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Eisenbahnkönig aus Neidenburg Dokumente zum Leben von Henry Strousberg im Stadtmuseum Berlin

 
     
 
Einen "verantwortungslosen Spekulanten der Gründerzeit" schimpften ihn die einen, als erfolgreichen Unternehmer modernen Stils schätzten ihn die anderen. Wie kaum ein anderer hat der vor 175 Jahren im ostdeutschen Neidenburg geborene Baruch Hirsch Strausberg Höhen und Tiefen erleben müssen. Der Großvater des am 20. November 1823 als Sohn einer jüdische
n Familie Geborenen hatte in Neidenburg ein beachtliches Vermögen, besessen und war 1806 Lieferant der Preußischen Armee gewesen. Sein Sohn verlor das ganze Vermögen, und so mußte der Junge die Schule in Königsberg wieder verlassen – das Schulgeld war nicht mehr aufzubringen. Er ging nach England zu einem Onkel, wo er nach dem Tod des Vaters in das Exportgeschäft eintrat. Auch ließ er sich taufen und anglisierte seinen Namen in Bethel Henry Strousberg. 1845 heiratete er die Engländerin Mary Ann Swan.

In England gelangte Strousberg durch seine Tatkraft und seinen Unternehmensgeist wieder zu Geld – er gründete eine Zeitung ("The Merchants Magazine"), kaufte später auch das "London Magazine", arbeitete als Journalist und im Kunsthandel, hatte er doch ausgewiesene Kenntnisse in der Malerei. Auch im Versicherungsgeschäft machte er sich einen Namen, so daß er 1855 als erfolgreicher Geschäftsmann nach Berlin übersiedeln konnte. Zwei Jahre später erwarb er an der Jenaer Universität den Dr. phil. in absentia.

Seine Kontakte nach England aber rissen nicht ab; so vertrat er eine englische Unternehmensgruppe beim Bau der Südbahn Königsberg–Lyck und beim Bau der Strecke Tilsit–Insterburg. Hierbei entwickelte er das "System Strousberg", bei dem die Lieferanten mit Aktien bezahlt werden sollten. Er selbst fungierte als Generalbauunternehmer, lieferte vom Rohmaterial bis zum Fertigprodukt alles für den Eisenbahnbau Notwendige; selbst die Bahnhöfe ließ Strousberg unter seiner Regie errichten.

Schnell war der Neidenburger zum "Eisenbahnkönig"geworden. Er baute Strecken nicht nur in seiner östlichen Heimat, auch in Mittel- und Westdeutschland, in Polen, Ungarn und Frankreich war er tätig. Er errichtete Waggon- und Lokomotivfabriken, kaufte Eisengruben und Kohlenbergwerke, vor allem aber Grundbesitz (so auch den seiner Vorfahren in Neidenburg). Schließlich besaß Strousberg etwa 300 000 Morgen Land und Wald, ein prachtvolles Palais in der Berliner Wilhelmstraße (der Amtssitz des Fürsten Bismarck lag in unmittelbarer Nähe), und eine Gemäldesammlung im Wert von 2,5 Millionen Mark. Sein Rat wurde selbst von Bismarck geschätzt, der Strousberg 1869 um ein Treffen bat, um mit ihm "die Entwicklung des Staatsschuldenwesens" zu besprechen.

Als Henry Strousberg dann auch in Rumänien eine Eisenbahnlinie bauen wollte, ereilte ihn das Unglück: 22 Millionen Mark Schulden bei der Moskauer Commerz-Leih-Bank waren aufgelaufen. Strousberg wurde 1875 in Moskau verhaftet und dort zwei Jahre lang festgehalten. Er mußte Konkurs anmelden und wurde erst durch die Intervention seiner Frau und des Auswärtigen Amtes entlassen.

Zu den wohl eindrucksvollsten Dokumenten, die jetzt die Stiftung Stadtmuseum Berlin von der Urenkelin Strousbergs als Schenkung erhalten hat, gehört auch der Briefwechsel zur Haftentlassung des einstigen Eisenbahnkönigs. Über 100 Zeugnisse aus dem bewegten Leben des Neidenburgers sind nun in Berlin zu finden: Ahnentafeln, Taufzeugnisse, Heiratsurkunden, Mitgliedskarten, Ordensdiplome (Strousberg erhielt u. a. den Königlichen Kronen-Orden IV. und III. Klasse sowie den Leopold-Orden des Belgischen Königshauses), Briefe und Zeitungsausschnitte die Familie Strousberg betreffend. Nur durch ein schnelles Eingreifen konnten diese wichtigen Papiere, die Aufschluß geben über ein Einzelschicksal, aber auch über die bewegte Gründerzeit, vor dem Sperrmüll gerettet werden. Sie befinden sich im Stadtmuseum Berlin in guter Gesellschaft, werden dort doch auch die Porträts von Bethel Henry Strousberg und seiner Gattin Mary Ann, gemalt in den sech-ziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Gustav Graef, und das Fa-milienbildnis, das Ludwig Knaus 1870 in Berlin malte, aufbewahrt.

Auch als Strousberg schließlich vor dem Nichts stand, gab er nicht auf. So veröffentlichte er 1878 eine wirtschaftliche Betrachtung über Berlin als "Stapelplatz des Welthandels durch einen Nord-Ostsee-Kanal". Ein Vorhaben, das erst drei Jahre nach dem Tod des Neidenburgers realisiert wurde. – Bethel Henry Strousberg starb am 31. Mai 1884 in Berlin. Noch heute erinnert der Vorort Strausberg an der Ostbahn nach Königsberg an diesen Ostdeutschland aus Neidenburg.Peter van Lohuizen

 
     
     
 
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