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Die Angst vor der Nation

 
     
 
Der Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, hat in einem fünfspaltigen Artikel in der Tageszeitung "DIE WELT" die Frage der nationalen Identität als "Teil einer Renaissance der Werte" behandelt. Er erkennt, daß "die Leidenschaft, mit der die Debatte um unsere nationale Identität
in den letzten Wochen geführt wurde", deutlich mache: "Es gibt ein tiefes Bedürfnis der Menschen, eine Standort-Bestimmung vorzunehmen."

So weit, so gut. Aber was bietet er als Standortbestimmung der Menschen in unserem Lande, in Deutschland, an? Ein paar Spalten weiter gibt er seine Antwort: "Der Kompaß, den die CDU bietet, ist begründet auf der Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen."

Soll es das wirklich sein? Meyer schreibt einige Zeilen weiter selbst, wenn wir von Werten sprächen und von Orientierung, "dann müssen unsere Maßstäbe in konkreten Gestalten sichtbar werden". Und genau davor drückt er sich.

In derselben Ausgabe der "WELT" (7. April 2001) schreibt ein Redakteur, die gesamte Politik beklage sich, ob rechts, links oder in der Mitte, daß die Gesellschaft auseinanderfalle, daß es kein einigendes Band mehr gebe, daß der Egoismus des Einzelnen und der bestimmter Gruppen das Große, das Ganze, den Zusammenhalt gefährde. Ist etwa "die Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen" das konkrete einigende Band? Natürlich ist die Würde wichtig, aber dieser Grundsatz wird mindestens von allen zivilisierten Staaten anerkannt. Sie ist nichts spezifisches für unser Land.

Dabei hat Meyer schon in der Überschrift seines Artikels die Antwort selbst gegeben: Die Antwort ist die nationale Identität, also unsere Identität als Deutsche in der deutschen Nation.

Und nichts anderes kann es sein. Das ist es, was uns alle in Deutschland miteinander verbindet, und das ist es auch, vor dem unsere politische Klasse eine solche panische Angst hat. Genau das, die Wiederauferstehung der Nation auch im Bewußtsein aller Deutschen, will sie verhindern.

Nationale Identität, das heißt vor allen Dingen und zu allererst, daß wir Deutschen miteinander solidarisch empfinden. Nationale Identität, das ist die Antwort auf die Frage, wer unser Nächster ist. Der Nächste – das ist das Mitglied unserer Familie und in zweiter Linie das Mitglied unserer Nation. Das Merkmal? Zuallererst die gemeinsame Sprache. Wie soll ich mit jemandem solidarisch sein, ja, sogar dessen spezifische Würde schützen, wenn ich mich nicht mit ihm verständigen kann?

Die Angst vor der Nation der Deutschen bewirkt beispielsweise, daß CDU-Chefin Angela Merkel niemals von den "Deutschen" spricht, sondern stets von den "Menschen" und von den "Leuten". Die Angst vor der Nation hat seinerzeit den Bundeskanzler Kohl daran gehindert, bei der Wiedervereinigung an die Opferbereitschaft der endlich wiedervereinten deutschen Nation zu appellieren. Damit hätte er ungeheure Kräfte freigesetzt. Aber vor diesen Kräften hatte er Angst.

Die Angst vor der Nation ließ die Kirchenoberen in Deutschland das Verbot aussprechen, anläßlich der Wiedervereinigung die Kirchenglocken läuten zu lassen. Die Angst vor der Nation veranlaßte die damalige Bundesregierung, den Bundeswehreinheiten zu verbieten, die Wiedervereinigung in Feiern oder Appellen zu würdigen.

Zugegeben, wenn wir uns auf unsere nationale Identität als Deutsche besinnen, dann werden Nichtdeutsche davon ausgegrenzt. Aber die deutsche Nation ist offen für Zugewanderte, die Deutsche sein oder werden wollen, die sich tatsächlich integrieren möchten und die dafür notwendigen Anstrengungen unternehmen. Sie gehören dann zu unserer Nation. Und die das nicht möchten, die bleiben als Gäste unserer Nation in Deutschland, ob nun mit deutschem Paß oder ohne. Das ist keine Diskriminierung; sie werden nur nicht von dem Begriff der nationalen Identität der Deutschen miterfaßt

Und antieuropäisch ist eine solche Besinnung auf die deutsche Identität schon gar nicht. Wir würden uns dann nämlich nicht anders verhalten als alle anderen europäischen Nationen, die gemeinsam die Europäische Union bilden werden.

Geschieht das, wird sich erfüllen, was Laurenz Meyer in seinem grundlegenden Artikel formuliert: Wir wären dann "eine funktionierende Gesellschaft", die sich "auf eine Identität, Kultur und Tradition sowie auf die ihnen innewohnenden Werte stützt". Der CDU-Generalsekretär definiert richtig, traut sich bloß nicht, das entscheidende Wort auch klar auszusprechen.

 
     
     
 
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