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Kulturpflege im Hirschberger Tal: Schlesien im Wandel

 
     
 
Weitgehend unbemerkt von der hiesigen Öffent- lichkeit vollzieht sich in den alten deutschen Landschaften des Ostens - zum Beispiel in Niederschlesien - eine Wiederentdeckung der deutschen Kultur und der jahrhundertelangen deutschen Geschichte dieser Regionen.

Im polnischen Staat wird die Entwicklung von kulturbeflissenen polnischen Einwohnern, den Restgruppen deutscher Bevölkerung
und vertriebenen ostdeutschen Aktivisten forciert, die trotz fehlender bzw. geringer werdender öffentlicher Mittel unverdrossen für ihr Kulturerbe eintreten.

Unmittelbare Unterstützung erfährt ihr Anliegen durch Einzelpersonen, die sich beispielsweise in Schlesien wieder niederlassen konnten und nun gemeinsam mit bundesdeutschen Einrichtungen um den Besitz der Vorfahren, aber auch die Wohlfahrt der nach der Vertreibung angesiedelten Neubürger bemüht sind. Dieses "Niederschlesien im Wandel" kennenzulernen, war Ziel einer 40köpfigen Reisegesellschaft des Bundes der Vertriebenen aus Nordrhein-Westfalen, die dazu in Lomnitz, Erdmannsdorf und Stonsdorf logierte, also in Orten südöstlich von Hirschberg im Vorland des Riesengebirges. Für viele bedeutete es ein Wiedersehen, für andere die Entdeckung von Neuland.

Stonsdorf war den meisten nur durch den "Stonsdorfer Bitter" bekannt, den dort für lange Zeit die Firma Körner hergestellt hatte. Der Ort wurde schon Anfang des 14. Jahrhunderts genannt und zieht sich am Ende des Prudelberges durch eine teils enges Bachtal, das am oberen Ende von dem kleinen Landschloß Ober-Stonsdorf, einem schlichten Barockbau des 18. Jahrhunderts, abgeschlossen wird.

Der weite Park, der in Wald übergeht und sich in zwei größeren Teichen spiegelt, ist erhalten und wieder begehbar gemacht worden. Das Schloß gehörte ebenso wie das Herrenhaus der jüngeren Linie der Prinzen Reuß in Nieder-Stonsdorf, die 1945 enteignet und vertrieben wurden. Es enthielt seit dem 18. Jahrhundert eine bedeutende Gemäldesammlung, deren Verbleib unklar ist. Man muß jedoch das Schlimmste befürchten: Denn fast alle Schlösser des Hirschberger Tales wurden nach der Besetzung durch die Rote Armee geplündert, wobei unschätzbare Kulturwerte verlorengingen oder zerstört wurden.

In Ober-Stonsdorf ist immerhin auch das im klassizistischen Stil erbaute Wirtschaftsgebäude erhalten, das ein Dachreiter schmückt, dessen Uhr - wie seltsamerweise bei anderen deutschen Wanduhren ebenfalls feststellbar - um 6.30 Uhr abends stehengeblieben ist.

Inzwischen hat das Schloß einen neuen Besitzer, Wenzel Dzida, der dort ein Restaurant und Hotel eröffnet hat und umfangreiche Renovierungen vornehmen ließ. Leider verfallen zeitgleich die früheren Nebengebäude immer weiter, desgleichen das Herrenhaus in Nieder-Stonsdorf.

Von der Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Stonsdorf einer der "besuchtesten und vorzüglichsten Ergötzungsorte" der ganzen Gegend war, kann man einstweilen nur träumen.

An der Straße von Hirschberg ins vielbesuchte Krummhübel unterhalb der Schneekoppe liegt der Ort Zillerthal-Erdmannsdorf mit dem Schloß Erdmannsdorf, das nach dem Vorbesitzer Feldmarschall von Gneisenau bis 1909 der preußischen Königsfamilie gehörte, die es als Sommersitz nutzte.

Das um 1840 im neugotischen Stil umgebaute und renovierte Schloß befand sich bis 1945 im Besitz des Fabrikanten Rudolph und beherbergt heute eine Schule. Der von Lenné angelegte Park, einst einer der schönsten Landschaftsparks Schlesiens, ist heute an vielen Stellen verunstaltet, wenn auch die Kirche und die "Villa Liegnitz" erhalten geblieben sind.

Bemerkenswert ist das vor dem Schloß stehende Denkmal, das an Johann Fleidl erinnert, den Anführer der evangelischen Tiroler, die 1837/38 von König Friedrich Wilhelm III. auf seinem Gutsbesitz angesiedelt wurden. Für diese etwa 300-400 Glaubensflüchtlinge entstanden mehr als 40 Bauernhäuser im Tiroler Stil, von denen noch gut 30 erhalten sind. Zwei besonders wichtige Häuser konnten durch Vermittlung des "Vereins zur Erhaltung der schlesischen Kunst und Kultur" (VSK) mit deutschen und österreichischen Spendengeldern gerettet werden. Im "Tiroler Haus" (Dom Tyrolski) führte der VSK-Vorsitzende Dr. Berndt die Reisegruppe durch die zweisprachig gehaltene Ausstellung zur Geschichte der Kolonie Zillerthal.

Auch Schloß Lomnitz, unmittelbar am Bober gelegen, sah im Laufe der Geschichte eine ganze Reihe verschiedener Eigentümer. Zuletzt konnte das stark verfallene Große Schloß von einer polnisch-deutschen Eigentümergesellschaft erworben werden und wird mit Hilfe der Deutsch-Polnischen Stiftung, des VSK und weiterer Spender zum Kulturzentrum ausgebaut.

Zusammen mit dem bereits instandgesetzten "Witwenschlößchen", in dem sich ein Hotel samt stilvollem Restaurant befindet, sowie dem wieder gepflegten Park ist es zu einem Anziehungspunkt des ganzen Tales geworden.

Ein traurigeres Schicksal widerfuhr dem benachbarten Schloß Schildau. Zeitweise ebenfalls im Besitz des Preußenkönigs, wurde der monumentale Bau im Zweiten Weltkrieg Gefangenenlager und nach der Enteignung und Plünderung von 1945 Sitz einer LPG. Heute bildet er die Konkursmasse einer polnisch-italienischen Eigentümergesellschaft, die bereits mit der Renovierung begonnen hatte.

Die Schlösser Jannowitz (Grafen Stolberg), Fischbach und Buchwald sind erhalten und werden auf unterschiedliche Weise genutzt: Jannowitz als Heim für geistig kranke Menschen, das versteckt Wasserschloß Fischbach als polnischer Privatbesitz und Schloß Buchwald als Landwirtschaftsakademie.

Den einst von Graf Reden, preußischer Minister und Initiator des oberschlesischen Bergbauwesens, angelegten Landschaftspark mit Sicht auf das Riesengebirge und die Koppe rühmte schon Theodor Körner mit dem Satz: "Denn wo die Kunst sich zur Natur gestaltet, da wird des Lebens schönste Pracht entfaltet."

Von dieser Pracht ist gegenwärtiges vieles leider nur noch in ruinösem Zustand sichtbar. Einige der früher rund 40 Schlösser im Hirschberger Tal - etwa Maiwaldau, Rohrlach oder Kupferberg - haben den Kommunismus nicht überstanden und sind nach ihrem Verfall völlig abgetragen worden.

Es wird großer gemeinsamer deutsch-polnischer Anstrengungen bedürfen, um das frühere schlesische Paradies wenigstens in Teilen wiederherzustellen. Lomnitz kann dabei als nachahmenswertes Beispiel gelte
 
     
     
 
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