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Schwierige Nachbarschaft

 
     
 
Der Sommer ist auch für viele Ostdeutschland Reisezeit. Man besucht die Stätten der Vorfahren, freut sich über den Anblick der Kurischen Nehrung oder der masurischen Seen. Doch nicht nur die Deutschen suchen nach den Wurzeln ihrer Familiengeschichte, auch immer mehr Polen machen sich auf den Weg. Oft heißt ihr Ziel Litauen.

So besuchte eine Gruppe von 31 Kindern aus dem Raum Neustettin, Kolberg, Stolp und Köslin Ende Mai und Anfang Juni das Nachbarland. Dort trafen die jungen Polen 29 litauische Schüler. Die Zusammenkunft fand in den Medien beider Länder starke Beachtung, zumal sie unter dem Patronat Präsident Kwasniewskis
und seines litauischen Amtskollegen Adamkus stattfand.

Initiator und Organisator der Reise war der Reporter Krysztof Subocz, der beim Radio in Köslin arbeitet. Seine Sendungen werden auch vom litauischen Rundfunk ausgestrahlt und erfreuen sich gerade bei der polnischen Minderheit in Litauen großer Beliebtheit. Der in Neustettin wohnende Subocz setzt sich speziell für Wilna (lit.: Vilnius, poln.: Wilno) ein, da seine Vorfahren aus dieser Gegend stammen.

Das Motto der Jugendtagung lautete "Lernen wir uns kennen – Polen und Litauen". Auf dem Programm standen u.a. ein Besuch im Wohnhaus des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz in Wilna, das heute ein Mickiewicz-Museum beherbergt, eine Führung durch das Geburtshaus des Nationalhelden Joszef Pilsudski sowie ein Gespräch mit dem litauischen Präsidenten Valdas Adamkus und dem polnischen Botschafter.

Natürlich informierten sich die Gäste in Wilna auch über die Lage der eigenen Minderheit im Nachbarland und statteten dem Musikfest "Polnische Blumen" in Niemenczy einen Besuch ab. Immerhin leben heute bei einer Einwohnerzahl von 3,8 Millionen rund 266 000 Polen in der Republik Litauen, und zwar vor allem in der Hauptstadt und ihrem Umland (die Zahl der Litauer in Polen ist mit 20 000 erheblich kleiner).

Um ihre Volksgruppenrechte steht es vergleichsweise gut, obwohl die Vertreter der Minderheit wiederholt über Unterdrückungen klagten. Der von Warschau immer wieder geforderte bessere Schutz der Minderheit hat bisweilen das zwischenstaatliche Verhältnis belastet, insgesamt stehen heute aber gleiche Interessen im Vordergrund.

Alle Grenzstreitigkeiten wurden in einem Nachbarschaftsvertrag beigelegt, man distanziert sich weitestgehend von Rußland, strebt in die EU, verfolgt gemeinsame Ziele im Energiesektor und spricht sich ab, wenn es um Fragen des Königsberger Gebietes geht.

Doch trotz dieser entspannten Beziehungen haben geschichtsbewußte Völker wie die Polen und Litauer natürlich nicht vergessen, was sie im Laufe der Historie verbunden und – mehr noch – was sie getrennt hat. Da ist zunächst die Erinnerung an das Großlitauische Reich, das von 1386 bis 1569 mit Polen in Personalunion verbunden war und gemeinsam mit diesem in der Schlacht von Tannenberg 1410 den Deutschen Orden besiegte, ehe es dann am 1. Juli 1569 infolge der Union von Lublin Polen einverleibt wurde. Die nachfolgende Epoche erscheint den Litauern als eine lange Phase des Niedergangs.

Sehr viel präsenter sind naturgemäß das 20. Jahrhundert und die Tatsache, daß gerade die Wilnaer Region den Nationalitätenkampf und die Wirren der Zwischenkriegszeit widerspiegelt.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der neuerstandene polnische Staat seine Gebietsansprüche in allen vier Himmelsrichtungen mit Gewalt durchzusetzen versucht: Im Osten gegen Russen und Ukrainer, im Süden gegen die Tschechen, im Westen gegen die Deutschen und im Norden gegen die Litauer. Nachdem der Ostfeldzug des polnischen Befehlshabers Pilsudski 1920 gescheitert war, kam der Gegenschlag: Die sowjetische Armee marschierte auf Warschau zu.

Als man im Westen bereits das Vordringen der Roten Armee nach Mitteleuropa für unvermeidlich hielt, brachte das "Wunder an der Weichsel" im August 1920 einen polnischen Sieg und die Wende.

Während man in den westeuropäischen Hauptstädten, die Polen als Verbündeten unterstützten, hoffte, das Land würde nunmehr zur Ruhe kommen, bereitete Pilsudski den nächsten Coup vor. Er befahl das Vordringen nach Litauen und die Besetzung Wilnas am 9. Oktober 1920. Im Vertrag von Riga vom März 1921 sicherte sich Polen die Eroberungen im Osten, und Litauen mußte den Verlust seiner wichtigsten Stadt ohnmächtig hinnehmen.

Im Zweiten Weltkrieg änderte sich dann die Lage. Nach dem Zusammenbruch Polens 1939 übergab die Sowjetunion das Wilnaer Gebiet an Litauen. Bei dieser Übertragung ist es auch nach 1945 geblieben, als Wilna erst Hauptstadt einer Sowjetrepublik und dann Machtzentrum des von russischem Einfluß befreiten Nationalstaates wurde.

Angesichts dieser Geschichte und der unübersehbaren polnischen Spuren, die auch die 31 Kinder aus Hinterpommern zu Gesicht bekamen, ist Wilna zwar die politische und wirtschaftliche Metropole Litauens, "heimliche Hauptstadt" jedoch bleibt Kaunas (Kowno).

 
     
     
 
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