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Keine Kameradschaft

 
     
 
Am 4. November ist der Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Calw, Brigadegeneral Reinhard Günzel, in einer Blitzaktion des Verteidigungsministers in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Vorausgegangen war das Verbot der Ausübung des Dienstes und des Tragens der Uniform. Er durfte die Kaserne vor seiner Entlassung nicht mehr betreten, geschweige denn seine Dienstgeschäfte ordnungsgemäß übergeben und sich von seiner Truppe verabschieden.

Der General hatte - nach dreiwöchiger dienstlicher Abwesenheit - einen Berg liegengebliebener Post etwas eilig und unbedacht abgearbeitet. Sein anerkennender Dankesbrief an den ihm gut bekannten Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann
, der ihm seine angeblich antisemitische Rede zum Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober übersandt hatte, war in einem abstoßenden Wortbruch durch ein Fernsehteam an die Öffentlichkeit gelangt.

Wie man in den Fernsehnachrichten verfolgen konnte, hat der ungediente Oberbefehlshaber der Bundeswehr im Frieden von einem "verwirrten General", der "nicht ehrenhaft" entlassen worden ist, gesprochen. Die Medien, bekannt für ihren Mut und ihre Toleranz(!), richteten den General in einem wahrhaft einstimmigen Chor so hin, wie es in vielen Büchern längst an zahlreichen Beispielen geschildert wird. Günzel ist "gesebnitzt" worden. Der inszenierte Skandal ist wichtiger als jedes menschliche Schicksal.

Als General Günzel am Tage der Offenbarung seines Fehlers um 14 Uhr bei dem (zivilen) Rechtsberater des Inspekteurs angehört werden sollte, stellte sich heraus, daß er bereits für 18 Uhr zur Entgegennahme seiner Entlassungsurkunde, die von Berlin nach Bonn geschickt werden mußte, einbestellt worden war. Darauf sagte der General dem Beamten: "Da meine Anhörung ja, wie Sie selbst bestätigen, keinen Einfluß auf meine Entlassung mehr hat, können Sie sich Papier und Tinte sparen."

So weit, so schlecht. Die Urkunde des Bundespräsidenten enthielt nicht - wie üblich - den Dank für treue Dienste, in diesem Fall nahezu 41 Dienstjahre. Der General ist "wie ein Hühnerdieb" vom Hof gejagt worden. Das also ist die Praxis der "Inneren Führung".

Dies ist der weniger wichtige Teil der Affäre. Wir denken vielmehr schon viele Tage über den Paragraphen 12, "Kameradschaft", des Soldatengesetzes und die Grundregeln menschlichen Anstandes nach. Keiner der militärischen Vorgesetzten hat es offensichtlich fertiggebracht, den Be- troffenen in Ruhe in einem kameradschaftlichen Gespräch unter vier Augen anzuhören, weder vorher noch hinterher! Das billigen wir dem jüngsten Leutnant zu. Man stelle sich dieses Verhalten des höheren Führerkorps der Bundeswehr in einer Diktatur wie dem Dritten Reich vor - nicht auszudenken!

Wo also bleibt die Generalität? Die politische Klasse hat wieder einmal aller Welt gezeigt, daß die "Zivilgesellschaft" keinen Verstoß gegen ihre Spielregeln und kein Ausscheren aus ihrer Ordnung duldet. Reinhard Uhle-Wettler, Brigadegeneral a.D.
 
     
     
 
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