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Kränkelnde Frühgeburt

 
     
 
Der Euro wird so hart wie die Mark", hatte Theo Waigel den Deutschen immer wieder versprochen. Der Euro sei eine "kränkelnde Frühgeburt" sagte Gerhard Schröder noch vor einem Jahr. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Start de Kunstwährung am 4. Januar, sieht es ganz so aus, als habe Schröder recht behalten. De Euro wurde schneller schwach, als dies selbst seine schärfsten Kritiker erwartet hätten In den ersten sechs Monaten verlor er rund 13 Prozent an Wert gegen den amerikanische Dollar.

Die großspurigen Reden der Politiker, die euphorischen Kommentare der Medien, die optimistischen Prognosen der Banken
– all dies hat sich als Selbsttäuschung un bloße Propaganda entpuppt. Keine Rede mehr davon, daß der Euro Wachstum un Arbeitsplätze bringt, daß er Europa politisch stärkt, daß ihm zuzutrauen wäre, die Hegemonie des Dollars zu brechen.

Noch Anfang Januar hatte Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, dem Eur glänzende Aussichten attestiert. Jetzt empfiehlt er, die hochgelobte Währung einfach de Markt zu überlassen. Sie könne möglicherweise sogar unter die Parität zum Dolla fallen.

Was ist geschehen? Zum einen haben die internationalen Zentralbanken bisher nicht dami begonnen, ihre Reserven von Dollar in Euro umzuschichten. Zum anderen haben offenba japanische Großinvestoren schon 1998 – im Vorgriff auf die Europäisch Währungsunion – Euro gekauft und sahen sich in den vergangenen Wochen gezwungen, mi Verlust wieder auszusteigen. Die von dem CSU-Politiker Gauweiler als Plastikgel verhöhnte Währung genießt jedenfalls bisher kein Vertrauen an den internationale Finanzmärkten.

Dies ist nicht zuletzt die Quittung dafür, daß sich die Beteiligten im Frühjahr 199 , als die "Konvergenz" der Euro-Länder offiziell verkündet wurde, unte Vorspiegelung falscher Tatsachen den Eintritt in die Währungsunion erschlichen haben. I Wirklichkeit war es nie gelungen, Schuldenstand und Defizite, aber auc Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit in den beteiligten elf Ländern in Einklang zu bringen.

Wie denn auch: Nicht einmal innerhalb der großen europäischen Nationen kann vo "Konvergenz" die Rede sein. Zwischen der Lombardei und Apulien, zwische Katalonien und Andalusien, zwischen dem Norden und dem Süden Großbritanniens liege – volkswirtschaftlich gesehen – Welten. Und auch in Deutschland ist es nach zeh Jahren Einheit und gigantischen Finanztransfers nicht im geringsten gelungen, in den neue Bundesländern ähnliche Verhältnisse wie im Westen herzustellen.

Vergeblich war bisher auch die Hoffnung, das über Jahrzehnte erworben Vertrauenskapital der Deutschen Bundesbank auf die Europäische Zentralbank übertragen zu können. Dafür sprechen die europäischen Währungsmanager mit zu vielen Zungen, dafü mischen sich die europäischen Politiker zu oft in die Geldpolitik ein, dafür ist, alle in allem, der Euro noch zu jung. Um Ansehen zu erwerben und Vertrauen aufzubauen benötigt eine neue Währung Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Selbst der Erfolg de Deutschen Mark war zunächst keine ausgemachte Sache. Selbst die Mark hat seit 1948 run drei Viertel ihrer Kaufkraft verloren.

Das Hauptproblem des Euro ist sein virtueller und staatenloser Charakter. Er is bekanntlich keine nationale Währung, nicht einmal die Währung eines homogene Wirtschaftsraumes. Vorerst existiert er nur auf den Computerschirmen, als Monopoly-Gel der Großbanken. Und die Euro-Zone verfügt über keine wirklich aussagekräftige Geldmengen- und Inflationsstatistiken. Zwar publiziert die Europäische Zentralban regelmäßig entsprechende Zahlen, aber sie sagen wenig aus. Schon Ende 1998, vor de Start des in der Finanzgeschichte beispiellosen Experiments, stiegen die Preise in Italie dreimal so schnell wie in Deutschland, und in Portugal wiederum doppelt so schnell wie in Italien.

Schon Lenin erkannte, daß in der Verfügungsgewalt über eine Währung eine ungeheur Machtfülle liegt. Wer aber beherrscht und kontrolliert den Euro? Die Frage ist leichte gestellt als beantwortet und zugleich ungemein wichtig für die Beurteilung dessen, wa bevorsteht.

Bekannt ist, daß die Europäische Zentralbank (EZB) über eine eigen Rechtspersönlichkeit verfügt, daß sie laut Maastrichter Vertrag (aber nicht unbeding in der Praxis!) unabhängig von den Regierungen ist und daß die nationalen Zentralbanke alleinige Kapitaleigner der EZB sind.

Bekannt ist auch, daß alle wichtigen Entscheidungen im EZB-Rat fallen und daß dies Entscheidungen vom Direktorium, das die laufenden Geschäfte führt, in praktisch Geldpolitik umgesetzt werden. Wer in Frankfurt den Ton angibt, ist freilich immer noc nicht ganz klar. Im EZB-Rat sitzen die Präsidenten von elf nationalen Notenbanken, vo denen jede ihre rechtliche Eigenständigkeit bewahrt hat, sowie die sechs Mitglieder de Direktoriums – unter ihnen Präsident Wim Duisenberg aus den Niederlanden und sei französischer Stellvertreter Christian Noyer.

Nun hält zwar die Deutsche Bundesbank mit 31 Prozent den relativ größten Teil de Kapitals der EZB. Die Banque de France liegt an zweiter Stelle und bringt es nur auf 21, Prozent. Aber: nach Kapitalanteilen wird nur abgestimmt, wenn es um die Überweisung vo Währungsreserven von den Nationalbanken an die EZB oder um Fragen der Gewinnverteilun geht. Ansonsten hat jeder nur eine Stimme. Die Beschlüsse des EZB-Rates werden mi einfacher Mehrheit gefaßt – und die deutschen Vertreter können theoretisc jederzeit überstimmt werden.

Sinnvoll verwaltet werden kann ein derart uneinheitliches Währungsgebiet wie die E allerdings nur, wenn man sich an den Bedürfnissen der Kernzone – also Deutschland und Frankreichs – orientiert. Zinsabschlüsse an den wirtschaftlichen Lagen in Portugal oder Irland auszurichten wäre kaum machbar.

In Frankfurt ist denn auch zu hören, daß Duisenberg zwar nach außen hin die Scha dirigiert, daß die Fäden aber von den Deutschen und den Franzosen gezogen werden: vo Tietmeyer, der angeblich bald zur Vatikanbank geht, und dem früheren Chefideologen de Bundesbank, Otmar Issing, sowie von Christian Noyer und Jean Claude Trichet, de Gouverneur der Banque de France, der nach vier Jahren Duisenberg vorzeitig ablösen soll.

Würden die kleineren EU-Staaten im Konfliktfall strikt nach dem Prinzip "ein Nation, eine Stimme" verfahren und auf ihren nationalen Interessen beharren, dan käme es zur ersten großen Euro-Krise. Und würde Frankreich – das ist ebenfall denkbar – zusammen mit den anderen Romanen die Deutschen überstimmen, dann könnt das ganze Projekt scheitern.

Es kann zwar noch dauern, bis ernsthafte Differenzen sichtbar werden. Aber allein die Tatsache, daß sie in der Konstruktion dieses staatenlosen Geldes von vornherein angeleg sind, muß bei langfristig denkenden Investoren einen erheblichen Rest von Mißtraue gegen den Euro wachhalten.

Eine andere eingebaute Schwäche der europäischen Währung liegt darin, daß sich die EZB zwar laut Vertrag um Preisstabilität zu kümmern hat, nicht jedoch u Wechselkursvereinbarungen gegenüber Drittwährungen wie Dollar oder Yen. Nur de Ministerrat der EU kann über Zielzonen und Bandbreiten beschließen, konkret als darüber, wo der richtige Kurs des Euro gegen den Dollar zu liegen hat. Die EZB muß dabe nur angehört werden. Wird der EZB aber ein Wechselkursregime aufgezwungen, dann verlier sie leicht die Kontrolle über Geldmengen, Zinsen und Preise. Dann ist ihre vertraglic festgelegte Unabhängigkeit nicht mehr viel wert.

Daß Haushaltsdisziplin und Preisstabilität für manche europäische Politiker kei Evangelium sind, hat sich längst herumgesprochen. Ein typischer Inflationspolitiker wa der inzwischen gescheiterte Finanzminister Lafontaine. Der Spiritus rector scheint abe von Anfang an nicht der Saarländer mit dem Napoleonkomplex gewesen zu sein, sondern ei echter Franzose: der Pariser Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, der übrigen fließend deutsch spricht. Strauss-Kahn war es vor allem, der die Etablierung eine mächtigen Gegengewichts zur EZB vorantrieb: der Euro-11-Gruppe.

Zu deren geheimen Sitzungen treffen sich ausschließlich die elf Finanzminister de Euro-Zone mit nur je einem Berater. Ein so kleines Gremium ist selbstverständlic aktionsfähiger als das reguläre Treffen aller 15 EU-Finanzminister, wo einschließlic der Beraterstäbe leicht 100 Teilnehmer zusammenkommen.

Daß der Euro einen schwachen Start hatte und gegen den Dollar abwertete, wird de sozialistischen Politikern Europas, aber auch der Exportwirtschaft keineswegs unrech gewesen sein. Allerdings gehen die französischen Ambitionen weiter als die deutschen Paris will den Dollar entmachten.

Dollar-Hegemonie bedeutet, daß die USA alle wichtigen Rechnungen in der Währun bezahlen, die sie selbst drucken, daß die ausländischen Zentralbanken den Großtei ihrer Reserven in Dollar halten und damit Uncle Sam Kredit geben und daß die USA ihr Schulden entweder nie oder nur mit entwerteten Dollars zurückzahlen.

Damit haben die Amerikaner die Möglichkeit, mehr zu konsumieren und zu investieren als sie verdienen. Sie leben seit langem über ihre Verhältnisse. Sie leisten sich enorm Defizite in der Außenbilanz – Fehlbeträge, die sich bald auf 2000 Milliarden Dolla angehäuft haben werden. Amerika ist heute der größte Schuldner der Welt, ohne dafü büßen oder zahlen zu müssen. Ein in der Geschichte einmaliges Privileg, in desse Genuß nun auch Europas Politiker gerne kommen würden. Erst wenn sich der Euro einen de Dollar vergleichbaren Status als Weltreservewährung verschafft hat, dann hätte sich ein Einführung – nach dieser Logik jedenfalls – wirklich gelohnt.

Man kann nicht vollständig ausschließen, daß dieses Kalkül am Ende doch aufgeh – dann aber um den Preis eines erbitterten Konflikts zwischen den USA und der EU.

Denn wenn die EZB wirklich auf Dauer eine solide Geldpolitik betreibt, wenn sie da Vertrauen der Finanzmärkte erwirbt oder wenn der Dollar in den Strudel einer große Finanzkrise gerissen wird – dann könnte sich der Euro irgendwann doch zu eine Alternative zur US-Währung entwickeln. China zum Beispiel ist brennend dara interessiert, seine Abhängigkeit von den USA zu verringern, denn die gewaltige Dollar-Guthaben Pekings können im Ernstfall jederzeit von der amerikanischen Regierun blockiert werden.

Aber dies alles ist jetzt noch Zukunftsmusik. Bis auf weiteres muß man sich darau einrichten, daß sich Perioden eines starken Dollar und solche eines festeren Eur einander abwechseln. Papierwährungen sind immer nur relative Größen. Auch der Dolla und der Yen haben ihre fundamentalen Schwächen. Der Londoner Finanzstratege David Roch hatte recht, als er in einer Untersuchung zu dem Schluß kam: "Alle drei große Währungen der Welt sehen verletzlich aus."

Für die Deutschen, die ein halbes Jahrhundert die Vorteile einer relative Hartwährung genießen durften, ist das Fazit unerfreulich. Sie mußten aus rei politischen Gründen – wirtschaftlich war der Euro weder notwendig noch sinnvol – auf ihre bewährte D-Mark verichten. Im Jahr 2002 sollen sie ihr Bargeld endgülti in eine synthetische Währung umtauschen, die zwar auf lange Sicht möglicherweise nich schlechter als der Dollar sein wird, aber bestimmt weniger gut als die Deutsche Mark, die für immer mit dem Namen Ludwig Erhards verbunden bleiben wird.

Niemand kann übrigens garantieren, daß der Euro , die kränkelnde Frühgeburt, nich doch noch scheitert – daß das Experiment abgebrochen werden muß. Dann müssen die Europäer eben wieder zu ihren nationalen Währungen zurückkehren. Ratsam wäre es au jeden Fall, den für 2002 geplanten Zwangsumtausch um einige Jahre zu verschieben und de Euro eine längere Probezeit einzuräumen. Man könnte ihn zunächst als Parallelwährun weiterlaufen lassen. Vielleicht wird er im Laufe der Zeit von den Finanzmärkten und de Privatanlegern doch noch akzeptiert. Wenn nicht, wäre dies nicht die erste Währungsunio der Geschichte, die auf Sand gebaut war.

Dr. Bruno Bandulet ist Herausgeber des Finanzdienstes G & M. Von ihm erschiene zuletzt die Bücher "Was wird aus unserem Geld?" und "Tatort Brüsse – Das Geld, die Macht, die Bürokraten"
 
     
     
 
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