A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
     
 
     
 

Ein Agitationszentrum gegen die alltägliche Heuchelei

 
     
 
Ich mache einen Sprung von sechs Jahrzehnten. Im Jahr 2000 habe ich, der ich nie einem Vertriebenenverband angehörte, gemeinsam mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Vertriebenen, Erika Steinbach, die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" gegründet. Wir wollen in Berlin ein Dokumentationszentrum errichten, das sich vor allem mit den Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Es soll durchaus auch ein Agitation
szentrum werden, allerdings nicht für die Rückgabe von deutschem Alteigentum oder eine Sonderrolle der Sudetendeutschen in Tschechien oder der Ostdeutschland in Polen, sondern gegen die alltäglich gewordene, alerte Heuchelei, die Vertreibungen von gestern mit diplomatischer Miene verurteilt, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß damals eben andere Verhältnisse herrschten. Damals sei es rechtens gewesen, was heute unrecht wäre.

Aber auch gegen das heutige Unrecht wendet man sich nur lau, mit den üblichen Worten. Derzeit vertreiben radikale Kosovo-Albaner unter den Augen Europas die serbische Bevölkerung des Kosovo. Wer greift das Thema wirkungsvoll auf? Natürlich werden auch die vertriebenen Deutschen vorkommen; es waren immerhin - je nachdem, wie man rechnet - zwischen 13 und 15 Millionen Menschen. Aber es ist nicht nur ein Anschlag auf unseren Anstand (das könnte man allenfalls verkraften), sondern auf unsere Intelligenz, wenn man uns unterstellt, wir wollten den Spieß umdrehen und die Deutschen zu Opfern der Polen, Tschechen, Slowaken oder Russen machen. "Die Henker wollen sich als Opfer darstellen", heißt eine weit verbreitete polnische These. Wir haben nicht vergessen, wer den Zweiten Weltkrieg angefangen hat - aber nicht, daß es Täter- oder Opfervölker gäbe. Jedes Volk ist eine vertrackte Mischung aus Tätern, Mittätern, Mitläufern und Opfern. Wir haben nie bezweifelt, daß das deutsche Volk im Griff Hitlers viel zu viele Täter, Mittäter und Mitläufer hatte. Das ist aber kein Grund, der deutschen Opfer, die es gab, nicht zu gedenken. Aber nicht in Berlin, der Stadt des Führerhauptquartiers, der Stadt der Wannseekonferenz?

Wenn die Debatte nicht so emotional wäre, würde ich amüsiert lächeln; im Bundestag war ich einer der schärfsten Gegner der symbolischen Politik, die die Hauptstadt Deutschlands von Bonn nach Berlin zurück-verlegte. Da hatte uns das Schicksal fürchterliche Schläge verteilend, von Ost nach West getrieben, vom märkischen Sand in das Herz Westeuropas; aber wir mußten wieder zurück, obwohl uns doch klar sein mußte, welche Erinnerungen das bei den östlichen sowie bei manchen westlichen Nachbarn auslösen mußte. Wer diese Entscheidung für richtig hält, muß aber auch ihre Konsequenzen aushalten. Es gibt kein Volk der Erde, das sich einreden ließe, es sollte seiner Toten in irgendeinem Grenzstädtchen am Rande des eigenen Territoriums gedenken, möglichst unauffällig und möglichst nur einmal im Jahr, in einer Feier der unverbindlichen Formeln. Auch die Deutschen können sich darauf nicht einlassen.

Ich bin unversehens ins "Wir" gekippt, obwohl Erika Steinbach und ich in vielen Fragen unterschiedlich denken. Die Stiftung ist das, was man politisch eine "Große Koalition" im Kleinen nennen könnte. Ich kehre also zum Singular zurück. Im siebten Lebensjahrzehnt spüre ich einen wachsenden Unwillen, nur noch das zu sagen, was bestimmte Meinungsführer hören wollen. Die Vertreibung war, was immer die Siegermächte in Potsdam im August 1945 beschlossen haben, ein Verbrechen. Meine Familie kam glimpflich davon, aber viele Menschen wurden erschlagen, gequält, alle entschädigungslos enteignet. Das Schicksal meiner Volksgruppe habe ich in dem Buch "Die Vertreibung" beschrieben. Gegen Ende unseres Lebens wollen wir, die Flüchtlinge und Vertriebenen, darüber offen reden und uns unseres Schicksals vergewissern. Das lassen wir uns nicht verbieten, auch nicht von jenen Nachbarvölkern, die ohne Zweifel von der Generation unserer Großväter und Väter, ein paar Großmütter und Mütter eingeschlossen, ungerecht angegriffen, dezimiert, ihrer Würde und vieler Lebenschancen beraubt wurden. Diese Nachbarvölker lassen sich von uns auch nichts verbieten, zu Recht. Man denke an die Ehrungen Benesch in Prag.

Mir muß man über die Nazis nichts erzählen. Meine Genossen wurden von ihnen in die Konzentrationslager gesperrt, in die Emigration getrieben oder getötet. Meine politischen Lehrer Waldemar von Knoeringen und Willy Brandt haben von außen gegen dieses Pack gekämpft. Derselbe Willy Brand hat aber auch, 1966 und als Außenminister, im Parlament gesagt: "Niemand wird nachträglich seine Zustimmung zum bitteren Unrecht der Vertreibungen geben oder uns abverlangen können." Ich lasse mir nicht einreden, daß eine korrekte Darstellung der Vertreibung von 1945 und die Forderung, die unschuldigen Opfer dieser Vertreibung nicht zu vergessen, auf eine Rehabilitation der Nazis und auf eine Beschuldigung der Nachbarvölker hinausliefe.

Dabei kann ich die Aufregung in der durch grundstürzende Veränderungen hin und her gebeutelten politischen Klasse Polens noch am ehesten verstehen. Unverständlicher ist mir die deutsche Babyboom-Linke, die so tut, als seien die Polen Unmündige, denen man die Wahrheit nicht zumuten und jede Exaltation nachsehen müsse. Es wird kein politisches Europa geben, solange man einige europäische Völker wie sanfte Irre behandelt, mit denen offen zu

diskutieren der Therapie widerspricht. Die Frage "Wollt ihr denn das Verhältnis zu Polen nachhaltig beschädigen?" ist falsch gestellt. Man muß - im neuen Europa - wenigstens offen reden können. Für das deutsch-polnische Verhältnis tragen die Polen genauso Verantwortung wie wir. Sie müssen ihr bedenklich wachsendes Lager eines national-katholischen Fundamentalismus zähmen, ihm widersprechen. Derzeit werden die paar Polen, die das wagen, als "bezahlte Einflußagenten Berlins" mundtot gemacht. Die nicht nur bußfertigen - Bußfertigkeit ist nötig - sondern die windschnittig bußfertigen Deutschen sollten einen ihrer größten Dichter lesen, Heinrich Heine, "Über Polen", geschrieben im Herbst 1822, also 120 Jahre vor den Naziverbrechen. "Fast bis zur Lächerlichkeit", schreibt Heine, ein Emigrant auch er, "ehren jetzt die Polen alles, was vaterländisch ist." Soll das auch in der EU so bleiben? Wäre das die geistige Zurüstung für ein vereintes, vor allem vertieftes Europa?

 

Auszüge aus dem am 9. September im Econ-Verlag erscheinenden Buch "Von Heimat zu Heimat - Erinnerungen eines Grenzgängers" von Peter Glotz
 
     
     
 
Diese Seite als Bookmark speichern:
 
     
     
     

     
 

Weitere empfehlenswerte Seiten:

Gutgläubige Deutsche

Gegen Rot-Rot

Dolch

 
 
Erhalten:
 

 

   
 
 
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
WISSEN48 | ÜBERBLICK | THEMEN | DAS PROJEKT | SUCHE | RECHTLICHE HINWEISE | IMPRESSUM
Copyright © 2010 All rights reserved. Wissensarchiv