsselqualifikation nur unzureichend umschrieben wird. Der Computer wird den von manchen überängstlichen Stockkonservativen befürchteten "Untergang des Abendlandes" weder beschleunigen noch ihn verhindern. Es ist jedoch höchste Zeit, daß sich die zaudernden Computergeg-ner und die fanatischen Computerbefürworter nüchtern darauf besinnen, daß der Computer ein hilfreiches Arbeitsmittel ist, daß aber Bildung, schon gar nicht Herzensbildung ersetzen kann. Wenn darüber allgemeine Übereinstimmung erzielt ist, kann mit der Dis-kussion über unerläßliche Bildungsinhalte begonnen werden.

 

Weltenzyklus

Am Anfang, heißt es, war ein Knall:

Das Nichts gebar sich Rauch und Schall!

Doch selbst wenn vieles dafür spricht,

bezeugt sind jene Zeiten nicht,

denn leerer Raum ist totenstill,

da kann man lauschen, wie man will,

ja nicht bloß das, es gab kein Ohr -

wie kam der Schall sich dämlich vor!

Bald pfeift der Schall auf Theorie,

denn irgendwann und irgendwie

befüllt sich dieser leere Raum

mit Erde, Wasser, Luft und Baum,

es winselt, kräht und grunzt Getier,

bis dann als Krönung im Revier

der Mensch erstaunt die Ohren trimmt

und wenigst ein Geräusch vernimmt.

Zunächst versteht er nichts davon,

doch Ordnung macht Geräusch zum Ton,

der Ton veredelt sich zum Klang,

ob hoch und tief, ob kurz und lang,

die Klänge geben Melodie,

Zusammenspiel wird Harmonie,

und Takt um Takt entsteht ein Stück -

für Mensch und Schall ein wahres Glück.

Nur - Glückshormone leben kurz

und obendrein ist ihnen schnurz,

daß sorglos einst der Schall beim Spaß

auf seinen Bruder Rauch vergaß!

Denn Qualm vernebelt leicht den Sinn,

und Mißklang zieht daraus Gewinn.

So schwindelt sich im trüben Schein

ein Schwarm von falschen Tönen ein!

Die Menschheit, stark indes vermehrt,

hat Schönes brav zum Kitsch erklärt,

denn wohlgelautete Musik

mißfällt den Herren der Kritik.

Das Kakophone triumphiert,

zum Nonplusultra stilisiert,

und Töne sind zur eignen Qual

zu laut, zu zwölft und atonal.

Es schwillt akustischer Gestank,

macht Ohren, Hirne, Seelen krank,

entartet zu totalem Graus,

der Kosmos hält es nimmer aus

und implodiert zurück ins Nichts -

mitsamt den Versen des Gedichts.

So bleibt am Schluß, wie anfangs auch,

nur ungehörter Schall mit Rauch...

Gonzalo de Braganza

 
     
     
 
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