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Amadé

 
     
 
Wie erlebt ein elfjähriges Kind als Schauspieler die bunte Welt des Theaters, und ist Mozart genauso sehenswert wie sein Vorgänger »Das Phantom der Oper«?

In sechzig Minuten wird der elfjährige Jannick Schultz auf der Bühne der Neuen Flora in Hamburg stehen. Er ist der heutige Darsteller des Amadé, des Porzellankinds, in „Mozart - Das Musical“, dem seit September 2001 laufenden Nachfolger vom jahrelang erfolgreich gespielten Musical „Das Phantom der Oper“. „Mozart - Das Musical“ ist das neueste Werk von Michael Kunze und Sylvester Levay. Die beiden Herren sind schon seit Jahrzehnten in der Musikbranche tätig und haben nach „Elisabeth“ nun „Mozart“ geschaffen.

Jannick ist einer von neun Jungen und Mädchen, die sich die Rolle des Amadé untereinander aufteilen, denn Kinder dürfen nicht mehr als maximal zweimal in der Woche für vier Stunden am Tag und insgesamt nicht mehr als sechzig Tage im Jahr arbeiten. Und selbst diese kurzen Zeiten müssen umständlich beim Amt für Arbeitsschutz beantragt werden. Diese Genehmigung, zu der auch die Schule des Kindes seine Erlaubnis erteilen muß, gilt stets nur für ein Schuljahr.

In Begleitung der Dame aus der Presseabteilung betrete ich die langen Flure hinter der Bühne. Rechts zweigen die Garderobenräume der Darsteller ab, und überall wuselt es um einen herum. Man hört die Sänger sich einsingen. Wir betreten Jannicks Kabine, wo er von seiner Kinderbetreuerin, einer ausgebildete
n Tanzpädagogin, auf die Vorstellung und das Interview vorbereitet wird. Sein Kostüm liegt neben ihm auf dem Sofa, er selbst trägt noch Jeans und Sweatshirt.

Ob er denn aufgeregt sei, frage ich. Er schüttelt mit dem Kopf. Gut, bei seinen ersten Auftritten war er ein wenig aufgeregt, jetzt aber ist das für ihn alles schon „normal“. Ich höre die Stimmen der Sänger bis in die Garderobe hereindringen, sehe das Kostüm und frage mich, wie denn so was „normal“ werden kann.

Vor wenigen Wochen habe ich das Musical gesehen und war begeistert. Hier stehen nicht die klassischen Werke Mozarts, sondern das Leben des begnadeten Komponisten im Mittelpunkt. Erzählt wird die Entwicklung vom talentierten Wunderkind zum um Erfolg und Anerkennung kämpfenden Mann. Mozart will sich nicht dem Salzburger Fürsten, dessen Kapellmeister sein Vater Leopold ist, unterordnen. Er will frei schaffen und sein Genie nicht in Fesseln des zu der Zeit geltenden Geschmacks legen. Neben dem Konflikt mit dem Salzburger Fürsten steht das Zerwürfnis Mozarts mit seinem Vater. Selbstverwirklichung, Beziehungen und Gefühle stehen also im Zentrum dieses Musicals, und sie sind mitreißend umgesetzt.

Die Musik ist mal ruhig, mal stürmisch und ein anderes Mal sogar rockig. Manchmal möchte man aufspringen und mitsingen, was in diesem Fall überhaupt kein Problem ist, da es sich um ein deutschsprachiges Musical, dessen Wiege in Wien steht, handelt.

Die 28 Musiker des Orchesters machen die Noten für das Publikum spürbar, und so ist nicht nur das Ohr von der Musik angetan. Auch das Auge des Zuschauers kommt bei dem aufwendigen Bühnenbild und den 300 teilweise äußerst farbenprächtigen, pompösen Kostümen auf seine Kosten. Daß das Spiel, der Gesang und der Tanz der ungefähr 30 Darsteller den Zuschauer in Staunen versetzen, ist auch für dieses Stella-Musical eine Selbstverständlichkeit. Die 250 Mitarbeiter hinter der Bühne sorgen dafür, daß die Maske, Kostüme, die Technik, das Licht und der Ton so sind, wie sie sein sollen.

Amadé, das Porzellankind, weicht nicht von Mozarts Seite. Das Kind verkörpert das Genie des Meisters. Während der erwachsene Mozart spielt, trinkt, liebt oder träumt, komponiert Amadé. Mal ist Amadé Mozarts Freund und mal sein größter Kritiker. Das Kind achtet stets konzentriert auf das Spiel des erwachsenen Mozartdarstellers.

Bis jetzt ist Jannick fünfzehnmal aufgetreten. Vier- bis fünfmal im Monat darf er den Amadé spielen. Probleme mit der Schule gibt es nicht, und die Mitschüler finden es schon interessant, einen Musicalstar unter sich zu haben, machen aber kein großes Trara um ihn. Schließlich ist er nur durch Zufall an die Rolle gekommen. In einer Zeitung hat er eine Anzeige gesehen, daß Kinderdarsteller für ein Musical gesucht werden. Nach Talentprüfungen von mehreren hundert Kindern gehörte Jannick zu den Auserwählten. Seine Eltern unterstützen ihn, obwohl sie ihn immer von seinem über sechzig Kilometer entfernten Heimatort zur Vorstellung fahren müssen. Und auch seine vierzehnjährige Schwester Merle ist stolz auf ihren kleinen Bruder.

Lässig sitzt mir der elfjährige Junge gegenüber und erzählt, daß er es zwar anfangs komisch fand, mit bekannten Stars wie Angelika Milster, die die Baronin von Waldstätten spielt, und dem Norweger Yngve Gasoy-Romdal, der Erstbesetzung des erwachsenen Mozart, zusammen auf der Bühne zu stehen, aber da alle so nett sind, ist alles schnell zur Gewohnheit geworden. Da er auf der Bühne eng mit dem Mozartdarsteller zusammenarbeitet, insgesamt vier Besetzungen gibt es für diese Rolle, ist diese Person für ihn besonders wichtig. Einige Mozartdarsteller mag er lieber, zumal jeder seine eigenen „Schönheiten“ in die Figur des Mozarts einbringt.

Ob es nicht manchmal langweilig sei, still auf der Bühne zu sitzen, während die anderen Darsteller ihren Text sprechen, möchte ich wissen. Jannick verneint. Nein, es sei nie langweilig, er müsse ja auch immer auf seine Mimik und seinen Einsatz achten. Die Musik möge er auch ganz gerne. Er selbst habe keinen Text und arbeite nur mit Mimik und Gestik.

Nun ist es aber Zeit, und der kleine Künstler muß sich einkleiden. Draußen auf dem Flur warte ich mit seiner Kinderbetreuerin, bis Jannick eingekleidet aus der Garderobentür tritt. Zielstrebig geht er zur Maske, wir Frauen folgen. Routiniert setzt er sich auf den Stuhl, und die Maskenbildnerin beginnt ihn zu schminken. Neben ihm sitzen vier weitere Darsteller, die präpariert werden. Während ich staunend die unendlich vielen Perücken im Raum begutachte, ist Jannicks Gesicht schon gepudert, und mit Haarnadeln wird die Perücke festgesteckt.

Manchmal juckt die, aber kratzen darf man ja leider nicht, bedauert der Junge. Ich fotografiere ihn, und selbstbewußt schaut er in die Kamera.

Sensationslüstern frage ich nach Pannen bei der Vorstellung. Die Kinderstirn legt sich in Falten, aber seine Kinderbetreuerin hilft aus. Einmal hat er seine Schreibfeder verloren, mußte aber laut Bühnenanweisung schreiben, da hat er dann mit einer imaginären Feder geschrieben, bis er feststellte, daß er auf der Feder saß. Ach ja, und da war da noch die Generalprobe, wo er Mozart mit der Feder in den Arm stechen sollte. Dummerweise explodierte die Blutblase falsch und die rote Farbe spritzte Jannick ins Gesicht. Vor lauter falschem Blut in den Augen konnte er nichts mehr sehen.

Überall rennen Leute um mich herum, und ich habe das Gefühl, im Weg zu sein. Erschrocken springe ich von rechts nach links und stehe trotzdem stets im Weg. Die Vorstellung beginnt in zwanzig Minuten, aber Jannick hat Zeit für Fotos. Er führt mich hinter die Bühne zu den Requisiten. Dort setzt er sich im vollständigen Amadékostüm auf eine goldfarbene Chaiselongue. Danach ergreift er einen großen Ballon und lächelt souverän in die Kamera. Eine Durchsage erinnert die Darsteller daran, daß sie in zehn Minuten alle auf der Bühne sein sollten. Wir gehen zu Jannicks Garderobe zurück.

Ich frage abermals, ob er so kurz vor seinem Auftritt immer noch nicht aufgeregt sei, aber er verneint. Er freue sich auf seinen Auftritt, es bringe ihm Spaß, mit so vielen erfahrenen Menschen zusammenzuarbeiten. Seine Zukunft sehe er aber nicht auf der Bühne. Nein, er schüttelt mit dem Kopf, er wolle Ingenieur werden. Wobei, schränkt er ein, beim Theater brauche man auch Inge-nieure, und er könne sich schon vorstellen, eines Tages wenn schon nicht auf, so doch hinter der Bühne zu arbeiten.

Und dann ist es Zeit für mich zu gehen, denn Amadé muß zur Vorstellung. Nachdenklich gehe ich über die Flure zum Ausgang und schwimme somit gegen den Strom, denn alle anderen wollen ja Richtung Bühne.

Ich spüre das Flair des Theaters, würde am liebsten mitgehen und von der Seite die Vorstellung beobachten, noch mal der Musik aus nächster Nähe lauschen und vielleicht dürfte ich es, wenn ich fragen würde, aber was dann? Momentan war alles noch für mich etwas Besonderes, sähe ich aber zu lange hinter die Kulissen, würde möglicherweise der Zauber verfliegen, zu etwas eher „Normalem“ werden, wie er es für die hier arbeitenden Menschen ist. Gut, ganz „normal“ wird Theater wohl nie, aber das Gefühl des Besonderen will ich nicht verlieren und so verlasse ich aufgewühlt und verzaubert die Neue Flora.

Der Vorhang hebt sich. Amadé sitzt am Piano und spielt vor der Wiener Gesellschaft. Sein Vater Leopold und seine Schwester Nannerl begleiten ihn.

Jannick verbeugt sich nach seinem Spiel auf der großen Bühne vor dem begeisterten Publikum.

Fritz Hegelmann

 

Wer „Mozart - Das Musical“ in der Neuen Flora, Stresemannstraße 159 a, 22769 Hamburg, sehen möchte, kann bei der Stella-Ticketline (0 18 05) 44 44 (0,12 Euro/Min.) Karten bestellen. Die Karten kosten je nach Wochentag und Platzkategorie zwischen 29 und 109 Euro. Schüler, Studenten und Senioren erhalten 30 Prozent Ermäßigung. Das Musical ist schon wegen der enormen Ausstattung, dem eindrucksvollen Spiel und der modernen Bühnentechnik zu empfehlen. Sollten Bedenken hinsichtlich des Gefallens der Musik, die wie schon erwähnt nur wenige Originaleinspielungen von Mo-zarts Werken enthält, bestehen, ist es ratsam, einmal als vermeintlicher Kunde in einem Musikgeschäft in die CD zum Musical reinzuhören.

 
     
     
 
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