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Wo die 80-Stunden-Woche Alltag ist

 
     
 
Die Weihnachtszeit naht und wer freut sich da nicht, Geschenke günstig erwerben zu können. Woher sie kommen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden, weiß kaum jemanden und interessiert auch kaum jemanden. Wie sehr die Menschen in Asien für ein billiges Handy auf unserem deutschen Gabentisch leiden müssen, hat die niederländische Organisation "Stichting Onderzoeg Multinational
e Ondernemingen" herausgefunden. So müssen Mitarbeiter bei einem chinesischen Zulieferer für den Handy-Hersteller "Motorola" ohne Schutzkleidung mit hochgiftigen Chemikalien arbeiten. Krankenhausaufenthalte von Mitarbeitern aufgrund von Vergiftungserscheinungen konnten bisher in neun Fällen belegt werden. Ein anderer "Motorola"-Zulieferer zahlte bis vor kurzem einen Stundenlohn von neun Cent. Chinesen, die für einen "Nokia"-Zulieferer tätig waren, wurden Toiletten-Pausen untersagt und sie mußten zwölf Stunden am Tag sieben Tage die Woche durcharbeiten, während ihre Arbeitgeber sich dank dieser Ausbeutung zu den Reichen ihres Landes zählen können.

All dies geschieht in einem Land, in dem der Alptraum der zwangsegalisierter Arbeitssklaven in den Volkskommunen und Industriekonglomeraten sowie die Ausmerzung des Bürgertums in der Kulturrevolution vor 30 Jahren zu Ende ging. Heute hat die Ungleichheit in China lateinamerikanische Dimensionen erreicht. Die oberen zehn Prozent verdienen als neue Ober- und Mittelschicht 45 Prozent des Nationaleinkommens. Bei einem statistischen Durchschnittseinkommen von 1600 US-Dollar müssen 47 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen, 25 Prozent gar mit weniger als einem US-Dollar. Dazu kommt eine hohe Steuerlast, der auf den Dörfern, wo 850 Millionen Chinesen leben, keinerlei staatliche Dienstleistungen gegenüber stehen. So müssen Bauern in Sichuan mit einem Bareinkommen von 25 US-Dollar im Jahr 37 US-Dollar an Steuern zahlen. Da bleibt nur, die Kinder zum Arbeiten zu schicken oder als Tagelöhner sich der 160 Millionen starken Armee der Wanderarbeiter anzuschließen.

In der Küstenprovinz Guangdong arbeiten allein 20 bis 30 Millionen dieser Wanderarbeiter. Sie arbeiten 13 bis 14 Stunden täglich. Das Ganze sieben Tage die Woche, bei zwei freien Tagen im Monat, die zur Reise in das Heimatdorf verwendet werden. Angelernte Näherinnen, die in 80 Wochenarbeitsstunden Stofftiere zusammennähen, erhalten 65 US-Dollar monatlich, von denen ihnen zwölf US-Dollar für Kantinenessen und ihr Bett in einem Wohnheim abgezogen werden.

Die Selbstausbeutung ist genauso rücksichtslos. So werden in den Großstädten Taxis von zwei Fahrern im Monat für 300 US-Dollar angemietet, um dann ohne Pause gefahren zu werden.

Am schlimmsten sind die Arbeitsbedingungen sicher im Bergbau. 7000 Bergleute sterben alljährlich unter Tage bei Grubenunglücken. Das sind 80 Prozent aller Grubenopfer weltweit. Die Ursachen sind veraltetes Gerät, unerfahrene Arbeiter, Weiterarbeit auch bei erhöhten Gaskonzentrationen und bei Feuer unter Tage. Die 25000 chinesischen Bergwerke sind zumeist erschöpft und bei 320 Tonnen Kohle pro Kumpel im Jahr (zwei Prozent des US-Niveaus) extrem unproduktiv. Angesichts des wachsenden Hungers der chinesischen Wirtschaft nach Rohstoffen und Energieträgern zahlen die Bergwerke mit 60 US-Dollar monatlich höhere Löhne als die Industrie. Genug für die meisten, um ihr Leben zu riskieren.

Die Arbeitslosenzahl liegt in den Städten offiziell bei 7,5 Millionen (3,5 Prozent). Real dürften es doppelt so viele sein. Die zehn Millionen gekündigten und nur noch minimal entlohnten Staatsarbeiter sind als einstige Helden der Arbeit in dieser Quote genausowenig enthalten, wie jene zehn Millionen Schulabbrecher, die sich in den Vorstädten herumtreiben, die Wanderarbeiter oder die auf 100 Millionen geschätzten unterbeschäftigten Bauern. Jährlich strömen 13 Millionen Schul- und Hochschulabsolventen neu auf den überfüllten Arbeitsmarkt.

 

Ohne jede staatliche Unterstützung

Universelle Renten, Schutz vor Krankheitskosten, Invalidität und Arbeitslosigkeit hat es in China noch nie gegeben. Die entsprechenden Dienstleistungen der Staatsbetriebe wurden Mitte der 90er Jahre aufgegeben. Der einst kostenlose, minimale öffentliche Gesundheits- und Schuldienst ist schon lange aufgelöst worden. Seither kostet von der Wiege bis zur Bahre alles Geld. Nur in den reichen Küstenstädten wie Schanghai wurde jetzt für mittellose Stadtbürger eine Sozialhilfe eingeführt. Diese gibt es natürlich nicht für Wanderarbeiter. Unter dem sozialen Druck des rastlosen Booms, der Massenmigrationen und der Härte der Arbeitswelt beginnen die Familien zu zerbrechen. Die Scheidungsraten steigen, ebenso wie die Zahl der verlassenen Kinder und der Alten, um die sich niemand mehr kümmert, am allerwenigsten der Staat, der privaten wie religiösen Initiativen die Arbeit erschwert.

Foto: Wanderarbeiter: Chinas Großstädte haben Probleme, die vom Land anreisenden Menschen unterzubringen.
 
     
     
 
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