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Ihre Eltern kamen aus Masuren

 
     
 
Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen viele Einwanderer - vor allem aus den ländlichen Gegenden Ostdeutschlands - in das von der Industrie und vom Steinkohlebergbau geprägte Gebiet an der Ruhr und an der Emscher. In einer fremden Umgebung und in einer unbekannten, schweren und gefahrvollen Arbeitswelt suchten die Menschen nach einem Ausgleich in ihrer geringen Freizeit. Sie fanden diesen Ausgleich in vielen Zusammenschlüssen sowie weltlichen und christlichen Vereinsgründungen. Das von England kommende, den europäischen Kontinent erobernde und faszinierende Fußballspiel bot die Möglichkeit zu menschlichem Kontakt und Gemeinschaftserlebnis. Darum überraschen nicht die vielen Gründungen von Fußballvereinen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Als Beispiele lassen sich etliche Fußballvereine in den Städten Gelsenkirchen und Buer nennen: Beckenhausen 05, Buer 07, Gelsenkirchen 07, Erle 08, Resse 08, Horst 08.

In der Nähe der Gelsenkirchener Steinkohlezeche Consolidation gründeten 14jährige Lehrlinge und Jungbergleute am 4. Mai 1904 einen Fußballverein, den sie Westfalia Schalke nannten. Einen Klub gab es hier schon, einen bürgerlichen, der vom Spielverband anerkannt wurde. Westfalia Schalke hingegen war ein wilder Arbeiterverein, ein Straßengewächs. Die Vereinsfarben, Rot und Gelb, hatten sich die jungen Kicker bei einer holländischen Mannschaft abgeschaut. Einen eigenen Lederball konnten sie sich nicht leisten, sie spielten mit dem ausgemusterten Ball eines anderen Vereins. Sie kämpften mehr, als sie spielten. Für einen eigenen Platz war kein Geld da. Später verschaffte ein Gastwirt den Kickern ein Stück Land, das sie als Bolzplatz herrichteten.

Um endlich auch Mitglied des Verbands zu werden, schlossen sie sich dem örtlichen Turnverein an. Keine Zeitung nahm zunächst von ihnen Notiz. Vielleicht wäre es so geblieben, wenn die Schalker nicht viel schneller und perfekter als andere Mannschaften den schottischen Flachpaß erlernt hätten.

Die Brüder Hans und Fred Ballmann, in England groß geworden, brachten diese Spieltechnik zu Beginn der 20er Jahre mit. Der Ball wurde nun nicht mehr weit und hoch gedroschen, sondern in flachen, kurzen Pässen zum besser postierten Mitspieler gegeben, hin und her, schnell, präzise, bis die gegnerische Abwehr durcheinander geriet. Als dieses System so ausgereift war, daß die Kreisligamannschaft aus Schalke sogar namhafte Konkurrenten schlug, hieß es "Schalker Kreisel".

So reiften Mitte der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts diese jungen Männer von der Grenzstraße in Gelsenkirchen-Schalke zu einer ganz vorzüglichen Fußballmannschaft heran. Diejenigen, die diese Leistung bewirkten und eine Anzahl begabter Fußballspieler um sich scharten, waren die noch heute legendären Größen Ernst Kuzorra und Fritz Szepan.

In der Ruhrgauliga, der damaligen höchsten Fußballspielklasse, setzte sich der FC Schalke 04 als Spitzenmannschaft allmählich durch und konnte mit den übrigen Meistermannschaften in Deutschland um die Deutsche Fußballmeisterschaft spielen. Aber 1927 verloren die Schalker im Vorrundenspiel gegen München 1860; auch 1928 war das Ende der Hoffnungen die Niederlage gegen den Hamburger SV in der Vorrunde. Doch 1929 und 1930 erreichte Schalke 04 bereits die Zwischenrunde. Im Jahre 1931 konnte der FC Schalke 04 sich nicht qualifizieren, da der Westdeutsche Spielverband die Schalker Spieler zu Berufs
spielern erklärt und den Verein mit einer Spielsperre belegt hatte. Nach der Sperre jedoch knüpfte Schalke 04 an die alte Leistungsfähigkeit an und erreichte 1932 mit Eintracht Frankfurt die Vorschlußrunde; aber Schalke 04 verlor 2:1. Im Jahr 1933 schien ein Traum wahr zu werden: Gegen Fortuna Düsseldorf stand der FC Schalke 04 zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte in einem Meisterschaftsendspiel. Doch gegen einen starken Gegner verlor Schalke 04 in Köln mit 3:0.

Schließlich aber gewann am 24. Juni 1934 im Berliner Poststadion der FC Schalke 04 in einem Spiel, das heute noch wegen seines Verlaufs aufregend wirkt, gegen den 1. FC Nürnberg den ersten Titel. Die Nürnberger fühlten sich schon wie die Sieger, als Szepan in der 87. Minute noch ausgleichen und in der 90. Minute Kuzorra den Siegtreffer erzielen konnte, dabei jedoch mit einer Leistenverletzung zusammenbrach. Gelsenkirchen, eine Industriestadt, feierte ihre Helden! Die "Viktoria", die Trophäe des deutschen Fußballmeisters, war zum ersten Mal im Ruhrgebiet.

In der Meisterelf fiel als Linksaußen ein wendiger Stürmer mit Namen Emil Rothardt auf. Auf dieser Position war er in all jenen Jahren Stammspieler. Auch im Vorrundenspiel des Jahres 1927 spielte er in der Schalker Mannschaft, dort allerdings noch mit seinem ursprünglichen Namen: Emil Czerwinski. Nicht wenige im Ruhrgebiet fühlten sich wie er getroffen, wenn sie wegen ihres Namens mit dem Schimpfwort "Polacke" diskriminiert wurden. Wie viele dieser Menschen, die alle aus den deutschen Ostprovinzen stammten, nahm auch Emil Czerwinski einen deutschen Namen an - und das geschah lange vor der nationalsozialistischen Germanisierung. Aber in welcher seelischen Notlage müssen diejenigen gewesen sein, daß sie für die Integration in die deutsche Nation mit der Änderung ihres ursprünglichen Namens ein Stück Familientradition und familiengeschichtliche Zusammengehörigkeit aufgegeben haben?

Im Jahre 1936 traf dann der FC Schalke 04 in den Gruppenspielen zur Deutschen Meisterschaft auf den Ostdeutschlandmeister Hindenburg Allenstein. Am 19. April 1936 besiegte Schalke 04 vor 15000 Zuschauern in Königsberg - in Allenstein gab es kein hinreichend großes Stadion - Hindenburg Allenstein mit 4:1. Zum Rückspiel am 3. Mai 1936 mußten diese im Ruhrgebiet antreten. In Bochum vor 29000 Zuschauern wurden die Ostdeutschland regelrecht überrollt. Das Schlußergebnis lautete 7:0 für den FC Schalke 04.

Die glanzvolle Zeit von Schalke 04 waren die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Von 1933 bis zum Jahr 1942 stand der FC Schalke 04 - bis auf das Jahr 1936 - Jahr für Jahr im Meisterschaftsendspiel; und sechs deutsche Meistertitel und die Trophäe der "Viktoria" begeisterten die Industriestadt Gelsenkirchen. Vor allem der 9:0-Sieg gegen die als Wundermannschaft vor dem Endspiel hoch gelobte Mannschaft von Admira Wien im Jahr 1939 sprengte jede Vorstellungskraft der Fußballkenner und Anhänger. In den Kriegsjahren 1943 und 1944 spielte Schalke 04 zwar noch in den Vorrundenspielen um die Meisterschaft; doch das Kriegsgeschehen, besonders die Bombenangriffe der Alliierten auf das Ruhrgebiet, schienen die sportlichen Kräfte zu lähmen.

Wie viele Menschen und Vereine nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges baute auch der FC Schalke 04 in Trümmern und aus Trümmern wieder auf. Die alte sportliche Heimstätte, die Glückauf-Kampfbahn, konnte bereits 1946 wieder für den Spielbetrieb genutzt werden. Die alten Spieler, die den Krieg überlebt hatten, und junge Fußballer erreichten schon bald ein solches Spielniveau, daß Schalke 04 in der britischen Besatzungszone zu den führenden Mannschaften gezählt werden konnte.

In den folgenden Jahrzehnten erfuhr der FC Schalke 04 eine wechselvolle Entwicklung und Geschichte. Querelen und Streitigkeiten in den Führungsgremien ließen in jenen Jahren das blauweiße Vereinsschiff fast aus dem Ruder laufen, so daß sogar zu bestimmten Zeiten ein Untergang befürchtet werden mußte. Allerdings war die belastendste Krise für den Verein sicherlich das Skandalspiel im Jahre 1971 gegen Arminia Bielefeld, in dem etliche Schalker Spieler für Geld einen sportlichen und strafrechtlichen Betrug begangen haben.

Jedoch beglückten auch sportliche Höhepunkte in den letzten fünf Jahrzehnten den Verein und den großen Freundeskreis der Schalker. Der siebente Titel eines Deutschen Fußballmeisters im Jahre 1958 weckte alte Erinnerungen, und die begeisterten Fußballfreunde konnten den Schalker Knappen in Königsblau zujubeln.

Ein ganz herausragender sportlicher Erfolg gelang dann dem FC Schalke 04 im Jahre 1997 mit dem Titel des UEFA-Pokalsiegers.

 

Der Autor leitet das Kulturzentrum Ostdeutschland im Westflügel des Ellinger Schlosses, Schloßstraße 9, 91792 Ellingen, Telefon (0 91 41) 86 44-0, info@kulturzentrum-ostpreussen.de , www.kulturzentrum-ostpreussen.de , in dem noch bis einschließlich 26. November die Ausstellung "Ihre Eltern kamen aus Masuren - Kuzorra, Szepan und das goldene Jahrzehnt des FC Schalke 04" zu sehen ist, und zwar dienstags bis sonntags von 10 bis 12 Uhr sowie an den genannten Tagen im September von 13 bis 17 Uhr und ab Oktober von 14 bis 16 Uhr.
 
     
     
 
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