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Erinnerung im Land der Brüche

 
     
 
Neben Unterhaltung, Sensibilisierung und politischer Willensbildung gehört die Erinnerung – das Bewahren vor dem Vergessen – zu den vordringlichsten Aufgaben der Literatur. Sie wird gerade in Zeiten des Umbruchs, der Radikalisierung und des ungehemmt hereinbrechenden Modernismus unabdingbar notwendig. So ist es kein Zufall, daß das 20. Jahrhundert diesem Genre stilistisch großartige Werke des Rückblicks auf der "Suche nach der verlorenen Zeit" (Marcel
Proust) geschenkt hat: Thomas Manns Kaufmannspanorama "Buddenbrooks", Pasternaks Abgesang auf das vorrevolutionäre russische Bürgertum im "Doktor Schiwago", Musils langer Abschied von der Donaumonarchie – um nur einige zu nennen.

Erratisch wie ein Felsblock stehen Johnsons "Jahrestage" in der deutschen Nachkriegsliteratur; sperrig und nicht immer leicht zugänglich, haben sie in der Kritik neben Sympathie nicht selten auch Unbehagen ausgelöst. Uwe Johnson hat an seinem vierbändigen, fast 2000 Seiten umfassenden Hauptwerk insgesamt 13 Jahre gearbeitet; erst 1983, ein Jahr vor seinem Tod, konnte er endlich den Schlußpunkt setzen. Anhand von Zeitungszitaten, eigenen Kurznotizen, Tonbandaufzeichnungen ("für wenn ich tot bin") und Dialogen wird ein Jahr im Leben der Hauptfigur Gesine Cresspahl in New York erzählt. Es beginnt am 20. August 1967 und endet mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Tschechoslowakei am 21. August 1968.

Der Titel erfüllt sich somit in doppelter Hinsicht: einerseits wird ein Jahr der Biographie Gesines dargestellt, andererseits werden lauter "Jahrestage" berücksichtigt. Denn in diesem einen Jahr wird nichts ausgelassen, was nicht in irgendeiner Form von politischer Relevanz wäre: der Vietnamkrieg, die amerikanische Rassenproblematik, die Ermordung Martin Luther Kings, letztlich das Ende des Prager Frühlings. Eine geschickte Verbindung aus eigener Reflexion, journalistischer Reportage und prosaischer Erzählung. Indem Gesine ihrer Tochter Marie die Geschichte ihrer Familie erzählt, arbeitet Johnson darüber hinaus ausführlich deutsche Geschichte ab. So ergibt sich letztlich die permanent zwischen mecklenburgischer Provinz und Weltstadt New York hin- und herschwingende Handlung, das faszinierende Zeitpanorama.

Aufbau und Anliegen der "Jahrestage" lassen sich nicht ohne die eigensinnige Person des Autors verstehen. 1934 in Cammin bei Stettin geboren, wuchs er in Anklam an der Peene auf. Von 1952 bis 1956 studierte er in Rostock und Leipzig Germanistik, u. a. bei dem berühmten Lehrer Hans Mayer. Johnsons regimekritische Einstellung machte eine Hochschulkarriere in der DDR unmöglich. Es folgte für ihn eine entbehrungsreiche Zeit am Rande des Existenzminimums, bis er 1959 nach West-Berlin übersiedelte – Johnson legte zeitlebens Wert darauf, lediglich "umgezogen" zu sein.

Nicht zuletzt darauf gründete sich auch sein Ruf während der Teilungszeit "Dichter der beiden Deutschland" zu sein. Uwe Johnson hat diesen Titel gepflegt und stets als Anerkennung und eine Art heimlicher Auszeichnung für sein Werk verstanden. In seinen Romanen wie "Mutmaßungen über Jakob" oder seinem posthum erschienen Debüt "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953" hatte er sich dezidiert dem deutsch-deutschen Dilemma während des Kalten Krieges gewidmet.

In diesem Kontext sah Johnson auch seine Übersiedlung nach West-Berlin, zwei Jahre vor dem Bau der Mauer noch vergleichsweise bequem mit der S-Bahn. Die Beschäftigung mit dem gescheiterten sozialistischen Modell "DDR" hörte für ihn in Friedenau mitnichten auf. Für den "Tagesspiegel" begann er 1964 das von der westdeutschen Presse boykottierte DDR-Fernsehen regelmäßig zu besprechen; seine TV-Kritiken liegen mittlerweile unter dem Titel "Der 5. Kanal" in Buchform vor. 1966 bis 1968 lebte er mit seiner Frau an der Upper Westside in Manhattan. Inmitten der lärmenden Hektik New Yorks reifte der Plan zu den "Jahrestagen", um anhand der Romanfigur Gesine Cresspahl den deutschen Weg des 20. Jahrhunderts mit allen Fehlern und Irrtümern hin zur Amerikanisierung nachzuzeichnen, sich also in seinen Worten mit der "Katze Erinnerung" fortan herumzuplagen.

Johnson geht dabei zum Teil sehr akribisch vor; sein Erzählinteresse liegt zunächst beim Dritten Reich, somit bei Gesines Elterngeneration. Den Nationalsozialisten folgen die Rotarmisten als Machthaber in der dörflichen Idylle Jerichows, und nach Gesines Leben und Leiden in der frühen DDR führt sie ihr Weg – parallel zu dem ihres Autors – in den Westen, schließlich nach New York.

Keine Frage, Johnson liegt mit seinen "Jahrestagen" derzeit durchaus im Trend. In einer Zeit, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland nicht müde wird, in immer neuen Zyklen und Kapiteln die letztlich immer wieder gleichen Spektren des Dritten Reiches zu beleuchten und nachzuerzählen, kam der "Dichter der beiden Deutschland" nicht ungelegen. Grund genug für die ARD, weder Aufwand noch Mittel zu scheuen, die "Jahrestage" in vier Folgen zum Ende des Jahres in die deutschen Wohnzimmer flimmern zu lassen. Man kann dem Filmprojekt Margarete von Trottas kaum vorwerfen, allzu plakativ herangegangen zu sein – Fernsehen funktioniert im Grunde nicht anders und kann auch unmöglich eine detailgenaue Umsetzung eines derart monumentalen Werkes leisten. Dennoch aber hätte man sich vor den plumpen gängigen Klischeebildern hüten müssen: die zu Bruch gehenden Fensterscheiben des jüdischen Ladens, Gesines Onkel als ungeliebter Sohn und daher strammer Nazi, der gutmütige, saufende russische Offizier und dergleichen Stereotypen mehr. Man weiß zum Glück nicht, wie der 1984 verstorbene Autor der Verfilmung beigewohnt hätte. Der Nebeneffekt aber hätte ihm sicher gefallen, denn nicht nur, daß der pommersche Schriftsteller vielen erst zu einem Begriff wurde; der Suhrkamp-Verlag veröffentlichte parallel zum Film auch gleich eine Taschenbuchausgabe der "Jahrestage" – hübsch verpackt und erstmals zu einem vergleichsweise günstigen Preis. In Zeiten, da ein Jahrhundert zu Grabe getragen wird und eine anonyme Globalisierung droht, scheint sich das Geschäft mit der Erinnerung zu lohnen.

Denn durch Johnsons an der Moderne, vornehmlich an Joyce und Faulkner, orientierter Erzählweise wabert auch so etwas wie "Heimat" – der absolute Gegenbegriff zum globalen High-Tech-Glück. Wenn Johnson die untergegangene Welt des alten Mecklenburg beschreibt, so sieht er sie gerade im Kleinen: in der Amsel auf dem alten schwarzen Baum im Hof, im Schweigen der Landschaft. Oder im Kniesenack. Selbst in Mecklenburg ist der Name des dunklen Güstrower Bieres nicht jedem bekannt; Eingeweihte aber schätzen den Geschmack des alkoholreichen altslawischen "Fürstenbieres". Beim Genuß dieses dunklen Gebräus in der Erinnerung scheint Johnson gleichsam auch den Geschmack seiner mecklenburgisch-pommerschen Heimat geschlürft und inhaliert zu haben – ein Gefühl, das Heimatvertriebenen generell vertraut ist.

Marcel Reich-Ranicki sah darin "Blut- und Bodenliteratur"; Johnson greife auf stilistische Mittel zurück, die seit 1945 als tabu gelten. Johnson selbst haben derartige Vorwürfe zumindest nach außen hin unbeeindruckt gelassen; vermutlich war ihm das Seelenleben des Kritikers derart fremd, daß er es kaum nachvollziehen konnte.

Eine andere Erfahrung machte er hingegen in New York. Der Holocaust zählt zu den heimlichen Leitmotiven in den "Jahrestagen"; in ihm sah Johnson eine der wesentlichen Ursachen für den schmerzlichen Verlust der Heimat. Das unlösbare Beschäftigen mit der eigenen Geschichte führt Gesine letztlich in den Schmelztiegel New York, die "Heimat der Heimatlosen". Eben hier nahm Johnson 1967 an einer Versammlung des Jewish American Congress teil. – In den "Jahrestagen" hat er diese Episode noch einmal nacherzählt. Johnson war gekommen, um den New Yorker Juden die Hintergründe der damaligen NSDAP-Wahlerfolge zu erläutern – in dem Glauben, selbst ein neutraler Analytiker zu sein. Doch unversehens sah er sich angeklagt und an den Pranger gestellt; mundtot gemacht, wie er später sinnierte, durch die Last der eigenen Vergangenheit. Dabei hatte er keine Schwierigkeiten, sich der moralischen Hypothek des Nationalsozialismus zu stellen. Gleichwohl mußte er einsehen, daß seiner Generation offensichtlich ein unbefangener Umgang mit der Geschichte nicht unbedingt gestattet war.

Dabei hätte sich Johnson auf dem Jüdischen Kongreß lediglich an seinen Zusammenstoß mit Hermann Kesten 1961 zu erinnern brauchen. Ein eher beiläufiger Streit über Brecht war damals in der Frage des gerade aktuellen Mauerbaus eskaliert, den Johnson stets im Kontext der Adenauerschen Westbindungspolitik zu betrachten pflegte. Schriftstellerkollege Kesten, ein jüdischer Emigrant, verdächtigte ihn daraufhin, ein Parteigänger des Ulbricht-Regimes zu sein. Zwar mußte Kesten diese Behauptung später zurückziehen, doch blieb ein Makel an Johnson haften. Ohnehin war er als gesamtdeutsch Denkender eher unerwünscht auf der politischen Bühne, mißverstanden dabei auf der rechten wie der linken Seite. Johnson hat rückblickend in seinen "Frankfurter Vorlesungen" 1979 noch einmal die Kesten-Episode rekapituliert und dabei offen ausgesprochen, "daß hier jemand seine antifaschistische und jüdische Reputation mißbraucht" habe. Kesten hatte zuvor noch einmal Öl ins Feuer gegossen, indem er Johnson ironisch einen "großen blonden Arier" nannte.

Mit seinem eher ungebrochenen Verhältnis zu Deutschland entfernte sich Johnson immer mehr – vom literarischen Betrieb der Bundesrepublik, aber auch ihrem generellen gesellschaftlichen Konsens. Gründe, die allmählich zu seinem Rückzug auf die englische Kanalinsel Sheerness-on-Sea führten. Zunehmend hatte er die Überzeugung gewonnen, "daß die westdeutsche Wirklichkeit im Vergleich zur ostdeutschen Wirklichkeit keine echte Alternative darstellt, keine nationale. Eine vernünftige Entscheidung ist also nicht möglich." Ob sie jemals wieder möglich sein wird, bleibt zu fragen. Uwe Johnson blieb nur die Erinnerung.

Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M. 2000, 49,90 Mark

 
     
     
 
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