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Ein Blick zurück

 
     
 
Eine Umfrage unter 640 Mädchen und Jungen in einer Frankfurter Grundschule brachte erschreckende Verhältnisse ans Tageslicht: 47 Kinder gehen ohne Essen zur Schule, 30 Kinder bekommen kein Schulbrot mit auf den Weg, 125 Kinder besitzen eigene Wohnungsschlüssel, 57 Kinder müssen sich ihr Mittag-essen selbst wärmen, die älteren bereiten es sich auch selbst zu, 15 Väter sind arbeitslos, bei 29 Kindern ist die Mutter berufs
tätig und der Vater sorgt für das Frühstück, in 195 Familien arbeiten beide Eltern ... Zahlen von heute, überlegt der geneigte Leser, wird dann jedoch stutzig: In 98 Familien hat nicht jeder ein eigenes Bett ... Das kann doch nicht wahr sein! Aber ja, doch stammen die Zahlen aus dem Jahr 1955. Die goldenen 50er? Gab es sie tatsächlich?

Mit leicht verklärtem Blick schaut mancher heute zurück auf eine Zeit mit Tütenlampen, Nierentischen und schmalzigen Heimatfilmen. Es ist die vielgepriesene Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie lebte man wirklich damals? Welche Ansprüche stellte man? Genau um dieses Thema geht es in dem Buch von Claudia Seifert Wenn du lächelst, bist du schöner! (dtv, 264 Seiten mit zahlreichen sw Fotografien, Klappenbroschur, 14,50 Euro). Die 1956 in Dresden geborene und bei Ludwigshafen aufgewachsene Autorin läßt sieben Frauen aus Ost und West von ihrer Kindheit und Jugendzeit in den 50er und 60er Jahren erzählen.

"Die 50er Jahre waren für viele Menschen in beiden Teilen Deutschlands vor allem noch Jahre großen Mangels", so Seifert. "Doch im Osten, der noch lange die Zone hieß, wie im Westen stürzten sie sich in den Wiederaufbau. In erster Linie wurde geschuftet. Zeit zum Nachdenken über den verlorenen Krieg und die begangenen Verbrechen blieb wenig. Aber da war noch etwas anderes. Die Leitwörter des Jahrzehnts hießen: Pflicht und Leistung, Ordnung, Sauberkeit und Gehorsam. Die Deutschen waren angetrieben von dem übermächtigen Wunsch, endlich wieder zur Normalität zurückzukehren."

Alle Frauen berichten von beengten Wohnverhältnissen, in denen es für die Kinder keine eigenen Zimmer gab. Oftmals wurden auch noch Verwandte mit aufgenommen, die alles verloren hatten. "Überall guckt noch der verlorene Krieg um die Ecke und quält die Übriggebliebenen mit unglaublichen Überlebensstrategien, um Flucht, Vertreibung, Hunger, Not und Elend und die ganze Armut endlich zu bewältigen und zu überwinden ..." Spielzeug war damals Mangelware, und das Erziehungsideal für Mädchen hieß, brav und fleißig zu sein. Sie hatten viele Aufgaben im Haus zu erledigen, mußten stillhalten, durften keine Ansprüche stellen und keine Gefühle zeigen. Auf diese Weise hatten die Eltern den Krieg überstanden, und diese Maximen wurden an die Mädchen weitergegeben.

Freiräume, die für Kinder unserer Zeit eine Selbstverständlichkeit sind, holten sie sich beim Spielen auf der Straße: "Wir wohnten direkt an einem kleinen Park, in dem wir herrlich spielen und toben konnten. In den Gebüschen spielten wir Verstecken. Beliebte Spiele waren das Brummern oder das Murmeln. Beim Murmeln gewann derjenige, der die meisten Kugeln ins Loch bekam ..." Um die Erziehung wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Ein Standardsatz lautete: "Das gehört sich nicht." Und: Wenn Erwachsene reden, hatten Kinder den Mund zu halten. "Mit beginnender Pubertät wurden Äußerungen von Weiblichkeit bei den heranwachsenden Töchtern ängstlich gleichgesetzt mit schiefer Bahn. Du wirst noch in der Gosse landen!"

Fernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen, Autos und Urlaubsreisen waren in den 50er und 60er Jahren immer noch Luxusartikel. Das tägliche Leben war alles andere als idyllisch. Bei allen Unterschieden zwischen Ost und West sind dennoch immer wieder Gemeinsamkeiten zu entdecken. Entstanden ist ein unsentimentales Bild dieser Epoche, gespickt mit vielen Erinnerungen, die das Leben in den 50er und 60er Jahren zwischen Rhein und Oder lebendig werden lassen.

"Die Eltern sind jetzt alt, viele sind Großeltern. Welche Rolle können wir, die Kinder, ihnen gegen-über heute einnehmen?" fragt Claudia Seifert und gibt sogleich selbst eine Antwort: "Die Enkel und wir sollten unermüdlich fragen, wieder neu fragen, genau hinhören und sammeln. Denn sonst nehmen die Letzten, die davon berichten könnten, nicht nur ihre persönlichen Erlebnisse mit ins Grab." Barbara Mußfeldt

 
     
     
 
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